Ausland

Tausende Tote befürchtet

05. September 2005, 16:01

Knapp eine Woche nach dem Hurrikan Katrina haben die Rettungskräfte mit einer systematischeren Suche nach Überlebenden und der Bergung von Leichen in New Orleans begonnen. Die Zahl der Toten wird in die Tausende gehen.

US-Gesundheitsminister Michael Leavitt sprach heute davon, dass Leichen in den Kanälen trieben, verlassen in Rollstühlen lagen, auf den Strassen oder versteckt auf Dachböden. «Es wird so furchtbar, wie man es sich nur vorstellen kann», sagte Heimatschutzminister Michael Chertoff gegenüber «Fox News».

Eine erste Behördenbilanz listete 59 Tote auf, davon zehn im Superdome. Im Bundesstaat Mississippi sind bislang 152 Todesopfer registriert worden. In einem Gefängnis von St. Gabriel wurde eine Leichenhalle eingerichtet; allein dort rechneten die Gesundheitsbehörden mit 1000 bis 2000 Toten. Die Behörden befürchten, dass die hohe Zahl nicht geborgener Leichen das Seuchenrisiko erhöht.

Den Helfern im Katastrophengebiet läuft derweil die Zeit davon. Ein Hauptmann der Küstenwache sagte dem Nachrichtensender CNN heute, obwohl alle seine Männer bis zur totalen Erschöpfung arbeiteten, werde für viele die Hilfe zu spät kommen.

Dammbruch repariert
Spezialeinheiten gelang es, einen knapp 100 Meter langen Dammbruch in New Orleans zu reparieren. Nach Armeeangaben wurden 700 rund 1500 Kilo schwere Sandsäcke über der Bruchstelle abgeworfen. Nach der Reparatur dieses Dammes wird es rund drei Monate dauern, bis das Wasser aus dem gesamten Stadtgebiet abgepumpt sein wird.

Heute gingen die Arbeiten an weiteren beschädigten Deichen voran. «Das Wasser geht zurück. Wir haben aber noch einen langen Weg vor uns», sagte Mike Rogers vom US-Pionierkorps.

Der Präsident des Verwaltungsbezirks Jefferson südlich von New Orleans, Aaron Broussard, schilderte dem Fernsehsender NBC erregt, dass die Mutter eines für das Katastrophenmanagement zuständigen Mannes in einem Altenheim gefangen gewesen sei. «Jeden Tag rief sie ihn an und sagte: 'Kommst Du, mein Sohn? Kommt jemand?' Und er sagte, 'Ja, Mama, jemand wird Dich am Dienstag holen. Jemand wird Dich am Mittwoch holen. Jemand wird Dich am Donnerstag holen. Jemand wird Dich am Freitag holen.' Und am Freitagabend ist sie ertrunken.»

Evakuierung mit Hubschraubern
Nach der Rettung zehntausender Menschen aus dem Superdome und dem Convention Center wollte die Küstenwache heute die Evakuierung mit Hubschraubern fortsetzen. Sie rief die Menschen in New Orleans auf, ihr Haus mit farbigen oder weissen Wäschestücken zu kennzeichnen. Doch war unklar, ob diese Botschaft in der Stadt, in der es weitgehend keinen Strom gab, auch ankam.

Im französischen Viertel liessen sich zwei Dutzend Menschen nicht davon abhalten, eine jährliche Schwulenparade abzuhalten. Der 23 Jahre alte Strassenmusiker Matt Menold sagte: «Es ist New Orleans, Mann. Wir werden feiern.»

Zwei Polizisten begingen Selbstmord
Die Sicherheitslage in der Stadt bleibt aber prekär. Gestern erschossen Polizisten mindestens fünf Männer, die das Feuer auf Arbeiter auf dem Weg zu einer Dammreparatur eröffnet hatten. Die 14 Arbeiter waren im Auftrag einer Pioniereinheit der Armee im Einsatz und wurden nach Angaben eines Militärsprechers von Polizisten eskortiert. Zu der Schiesserei kam es auf der Danziger Brücke über einen Kanal, der den See Pontchartrain mit dem Mississippi verbindet.

Unterdessen häufen sich die Berichte über eine wachsende psychische Belastung der Einsatzkräfte. Mindestens zwei Polizisten setzten ihrem Leben mit einem Schuss in den Kopf ein Ende.

Texas fliegt Flüchtlinge aus
In den nicht unmittelbar vom Hurrikan Katrina betroffenen Staaten wächst inzwischen die Sorge, wie die mehr als 500’000 obdachlos gewordenen Menschen versorgt werden können. Etwa 345’000 Menschen wurden laut CNN bis gestern in Notunterkünften untergebracht, davon 50’000 in Louisiana.

Allein in Texas trafen mehr als 230’000 Flüchtlinge ein. Gouverneur Rick Perry ordnete daher ein, einen Teil der Bedürftigen in andere Staaten auszufliegen. In New Mexico trafen 6000, in Arizona 2000 Betroffene ein.

Hurrikan Katrina hat ein Gebiet von der Fläche Grossbritanniens verwüstet. Rund eine Million Einwohner in drei Bundesstaaten verloren ihr Zuhause. Die Gesamtschäden werden auf bis zu 100 Milliarden Franken. geschätzt.

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