Ausland

Dämmerung der «furbissimi»

15. Mai 2006, 09:21

In Italien verblasst der Mythos der Schlitzohrigkeit – im Fussball und anderswo. Ein Hauch von Tangentopoli hängt in der Luft. Und das just nach Berlusconis Abwahl. Ein Zufall?

Von Oliver Meiler, Rom

Silvio Berlusconi, Bernardo Provenzano, Cesare Previti, Stefano Ricucci, Luciano Moggi – was für eine Galerie gefallener Halbgötter, Vertriebene aus dem italienischen Halbhimmel! Und wie schnell sie doch alle fielen! Innert einem einzigen Monat. Einer nach dem andern: der Medientycoon, der Mafiaboss, der Magistratenschmierer, der Milliardenscheffler, der Mischler des Fussballs. Und zwar seit den Parlamentswahlen. Es wäre verlockend, eine Kausalkette zu knüpfen, zu sagen, der Fall des ersten Dominosteins - Berlusconis Abwahl – habe die anderen niedergerissen. Die Justiz habe sich erst dann frei gefühlt zu handeln. Doch dafür bedarf es etwas mehr historischer Distanz.

In Italien passiert etwas, etwas Grosses, eine Art Umwälzung, im besten Fall ein Paradigmenwechsel, sicher aber ein Oktavenwechsel im Grundtenor. Vielleicht zufällig, vielleicht mit überdrehtem Tempo. Doch niemanden verwundert es, dass diese plötzliche, zum Teil noch etwas scheinheilige Bewusstseinswerdung über eigene Unzulänglichkeit, falsche Mythen und Tugenden am Skandal im Fussball wächst – im Calcio, dieser Passion von Millionen, diesem Kulturfaktor sondergleichen, diesem Spielplatz der Macht, der Mächtigen und der Milliarden. Die Zeitungen sind voll mit dem «Calcio-Gate», dem «Tsunami», der den Fussball überrollt, und mit den Organigrammen dessen, was sie nun die «Cupola» nennen: die Mafia des Calcio. Man hatte ihnen ja viel zugetraut, diesen Mauschlern. Aber den Betrug an den Emotionen, den erträgt das Volk nicht.

Einen gemeinsamen Nenner haben die fünf folgenden italienischen Biografien. Die Herren spiegelten in ihrem Tun allesamt, jeder auf seinem Gebiet in idealtypischer Weise und womöglich mit gewissen Interdependenzen, die «furbizia»: die Schlitzohrigkeit mit einer Tendenz ins Perfide - eine Tugend im Zwielicht, Augenzwinkern inklusive. In Italien ist einer ein «furbo», wenn er es trotz allem schafft oder ohne besondere Begabung. Und zwar ganz egal wie. Die Achtung wächst umso mehr, als der «furbo» dabei den bösen, den ungeliebten Staat prellt, wenn er ihn vorführt, wenn er gegen ihn siegt. Oder wenn er die Lücke im Gesetz findet. Oder wenn er das lückenlose Gesetz ungestraft umgeht. Das liesse sich nun bis in den kleinen Alltag herunterbrechen. Die «furbizia» verblasst erst dann, wenn sich der Staat und das Gesetz revanchieren. Wie gerade jetzt und in einer erstaunlichen Häufung, die an Tangentopoli erinnert, an den hoffnungsfrohen Beginn der 90er-Jahre. Aber hier nun zunächst fünf prominente Beispiele dafür aus einem einzigen Monat italienischer Geschichte.

Der subversive Ministerpräsident

Als Silvio Berlusconi, 69, Mailänder Medienunternehmer mit ungeklärter Wirtschaftsfortüne und italienischer Ministerpräsident zwischen 2001 und 2006, in der Nacht auf Dienstag, 11. April, von seiner knappen Wahlniederlage erfuhr, sagte er mit der Stimme des Umstürzlers: «Dieses Resultat muss sich ändern.» Wie meinte er das wohl: mit einem Militärcoup? Drehen wir ein paar Monate zurück. Da legte Berlusconi, besorgt über die Umfrageresultate, dem Parlament ein neues Wahlgesetz vor. Sein Reformminister nannte es eine «Schweinerei» – im genialen, im furbesken Sinn. Berlusconis Lager paukte die Norm im Alleingang durch, änderte also die Spielregeln in letzter Minute. Furbo? Furbissimo! Und perfid. Als man ihn fragte, ob er nicht immer ein unbiegsamer Paladin des alten Wahlgesetzes gewesen sei, sagte Berlusconi: «Mein Wahlgesetz ist superdemokratisch: Wer eine Stimme mehr hat, der regiert.» So kam es denn auch raus, nur andersrum: Die Gegner holten eine Stimme mehr, oder etwas über 24 000 mehr.

Berlusconi war der Theoretiker der «furbizia» gewesen, er machte aus dem Tanz auf der gesetzlichen Borderline akzeptablen Mainstream: Staatlich subventionierten Kurzzeitarbeitern der Fiat riet er trotz Verbot zu einem schwarzen Zweitjob; Unternehmerkollegen zeigte er auf einer Weltkarte die Lage von Offshoreparadieschen für ihre Briefkästen; hohe Steuersätze deklarierte er als unmoralisch. Mehr noch als Theoretiker: Berlusconi war die stolze Inkarnation der «furbizia» – strafrechtlich durchaus relevant. Aber wer wollte bei einer grellen Aufstiegsgeschichte wie der seinen schon kleinlich sein? Er ist abgewählt.

Das Phantom mit Gesicht

Ein paar Stunden später, im Morgengrauen jenes 11. Aprils, wurde Bernardo Provenzano, 73, ohne Primarschulabschluss, in einer Scheune bei Corleone gefasst, der Boss der Bosse also, der Pate von Cosa Nostra, angeblich unauffindbar während 42 Jahren. Und er sagte zu den Staatspolizisten: «Ihr wisst nicht, was ihr tut.» In diesem Satz, gemäss Überlieferung ruhig vorgetragen, war alles drin: die Arroganz des vermeintlich Unbesiegbaren, eine messianische Selbstüberhöhung, dieser Glaube an die ewige Straflosigkeit. Italien fragte: Warum nahmen sie ihn ausgerechnet am Tag des Regierungswechsels fest, noch unter Berlusconis Innenminister? Lief da etwas schief: Sollte Provenzanos Festnahme als grosser Coup in den Tagen vor dem Urnengang den Ausgang der Wahlen beeinflussen? Denn so viel darf man behaupten: Hätten sie «Onkel Binu» kurz vor den Wahlen gefasst, dann hätte Berlusconi die Wahlen gewonnen.

«Ihr wisst nicht, was ihr tut.» Provenzano war geschützt. Nicht nur von seinen Männern. Er genoss den Schutz der Politik, der kleinen und grossen. Er hatte seine Maulwürfe überall. Anders geht das nicht: 42 Jahre Flucht. Das klingt wie ein Witz. Oder wie eine gigantische «furbizia». Provenzano bekämpfte den Staat und verhandelte gleichzeitig mit ihm. Den Italienern wurde ein Phantombild präsentiert, zuletzt ein neues. Nur Wochen vor der Fest-nahme erzählte Provenzanos Anwalt, der Boss sei tot, er diene dem Staat nur als Feindbild. Dann nahmen sie ihn fest. Er sitzt im Gefängnis in Terni, Umbrien, liest täglich die Bibel, betet. In Sizilien wächst der Nachwuchs. Das Phantom aber hat ein Gesicht. Game over.

Das bittere Grinsen des «Cesarone»

Als man Cesare Previti, 71, Römer Anwalt, einst Verteidigungsminister, nur zwei Wochen später in eine Einzelzelle des römischen Gefängnisses Rebibbia begleitete, fragte der den Wärter, ob es einen Satellitenanschluss gebe - für das Fussballspiel seines Vereins, Lazio Rom. Man sagte ihm, so weit sei man leider noch nicht. Previti soll sich beschwert haben. Freilich, er musste nur ein paar Tage in Gefängnishaft bleiben, dann gewährten sie ihm Hausarrest - gemäss einem eigens für ihn erlassenen Gesetz zu Gunsten betagter Verurteilter. Zwei Stunden darf «Cesarone» täglich raus, zwischen zehn und zwölf. Das ist nicht schlecht für einen, der mit etwa67 Millionen Euro Richter bestochen hat und dafür rechtskräftig zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Und dies ebenfalls kurz nach den Wahlen.

Previti, der frühere Geschäftsanwalt von Berlusconi, galt davor als unantastbar. Er war ein Profi der «furbizia», er konnte sie sozusagen wissenschaftlich und lukrativ anlegen. Und er wusste zu viel, er genoss deshalb die Protektion des Palazzo, der Macht. Berlusconi wollte seinen findigen Anwalt 1994 gar zum Justizminister machen, doch das ging dann dem Staatspräsidenten zu weit. Aus Previtis demonstrativem Grinsen sprach stets die Selbstsicherheit eines Mannes, der glaubte, die Justiz würde ihm nie beikommen. Er verschleppte seine Prozesse, er trickste. Im Volk war er das unpräsentable Alter Ego Berlusconis. Seine Verurteilung kam vielen unbescholtenen Bürgern wie eine gerechte, wenngleich skandalös späte Genugtuung vor.

Die Tränen eines Vorstadtschlitzohrs

Wieder nur ein paar Tage später meldete sich Anna Falchi, ein bekanntes TV-Showgirl in den Medien. Sie hatte gerade ihren Gatten im Gefängnis besucht: Stefano Ricucci, 45, Römer, einst Buschauffeur, dann Zahntechniker, dann Immobilienkönig, dann Grossraider. Er soll geweint haben. Späte Reue? Ricucci, auch «furbetto del quartierino» genannt (etwa: das Vorstadtschlitzohr), war im letzten Sommer über Nacht zum grössten Raider Italiens mutiert. Alles wollte er kaufen: den «Corriere della Sera», Banken und Versicherungen. Als Strohmann seiner fiebrigen Aktienkäufe beim «Corriere» vermutet man Berlusconi. Ricucci war in aller Munde, dominierte die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse und der People-Magazine. Seine Hochzeit mit Anna Falchi war ein Ereignis. Ricucci galt schnell als Newcomer, als Auffrischung im verkrusteten Wirtschaftsestablishment. Und wer dem entgegenhielt, es sei doch verwunderlich, wie da einer aus einer Wohnung, die ihm seine Eltern geschenkt hatten, in wenigen Jahren ein Imperiumvon etwa zwei Milliarden Euro geschaffen habe, dem wurde nostalgische Miesmacherei vorgehalten. Ricucci gefiel der plötzliche Ruhm, er zeigte sich auf seiner Jacht, prahlte, sonnte sich im Scheinwerferlicht. Sein Italienisch war approximativ, die Satiriker hatten ihre Freude daran. Doch er zog Fäden, jedenfalls sah es so aus. Furbo? Molto furbo! Wahrscheinlich bluffte er nur. Aber recht erfolgreich. Nun steht seine Firma unter Zwangsverwaltung. Und Ricucci selber sitzt im Gefängnis.

Der Marionettenspieler aus Turin

Im Fluss ist dieser Tage die Geschichtsschreibung um Luciano Moggi, 69, Toscaner. Er war einst Bahnhofvorstand, oder genauer: Er leitete die Billettabteilung im Bahnhof von Civitavecchia. Lange Jahre. Dann spürte er in sich ein Talent zum Talentspäher des Fussballs. Er tourte durch die Provinz, riet zum Kauf junger Männer mit guten Füssen, diente sich in Neapel an, brachte Diego Armando Maradona zum Vesuv. Dieser Coup sollte seinen Mythos begründen. Moggi wechselte ein paar Mal den Verein und heuerte dann 1994 in Turin an, als Sportdirektor von Juventus, dem besten Fussballklub Italiens, elf Millionen Fans, Filiale der Agnellis und von Fiat. Oft wurde er in Verbindung gebracht mit halbseidenen Machenschaften, Wettskandalen, Interessenvermengungen, und Kokain. Er konnte sich aber immer retten. War er geschützt? Juventus gewann Meistertitel in Serie. Und er lächelte stets das Lächeln des glücklichen Gamblers. Wenn einer den Kopf eines «furbo» hat, physiognomisch, dann Moggi. Er galt als König des Transfermarktes – ein Riesenbusiness. Man nahm immer an, dass er auch dreckig spielen konnte. Aber er war unerhört gut. Berlusconi wollte ihn vor ein paar Monaten nach Mailand zu seinem Verein AC Milan holen. Nun ist Moggi entlarvt und mit ihm das ganze System. Überall im Land ermitteln sie gegen ihn wegen Sportbetrugs, Manipulation der Meisterschaft, Bestechung von Schiedsrichtern, Wettbewerbsverzerrung im Transfergeschäft. Er ist zurückgetreten. Der Skandal ist riesig. Moggi galt als Marionettenspieler, als Mafiaboss des Calcio, als Boss der Bosse im Fussball. Auch sein Spiel ist aus.

Und alles zittert. Im Fussball sitzt, wer in diesem Land Rang und Namen hat. Der ganze Palazzo zittert. Warum gerade jetzt? Warum fallen die Götter der «furbizia» gleich reihenweise? Vielleicht gibt es ja doch eine Kausalkette. Das letzte Mal fühlte sich das Klima in Italien vor fünfzehn Jahren so an, als Mailänder Staatsanwälte den Korruptionssumpf von Tangentopoli, diese Verfilzung von Politik und Wirtschaft, trocken legen wollten. Zur Moralisierung hat es damals nicht gereicht: Im neuen, eben erst bestellten Parlament sitzen 93 Politiker aus jener Ersten Republik, deren Karriere zu Ende schien, befleckt für immer, definitiv. Furbi? Molto furbi!

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