In New Orleans herrscht das Chaos
01. September 2005, 21:56Brände und Kämpfe, Leichen auf den Strassen, Schüsse auf Polizisten und Rettungshubschrauber: Das überflutete New Orleans versinkt in Anarchie und Chaos.
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Infografik
- New Orleans - Plan von Stadt und Region
Die Behörden befürchteten tausende Tote. Bisher sind 121 Leichen geborgen worden. Die meisten Toten waren im Bezirk Harrison zu beklagen. Allein in einem Wohnblock in der Kleinstadt Biloxi kamen nach Angaben des Katastrophenschutzzentrums 30 Menschen um.
Hilfshubschrauber beschossen
Bei der Evakuierung des Superdomes mit seinen 25'000 Flüchtlingen spielten sich dramatische Szenen ab. Nach Berichten über Schüsse auf einen Militärhubschrauber stoppte der medizinische Rettungsdienst seine Flüge. Leute feuerten aus der Nähe auf Helikopter und Polizisten und riefen ihnen zu: «Ihr solltet lieber meine Familie abholen.» Tausende verzweifelte Menschen verstopften den Sammelpunkt für die Evakuierung per Bus Richtung Texas. Es brachen Feuer aus.In dem Stadium funktionierten keine Toiletten mehr, wegen des beissenden Gestanks trug das medizinische Personal Masken. Der Leiter des medizinischen Rettungsdienstes, Richard Zuschlag, sagte, Sanitäter hätten ihn um Hilfe gebeten, weil sie sich vor Bewaffneten im Stadion fürchteten.
Tote und weinende Babys
Vor dem Convention Center waren die Bürgersteige überfüllt mit Menschen, die ohne Wasser, Nahrung und medizinische Hilfe ausharrten. Mindestens sieben Tote lagen herum. Die Leiche eines alten Mannes lag auf einer Couch auf dem begrünten Mittelstreifen, davor weinten hungrige Babys.Von einer Decke bedeckt lag eine tote Frau in ihrem Schaukelstuhl, neben ihr ein weiterer, in ein Laken eingeschlagener Körper. Der 47-jährige Daniel Edwards sagte: «Ich habe meinen Hund nicht so behandelt. Ich habe ihn begraben.» Der 68 Jahre alte Geistliche Isaac Clark klagte: «Wir sind hier draussen wie Tiere. Wir haben keine Hilfe.»
Tausende Todesopfer befürchtet
«Wir wissen, dass es noch viele Tote im Wasser gibt, und weitere auf den Dachböden der Häuser», sagte der Bürgermeister Nagin. Es gebe mehrere hundert, wahrscheinlicher aber tausende Tote. Damit wäre dies die schwerste Naturkatastrophe in den USA seit dem Erdbeben von San Francisco 1906. Die Stadt wird laut Nagin für ein bis zwei Monate nicht bewohnbar sein.Soldaten fuhren in gepanzerten Fahrzeugen ein. Im gesamten Katastrophengebiet waren 28000 Soldaten im Einsatz, so viele wie nie zuvor nach einer Naturkatastrophe in den USA.
Überfälle und Plünderungen
Dutzende Raubüberfälle wurden gemeldet. Auch ein Lastwagen mit Medikamenten für ein Krankenhaus wurde überfallen. Polizisten sagten, auf sie sei geschossen worden. In Gretna bei New Orleans wurde ein Krankenhaus geschlossen, nachdem ein Lastwagen mit Hilfsgütern von Bewaffneten bedroht worden war. Dutzende Autos wurden gestohlen. Ein Polizist und ein Plünderer wurden von Schüssen verletzt.Nach dem Bruch von zwei Dämmen strömte das Wasser weiter ungehindert in die Stadt, die bereits zu 80 Prozent in einer rotbraunen Suppe aus Abwasser, Benzin und Müll stand. Stellenweise stand das Wasser sechs Meter hoch.
Bush sen. und Clinton sollen Spendekampagne lancieren
US-Präsident George W. Bush will morgen die Katastrophengebiete besuchen. Er bat seinen Vater, Expräsident George Bush, sowie seinen Amtsvorgänger Bill Clinton, um Spenden zu werben. Angesichts der Plünderungen erklärte der Präsident, der Bruch von Gesetzen dürfte nicht toleriert werden.Bush sagte, seine Regierung habe die grösste Hilfsaktion in der Geschichte der Vereinigten Staaten gestartet. «New Orleans ist verwüsteter als New York es war», sagte der Präsident mit Blick auf die Anschläge vom 11. September 2001. Zuvor hatte er sich auf seiner Rückreise von Texas nach Washington einen persönlichen Eindruck vom Ausmass der Katastrophe verschafft, als er einen Teil der Südküste überflog.%perl>
New Orleans und das Wasser
Seit ihrer Gründung 1718 muss die amerikanische Südstaatenmetropole New Orleans, gelegen am Rande des Mississippi-Deltas, gegen Überschwemmungen kämpfen. Sehr früh entstanden erste kleine Dämme. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zudem viele der nahen Sümpfe mit Hilfe von Pumpen trocken gelegt. Heute umgeben Deiche auf einer Länge von mehr als 200 Kilometern die Metropole am riesigen Pontchartrain-See. Nur weil die Dämme das Wasser fern halten, bleibt die Stadt normalerweise trocken.Denn ganze Stadtteile liegen bis zu sechs Meter unter dem Meeresspiegel. Und die Stadt sinkt weiter ab, 1 Meter in 100 Jahren. Gründe sind unter anderem die Trockenlegung von Feuchtgebieten, die Ableitung von Sedimenten ins Meer - statt in Überschwemmungsgebiete - sowie der Anstieg des Meeresspiegels. Oft wird New Orleans wegen der besonderen Lage mit einer Suppenschüssel verglichen.
Das Wasser prägte New Orleans seit jeher in verschiedenen Formen: durch den Golf von Mexiko, den Fluss Mississippi, die Sümpfe des Deltas und den Pontchartrain-See. Der Salzwassersee im Norden der Stadt ist mit einer Fläche von gut 1600 Quadratkilometern drei Mal so gross wie der Bodensee. Der Pontchartrain ist 3 bis 5 Meter tief und besitzt in östlicher Richtung eine schmale Verbindung - über den Borgne-See - zum Golf von Mexiko.
Ausser den Dämmen schützten bislang auch zahlreiche Pumpstationen sowie ein System von Kanälen und Schleusen New Orleans vor dem Schlimmsten. Allerdings stehen viele der Pumpen an den tiefsten Punkten der Stadt und sind jetzt selbst überflutet. Einige sind von Treibgut verstopft, andere vom Sturm zerstört. Die Pumpen können normalerweise auch schwere Wolkenbrüche bewältigen, doch für die aktuellen Wassermassen sind sie nicht ausgelegt. Wohin sollten sie das Wasser auch pumpen, wenn der Pontchartrain-See in die Stadt strömt? Experten schätzen, dass es Monate dauern wird, bis New Orleans wieder halbwegs trocken liegt.
In der Stadt leben 470'000 Menschen, in der Region sind es 1,4 Millionen. Im Mississippi-Delta liegt ein wichtiger Seehafen. Auffällig ist das Footballstadion «Superdome» mit mehr als 84'000 Plätzen, das zuletzt ein Zufluchtsort für Zehntausende Hurrikan-Vertriebene war. Weltweit bekannt ist New Orleans durch den Jazz. Die Altstadt (French Quarter) ist Hauptanziehungspunkt für Hunderttausende Touristen, die die Stadt jährlich besuchen.






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