Die Mafia mag nicht, wenn man über sie lacht

21. März 2006, 11:49

Satire in Sizilien? An Stoff mangelt es dem Blatt «Pizzino» nicht. Zum Beispiel: In Sizilien gewann Silvio Berlusconis Lager vor fünf Jahren 61:0. Ein Witz? Kein Witz!

Von Oliver Meiler, Palermo

Man riecht ihn noch, den Fisch. Als späten Gruss vom hellen Tag. Es ist Nacht. Die schwachen Birnen der Kandelaber leuchten die Piazza nur knapp aus, werfen ein fahles, orangefarbenes Licht auf blätternde Fassaden. Ein Platz in der Vucciria, dem alten Quartiersmarkt im warmen Herzen Palermos, Sizilien. Ein öffentlicher Wasserhahn steht in der Mitte, darunter waschen sie am Morgen den ausgenommenen Fisch. Der Hahn tröpfelt still nach. Wir trinken Bier, eine grosse Flasche, aus Pappbechern, 1.20 Euro, gekauft in einer dieser unprätentiösen Bars an der Piazza, wo die Jungen hingehen am Abend, alternatives und politisch engagiertes Volk.

Sie kaufen Bier, tragen die Flasche raus, setzen sich auf den Boden. Das ist billiger. So vermag man auch zwei Flaschen. Gianpiero sagt: «Wir wollen schliesslich überleben.» Metaphorisch meint er das. Er meint «Il Pizzino», das Satireblatt, die erste Satirezeitung in Sizilien seit fünfzig Jahren, seine Idee. Im Grunde ist es ein vierfach gefaltetes Plakat, das sich nach der Lektüre als Affiche auf Hausmauern und an Schlafzimmerwände kleben lässt – gegen die Mafia, gegen Cosa Nostra und ihre Kultur der Unterdrückung, gegen die komplizenhafte Politik.

Wacher Blick, ironischer Esprit

«Il Pizzino» gibt es erst seit einem Jahr. Der Name ist die Verkleinerungsform von «pizzo»: So nennt man die Schutzgeldsteuer der Mafia. Der «Pizzino» liegt in Buchhandlungen und Szenelokalen auf. Oder er hängt. Gianpiero Caldarella macht die Zeitung zusammen mit seinen Studienfreunden Leonardo Vaccaro und Francesco Di Pasquale. Alle sind sie dreissig, Kommunikationswissenschafter: wacher Blick, ironischer Esprit, kreative Feder und Mut. Aber ohne Geld. Und so trinken wir Bier, zwei grosse Flaschen, da, wo sie gerne hinkommen für nächtliche Redaktionsversammlungen. Inserate haben sie keine, wenn schon, dann verballhornen sie die Werbung.

Das Blatt kostet 1 Euro, das Abonnement 12. Freunde zahlen mehr, auch die, die mitschreiben, mitkarikieren, mitdenken. Und Freunde und Gönner hat «Il Pizzino» mittlerweile in ganz Italien, Tausende. Auch im Norden, in Mailand und Turin etwa, wo vielen das ferne Sizilien, da unten im Süden, immer noch wie «Africa» vorkommt. Sizilien ist ein italienischer Sonderfall, eine Insel der Unseligen. Die Mafia macht hier das schöne und das schlechte Wetter, wie die Italiener sagen. Sie bestimmt.

«Alles ist Geschäft», sagt Gianpiero. Auch die Politik. Vor fünf Jahren gewann die rechte Koalition um Silvio Berlusconi, das so benannte Haus der Freiheiten, alle 61 sizilianischen Parlamentsmandate. Alle! Kein einziger Sitz ging an die Linke. 61:0! Ein Witz? Kein Witz! So etwas hatte es noch nie gegeben. Man brauchte es nicht als soziologisches Phänomen zu untersuchen, auch nicht als politologisches. Denn es war natürlich kein Phänomen, es war ein Geschäft. Auf dem italienischen Festland registrierte man den Kantersieg denn auch als Fatalität. Man schüttelte den Kopf, höchstens. Nachgefragt wurde nicht. Sizilien hat einen Ruf, es wurde ihm gerecht. Nur die Justiz wollte mehr wissen. Und das hier ist die Bilanz von Carlo Rotolo, Präsident des Appellationsgerichts von Palermo, in seinem letzten Jahresbericht (in Klammern die Veränderung zu 2004): Erpressung (plus 29 Prozent), Wucher (plus 53 Prozent), Geldwäscherei (plus 21 Prozent), Bestechung (plus 50 Prozent). Rotolo schreibt: «Über das bewährte Stimmengeschäft gewährt die Mafia der Politik ihre Unterstützung und erhält im Gegenzug viele Privilegien.» Gesetze, Bauaufträge, Hafterleichterung. Ein Tauschgeschäft.

Gegen eine ganze Heerschar von Lokalpolitikern der christdemokratischen Partei UDC und von Berlusconis eigener Partei Forza Italia wird ermittelt – wegen Mafiaverdachts. Auch und vor allem gegen Totò Cuffaro, den Gouverneur Siziliens. Kronzeugen der Cosa Nostra belasten ihn schwer: Millionen soll er kassiert haben. Und er soll versucht haben, Clans gegeneinander auszuspielen. Das war nicht geschickt. Darum reden die. Doch Cuffaro kandidiert für ein zweites Mandat und dazu noch für einen Sitz im nationalen Parlament. Ein Witz? Kein Witz! Solch realsatirische Geschichten sind es, die den «Pizzino» nähren. «Satire soll nicht grausam sein», sagt Francesco, der politischste der drei Köpfe, «sie soll befreien, sie soll dir helfen, die erdrückende Ohnmacht zu ertragen, diese Unterwerfung. Weisst du, wie lange der Zug von Palermo nach Syrakus auf der anderen Seite Siziliens, 260 Kilometer, braucht – nein? Sieben Stunden.» Ein Witz? Kein Witz! Der «Pizzino» hat die betreffende Seite aus dem Fahrplan der Staatsbahnen kopiert und publiziert. Und zwar in der Nummer zur geplanten Brücke über die Strasse von Messina, «der grössten Hängebrücke der Welt», die ausser der Mafia (aus Geschäftsinteressen) und Berlusconi (als Denkmal) niemand will – und braucht.

Merkwürdig verklemmt

Der Ton des «Pizzino» ist nie böse, immer aber scharf ironisch. Gianpiero sagt: «Die Mafia mag es nicht, wenn man über sie lacht. Damit trifft man sie am meisten.» Die Mafiosi, viele von ihnen waren Bauern, wollen stark sein und gefürchtet, unfehlbar, Autoritäten. Lachen ist eine Beleidigung, eine Majestätsbeleidigung. Gelacht hat auch Peppino Impastato, ein beliebter Radiomoderator in Sizilien, einer, dem man zuhörte. Einmal nahm er in seiner Sendung den Boss Gateano «Tano» Badalamenti auf den Arm. Er sagte: «Tano, setz dich!» Als wär der ein Schülerbub und er, Peppino, der Lehrer. Das war vor dreissig Jahren. Sie töteten Peppino Impastato. Weil er spottete. «Angst?», fragt Leonardo, der die Grafik des «Pizzino» macht, «mich fragt man immer: Wer steht hinter euch? Wer schützt euch? Passt auf euch auf! Und ich sag dann: Solange wir nicht wirklich viel Lärm machen, lassen sie uns in Ruhe.» Es gibt Widerstände, Boykotte. Einige Buchhandlungen wollen den «Pizzino» nicht ausstellen, wollen sich damit nicht exponieren. Die Lokalzeitungen berichten zwar über jede neue Nummer, jedoch merkwürdig verklemmt, irgendwie eingeschüchtert, kulturell bevormundet.

Die Insel ist klein, unselig klein, in sich geschlossen, und dramatisch schlecht ausgeleuchtet.

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