«Wir haben offensichtlich unseren Job bisher nicht genügend gut gemacht»
19. Oktober 2005, 12:39Der Direktor des Bundesamtes für Gesundheit gesteht Mängel in der Kommunikation ein. Und er garantiert, dass selbst im schlimmsten Fall genug Tamiflu für alle Betroffenen bereitliegt.
Mit Thomas Zeltner sprachen Bettina Mutter und Iwan Städler
Herr Zeltner, viele Schweizerinnen und Schweizer scheinen Ihnen nicht zu glauben: Tausende decken sich mit Tamiflu ein, obwohl das Bundesamt für Gesundheit davon abrät. Macht Ihnen das Sorgen?
Offenbar ist es uns nicht gelungen, unsere Argumente zu vermitteln. Da sind wir kommunikativ noch gefordert.
Was ist schief gelaufen?Zum einen macht uns zu schaffen, dass einige Leute eine andere Haltung vertreten als wir. Zum andern haben wir offensichtlich unseren Job bisher nicht genügend gut gemacht. Mir fällt auf, dass die Verunsicherung in der Deutschschweiz deutlich höher ist als in der Romandie und im Tessin.
Wie erklären Sie sich das?Die Deutschschweizer reagieren generell sensibler auf diffuse Gefahren wie Strahlen, Gentechnologie oder die nun drohende Grippeepidemie. Weshalb, weiss ich nicht.
Tragen die Medien zur Angst bei?Die Medienberichterstattung hat sicher einen verstärkenden Effekt.
Der «SonntagsBlick» titelte: «Haben unsere Beamten schon die Vogelgrippe?» Ärgern Sie solche Schlagzeilen?Sie gehören zum Business. Für uns lautet die Botschaft: Wir müssen besser werden.
Erklären Sie die Vogelgrippe zur Chefsache?Das war sie schon bisher. Aber jeder Chef ist manchmal abwesend. Für solche Fälle hat er eine Stellvertretung.
Hätten Sie letzte Woche nicht selbst hinstehen müssen?Nein, meine Stellvertreterin, Flavia Schlegel, hat das gut gemeistert. Zu Beginn der Woche war es ja noch ruhig. Erst gegen Ende der Woche – nach der Ausbreitung der Vogelgrippe in Rumänien und der Türkei – nahm die Beunruhigung zu.
Mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und dem Bundesamt für Veterinärwesen befassen sich zwei Ämter aus unterschiedlichen Departementen mit der Vogelgrippe. Erschwert das die Arbeit?Überhaupt nicht, die Zusammenarbeit ist exzellent. Unsere Ämter liegen ja nur wenige Meter voneinander entfernt. Wir treffen uns mindestens einmal wöchentlich in einem Koordinationsgremium. Dort vertreten ist auch das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung. Diese Organisation genügt zurzeit.
Wann nicht mehr?Sollte ein neues Virus entstehen, das von Mensch zu Mensch übertragen wird, kann der Bundesrat einen Pandemie-Stab einberufen.
Mit einem Mister Vogelgrippe?Das muss der Bundesrat entscheiden.
Gibt es eine Liste von möglichen Personen?Ja. Aber ich nenne Ihnen keine Namen.
Wäre die Schweiz ausreichend vorbereitet, wenn uns die Vogelgrippe morgen erreichen würde?Man muss unterscheiden: Kommt die Vogelgrippe – die Tierkrankheit – sind wir gut vorbereitet. Anders sieht es aus, wenn eine Pandemie ausbrechen würde - das heisst eine neue hochansteckende Infektionskrankheit bei Menschen auftreten würde. Es wäre wohl arrogant, wenn irgendein Land behaupten würde, es sei heute vollumfänglich darauf vorbereitet. Ich nehme aber mit Freude zur Kenntnis, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) uns zubilligt, dass wir zu den am besten vorbereiteten Ländern gehören.
Was fehlt noch?Die Frage der Tamiflu-Verteilung und die Impfstoffbeschaffung. Auch die Auswirkungen auf Wirtschaft, Verkehr und Aussenpolitik sind noch nicht geklärt.
Wie viel Tamiflu liegt heute – am 19. Oktober 2005 – in den Pflichtlagern?Zurzeit sind es 96 Prozent der zwei Millionen Dosen, die bis Ende Jahr bereit sein müssen. Wir werden also für 25 Prozent der Bevölkerung Tamiflu haben. Das können nur wenige Länder von sich behaupten.
Und was ist mit den übrigen 75 Prozent?Wir gehen auch in einem Pandemie-Fall nicht davon aus, dass gleich die gesamte Bevölkerung erkrankt. Tamiflu braucht es vor allem für die erste Welle. Danach sollten wir einen Impfstoff haben. Das Tamiflu-Pflichtlager reicht selbst im schlimmsten anzunehmenden Fall.
Wie würde das Medikament verteilt?Ein Patient wird ganz normal zu seinem Arzt gehen. Hat dieser den Eindruck, es handle sich um die Pandemie-Grippe, wird er Tamiflu verschreiben. Das Mittel wäre wie gewohnt bei der Apotheke zu beziehen. Sollte Roche Lieferschwierigkeiten haben, wird der Bundesrat die Firma anweisen, die Pflichtlager zu öffnen.
Und wenn die Ärzte so überlastet sind, dass sie nicht alle Kranken behandeln können?Dann sind die Kantone aufgerufen, nach ihren Krisenplänen zu handeln. Im allerschlimmsten Fall käme der Sanitätsdienst der Armee zum Einsatz. Das halte ich aber für ein unrealistisches Szenario.
Ihre Stellvertreterin, Flavia Schlegel, sagte im Fernsehen, im Fall einer Pandemie würden alle Bezugsberechtigten Tamiflu gratis erhalten. Stimmt das?Richtig ist, dass sie es nicht selbst bezahlen sollen. Sinnvoll scheint mir eine Übernahme durch die Krankenkasse.
Aber Tamiflu ist nicht kassenpflichtig.Noch nicht. Das würden wir im Pandemie-Fall rasch ändern können. Die Kompetenz dazu liegt bei mir.
Der Berner Immunologe Beda Stadler kritisiert Ihre Tamiflu-Politik. Er will das Medikament für alle freigeben, damit man es zu Hause lagern kann. Denn Tamiflu wirke vor allem in den ersten 36 Stunden. Es müsse daher schnell verfügbar sein. Versteht er nichts von der Sache?Beda Stadler ist ein guter Kollege von mir. Er hat oft erfrischend provokative Ideen. In diesem Fall habe ich aber Mühe mit ihm. Ich finde es die dümmste von allen Ideen, Tamiflu für rezeptfrei zu erklären. So gäbe es innert weniger Tage kein einziges Päckchen mehr, weil sich auch gleich das Ausland hier eindecken würde. Diverse Regierungen suchen ja verzweifelt danach.
Können Sie garantieren, dass im Notfall alle innert 36 Stunden Tamiflu bekommen?Garantieren ist ein grosses Wort. Es kann immer Ausnahmen geben.
Können Sie es für die Mehrheit garantieren?Ja.
Nun ist Beda Stadler nicht der Einzige, der sich selbst mit Tamiflu versorgt hat. Auch andere Fachleute taten das. Und Nationalrat Filippo Leutenegger hat seine Familie damit eingedeckt. Das verunsichert.Es wird immer Leute geben, die nicht unserer Meinung sind. Umso wichtiger ist, dass die Ärzte und Apotheker sich unserer Position angeschlossen haben. Das trägt hoffentlich zur Beruhigung bei.
Es gibt aber Ärzte, die Gefälligkeitsrezepte ausstellen, und Apotheker, die auf ein Rezept verzichten. Finden Sie das verwerflich?In der Tat. Es ist aber nicht an uns, sondern an den Kantonen, dagegen vorzugehen. Tamiflu scheint für einige eineArt psychologischer Rettungsanker in ihrer diffusen Angst zu sein. Offenbar können sie nur ruhig schlafen, wenn sie das Medikament zu Hause haben.
Auch eine Impfung würde beruhigend wirken. Sie wollen 100 000 Dosen gegen das Vogelgrippe-Virus H5N1 bestellen. Bekommt die Schweizer Firma Berna Biotech den Auftrag, diese zu produzieren?Das Bundesamt für Bauten und Logistik prüft die Offerten. Wir haben diesbezüglich diese Woche eine Sitzung. Noch existiert aber der Impfstoff nicht.
Man kann sich aber gegen die saisonale Grippe impfen. Nützt das nichts?Die saisonale Grippe, die Vogelgrippe und eine Pandemie sind drei verschiedene Dinge. Man darf sie nicht miteinander verwechseln. Eine Impfung gegen die saisonale Grippe nützt weder gegen die Vogelgrippe noch gegen ein Pandemie-Virus.
Trotzdem haben Sie Geflügelhaltern eine solche Impfung empfohlen.Das ist eine Ausnahme. So können wir unnötige Aufregungen vermeiden. Dank der Impfung kommt es zu weniger Fehlalarmen, wenn ein Geflügelhalter eine normale Grippe hat.
Wer sollte sich weiter gegen die saisonale Grippe impfen?Vor allem Ältere. Für junge, gesunde Leute ist eine saisonale Grippe dagegen kein Drama. Sie brauchen sich nicht zu impfen.
Besteht ansonsten die Gefahr, dass allenfalls zu wenig Impfstoff da ist und Risikopatienten sterben?Das ist nicht auszuschliessen. Die saisonalen Grippeimpfungen haben sich bei 1,25 Millionen Dosen eingependelt. Wenn sich nun plötzlich viel mehr Leute impfen lassen wollen, könnte es knapp werden.
Starten Sie nun eine Präventionskampagne, um das zu vermeiden?Wir reden morgen Donnerstag über diese Impfkampagne. Da werden wir sagen, dass jüngere Leute eine Grippe in Kauf nehmen können.
Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass aus der Tierseuche eine Pandemie wird, das Virus also von Mensch zu Mensch springt?Da bin ich gleich besorgt wie die Weltgesundheitsorganisation. Es geht nicht um die Frage, ob die Pandemie kommt, sondern wann sie uns erreicht und wie stark sie sein wird. Normalerweise gibt es alle 25 bis 30 Jahre eine. Die letzte liegt über 30 Jahre zurück. Wir hinken also statistisch hinterher.
Wann rechnen Sie mit einer Pandemie?Ich gehe nicht davon aus, dass es bereits in diesem Jahr der Fall sein wird. Der Rest ist Spekulation.
Als Direktor des BAG tragen Sie die Verantwortung für den Schutz der Bevölkerung vor einer Pandemie. Wie belastend ist das?Es ist zweifellos belastend. Es gehört zu den schwierigeren Teilen meiner Aufgabe, mit einer so ungewissen Bedrohung umgehen zu müssen. Das bereitet mir ab und zu schlaflose Nächte.
In jüngster Zeit öfters als vorher?Ja, klar.
Gibt es Massnahmen, die Sie treffen möchten, aber für die Ihnen die Mittel fehlen?Uns fehlen derzeit die Mittel für den Impfstoff. Und die Frage der Tamiflu-Finanzierung ist ebenfalls noch nicht geregelt. Wichtig ist zudem, dass meine Leute jetzt wegen der vielen Arbeit nicht in ein Burnout geraten.
Sie selbst sind nicht nahe am Burnout?Nein, das bin ich nicht.








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