Ausland

Gedenken an Tschernobyl-Opfer

26. April 2006, 16:55

Hunderte Menschen haben in der Ukraine an Gedenkveranstaltungen zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor genau 20 Jahren teilgenommen. Der Unfall war der bislang folgenschwerste in der Geschichte der zivilen Kernenergie.

Wittwen von Tschernobyl-Opfern nehmen mit Porträts der Verstorbenen an der Gedenkzeremonie in Kiew teil.
Wittwen von Tschernobyl-Opfern nehmen mit Porträts der Verstorbenen an der Gedenkzeremonie in Kiew teil.
Mit Schweigeminuten und Glockengeläut haben die Menschen in der Ukraine vergangene Nacht an den 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnert. Mehrere hundert Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung in der Hauptstadt Kiew trugen roten Nelken und brennende Kerzen. Um 1.23 Uhr, als am 26. April 1986 der Reaktor in Tschernobyl explodierte, läuteten die Glocken 20 Mal. Präsident Wiktor Juschtschenko legte an einem Denkmal für Feuerwehrleute und Ingenieure, die infolge ihres Einsatzes gestorben waren, Rosen nieder. Im Laufe des Tages will er auch Tschernobyl besuchen.

In Slawutysch nahmen hunderte Menschen an einer Gedenkveranstaltung teil. Der Ort wurde für die Arbeiter des Atomkraftwerks gebaut, nachdem der Reaktor des Blocks IV explodiert war. «Meine Freunde sind vor meinen Augen gestorben», sagte Konstantin Sokolow, ein ehemaliger Arbeiter in dem Atomkraftwerk. Er versuche noch immer, die schrecklichen Erinnerungen an den Unfall zu verdrängen. Der 66 Jahre alte Mikola Malyschew sagte, seine Kollegen in dem zerstörten Reaktor hätten ihn nach der Explosion gedrängt schnell zu fliehen. «Wir sind schon tot, verschwinde», hätten sie ihm zugerufen.

Unterschiedliche Angaben über Opderzahlen
In der Nacht zum 26. April 1986 führte eine Explosion im Reaktor Nummer IV von Tschernobyl zum bislang folgenschwersten Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Zehn Tage lang wurden Regionen in Nord- und Westeuropa radioaktiv verstrahlt, hunderttausende Menschen mussten umgesiedelt werden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben mindestens 9300 Menschen an den Folgen der Strahlung. Internationale Organisationen wie Greenpeace nennen aber bis zu zehn Mal höhere Zahlen. Missbildungen bei Neugeborenen werden noch heute als Folge der Verstrahlung registriert.
Tschernobyl-Marsch in Minsk
Im benachbarten Weissrussland, das bis heute am stärksten von der Atomkatastrophe betroffen ist, wollen sich am Abend tausende Menschen am Tschernobyl-Marsch in der Hauptstadt Minsk beteiligen.

In der russischen Hauptstadt Moskau vertrieb die Polizei 13 Greenpeace-Aktivisten vom Roten Platz. Die jungen Demonstranten hatten sich an den Zaun der Basiliuskathedrale angekettet. Sie trugen gelbe T-Shirts mit einzelnen Buchstaben, die zusammengesetzt auf Russisch den Spruch «Nein zu neuen Tschernobyls» ergaben. Sie bezogen sich auf russische Pläne zum Ausbau der Kernenergie. «Wenn wir Energiesicherheit und eine stabile Entwicklung der Weltwirtschaft wollen, dann können wir uns nicht nur auf fossile Brennstoffe stützen», sagte Igor Schuwalow, Wirtschaftsberater von Präsident Wladimir Putin der «Berliner Zeitung».

Der zerstörte Reaktor von Tschernobyl wurde mit westlicher Hilfe in einen Beton-Sarkophag eingeschlossen, der allerdings brüchig ist.

Gesundheitliche Folgen

Die gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl sind höchst umstritten. Untersuchungen in Weissrussland und der Ukraine belegen folgende Entwicklungen in den kontaminierten Gebieten, die laut Medizinern jedoch nicht zwingend auf die Atomkatastrophe zurückzuführen sind:

- Zunahme der Fälle von Schilddrüsenkrebs, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen.

- Nach Uno-Angaben bereits 4000 Fälle von Schilddrüsenkrebs infolge radioaktiver Strahlung, Anstieg auf 8000 erwartet, bislang aber erst rund zehn Todesfälle.

- Zunahme der Fälle von Brustkrebs, vor allem auch bei jüngeren Frauen. Allein im weissrussischen Gomel wurde eine Steigerungsrate von 18 Prozent registriert.

- Mehr Hautkrebs, Leukämie, Lungenkrebs und Darmkrebs, häufig auch als Metastasen des Schilddrüsenkrebses, vor allem unter den so genannten Liquidatoren. Von diesen starben etwa 30 schon in den ersten Wochen nach der Katastrophe an überhöhter Strahlendosis.

- Zunahme der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle.

- Zunahme der psychischen Erkrankungen.

- Anstieg der Kindersterblichkeit und Zunahme der genetischen Missbildungen bei der Geburt.

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