Zehntausende gestorben

11. Oktober 2005, 00:14

Nach dem Erdbeben wird die Lage der Überlebenden in der schwer zugänglichen Himalaya-Region Kashmir immer dramatischer. In Pakistan kamen Schätzungen zufolge 41'000 Menschen ums Leben.

Im Norden Indiens starben 950 Menschen. 60'000 Menschen wurden nach pakistanischen und indischen Angaben verletzt, Tausende wurden zwei Tage nach der Tragödie noch vermisst.

2,5 Millionen Menschen verloren nach Angaben von Hilfsorganisationen ihr Heim. Der Uno zufolge sind vor allem Kinder betroffen. Sie machen die Hälfte der Bevölkerung im Krisengebiet aus.

Es würden 200’000 winterfeste Zelte benötigt. Die Überlebenden seien dringend auf Lebensmittel, Trinkwasser, Medikamente, Decken und Zelte angewiesen, teilte die pakistanische Regierung mit.

Das Beben der Stärke 7,7 auf der Richterskala erschütterte den Norden Pakistans, Nordindien und Afghanistan am Morgen des Samstag um 8.30 Uhr. Nach Angaben von Seismologen war es das schlimmste Beben in der Region seit genau 100 Jahren. Das Epizentrum lag im pakistanischen Teil Kashmirs.

Es fehlt an Nahrung, Wasser und Strom
Die Hilfe kam nur langsam an. Viele Strassen waren von Erdrutschen blockiert, erst heute konnten drei wichtige Strassen wieder benutzt werden. Regenfälle verschlimmerten die Lage.

In der Gebirgsregion harren viele ohne Nahrung, Wasser und Strom und bei eisigen Nachttemparaturen im Freien aus. «Wir haben das Beben überlebt, aber nun wird uns klar, dass wir an Hunger und Kälte sterben werden», sagte Mohammad Zaheer in der schwer zerstörten Stadt Balakot.

«Eine Generation verloren»
Die meisten Toten in Pakistan seien Schulkinder, sagte der pakistanische General Shaukat Sultan: «Eine ganze Generation ist verloren gegangen.» Allein in Balakot wurden unter drei Schulen tausend Kinder vermisst. Einwohner gruben oft mit blossen Händern nach ihnen.

Aus Wut über die langsame Hilfe plünderten Überlebende in der pakistanischen Kashmir-Hauptstadt Muzaffarabad Hilfstransporte. Andere brachen in Geschäfte ein.

Überlebende machten ihrem Ärger über die «langsame» Regierung Luft. «Die Menschen sind hilflos», sagte der Journalist Raja Iftikhar in Muzaffarabad. «Mein Haus ist zerstört. Hier liegen noch immer zwei Tote - aus meiner Familie.»

Überlebende nach 62 Stunden geborgen
Gleichzeitig gaben die Menschen die Hoffnung nicht auf und suchten weiter. So konnte in der Hauptstadt Islamabad ein junger Mann 36 Stunden nach dem Beben aus den Trümmern eines Hochhauses gerettet werden.

Nach 62 Stunden wurden schliesslich auch eine Frau und ein Kind aus den Trümmern eines Mietshauses in Islamabad befreit. Rettungskräfte und freiwillige Helfer brachen in lauten Jubel aus, als sie die beiden aus dem Schutt zogen, wie ein Augenzeuge berichtete. Die Rettungskräfte bemühten sich noch um die Befreiung eines weiteren Kindes, sagte Asim Shafik. Aus dem Trümmerhaufen seien mehrfach Stimmen zu hören gewesen, so dass Hoffnung auf weitere Überlebende bestehe.

Auch in Balakot wurde der Einsatz der Retter belohnt: Sie fanden fünf Kinder unter einer Schule - lebend. Allerdings wurden bereits 70 Kinderleichen geborgen.

Hilfe unterwegs - auch vom Erzrivalen
Nach Balakot unterwegs waren sieben Schweizer Experten. Zwei weitere sind laut der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) bereits in der Region. Die Schweizer sollen zusammen mit der Uno die Hilfe koordinieren. Etwa 500 Experten aus aller Welt wurden nach Pakistan entsandt, drei Schweizer Logistiker werden morgen mit einem Hilfsflug anreisen.

Sogar aus Indien kommt Hilfe. Die Nachbarländer haben um das vom Erdbeben zerstörte Kaschmir seit 1947 zwei Kriege geführt. Nun nahm die Regierung Pakistans ein Hilfsangebot für 25 Tonnen Hilfsgüter aus Neu Delhi an.

Auch aus anderen Ländern kamen Zusagen: So versprachen die USA 50 Millionen Dollar und sandten acht Helikopter; die EU gab 3,6 Millionen Euro. Die Schweizer Regierung versprach 1 Million Franken; Schweizer Hilfswerke 750’000 Franken.

Die schwersten Erdbeben seit 1980

Das Erdbeben in Pakistan ist eines der schwersten der vergangenen 20 Jahre. Schon früher wurde das Land schwer getroffen. So fanden im Mai 1935 bis zu 60'000 Menschen den Tod, als ein Beben der Stärke 7,5 die Stadt Quetta fast völlig zerstörte.

26. Dezember 2004:
Vor der Nordwestküste der indonesischen Insel Sumatra löst ein Beben der Stärke 9,0 gewaltige Flutwellen (Tsunamis) aus, die binnen weniger Stunden die Küsten des Indischen Ozeans verheeren. Etwa 225'000 Menschen kommen ums Leben.

26. Dezember 2003:
Die historische Stadt Bam und umliegende Ortschaften der iranischen Südost-Provinz Kerman werden von einem verheerenden Beben weitgehend zerstört. Mindestens 30'000 Menschen sterben. Stärke der Erdstösse: 6,6 bis 6,8.

26. Januar 2001:
Der indische Bundesstaat Gujarat wird von einem Erdbeben der Stärke 7,9 verwüstet. In den Trümmern zusammengestürzter Häuser sterben nach einer amtlichen Bilanz 17'110 Menschen, Hilfsorganisationen schätzen die Zahl der Opfer auf etwa 50'000.

17. August 1999:
Die Türkei wird vom schlimmsten Beben seit 1939 heimgesucht. Im Raum Izmit sterben mindestens 17 840 Menschen. Die Erschütterungen der Stärke 7,4 lassen zahllose Bauten einstürzen.

17. Januar 1995:
Die japanische Insel Honshu wird von einem Beben der Stärke 7,2 heimgesucht. 6433 Bewohner kommen ums Leben. Besonders betroffen ist Kobe. Rekord-Sachschäden bis zu 100 Milliarden Dollar.

30. September 1993:
Ein Beben der Stärke 6,2 verwüstet im Südwesten Indiens Dutzende Ortschaften. Bis zu 30'000 Tote.

21. Juni 1990:
Beim schlimmsten Beben (Stärke 7,7) des Jahrhunderts in Iran kommen bis zu 50'000 Menschen zu Tode. Zentrum der Zerstörungen ist die Schwarzmeerküste um Rasht.

7. Dezember 1988:
Im Nordwesten Armeniens zerstören Erdstösse der Stärke 7,0 die Stadt Spitak nahezu vollständig und weitgehend auch Leninakan, das heutige Gumairi. Etwa 25'000 Tote.

19. September 1985:
Trotz grosser Entfernung zum Epizentrum des Bebens der Stärke 8,1 wird Mexiko-Stadt schwer getroffen. Mindestens 9500 Tote.

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