Ausland

Päpstlicher Blick getrübt

29. Mai 2006, 06:41

Kommentar

Von Michael Meier

Benedikts Polenreise wurde zur Hommage an seinen Vorgänger Johannes Paul II. Mit dem Besuch in Auschwitz- Birkenau setze er dessen Versöhnungspolitik mit dem Judentum fort. Es hat ein besonderes historisches Gewicht, dass im deutschen Vernichtungslager ein Papst aus dem Land der Täter das Terrorregime der Nazis verurteilte.

Es dient der Sache allerdings wenig, wenn man das mit dem Papstamt geadelte Deutschtum mystifiziert, so wie das der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky tut. Schon die Wahl Benedikts zum Papst habe zur weiteren Rehabilitation Deutschlands beigetragen, sagte er. So wie von Deutschland im vorigen Jahrhundert viel Unheil ausgegangen sei, so komme jetzt von einem Deutschen viel Segen über die Welt.

Auschwitz hat Benedikt «als Sohn des deutschen Volkes» , vor allem aber als Kirchenoberhaupt besucht. Punkto Mitschuld am Antisemitismus bleibt sein Blick auf die eigene Institution allerdings genauso getrübt wie jener seines polnischen Vorgängers. Ähnlich wie dieser sprach Benedikt in Warschau bloss von Sündern in der Kirche, nicht aber von der sündigen Kirche.

Der Antijudaismus war nicht nur die Haltung einiger Katholiken, sondern bis zum Krieg eine historische Konstante, christlicher Mainstream. Um davon abzulenken, bedient sich die päpstliche Sprachregelung des Begriffs «neuheidnischer Antisemitismus» . In Anlehnung an Johannes Paul geisselte Benedikt letztes Jahr in der Synagoge von Köln die «wahnwitzige neuheidnische Rassenideologie» . Diese habe ihre Wurzeln ausserhalb des Christentums. Gewiss, Rassenantisemitismus hat die Kirche nie gepredigt.

Sie hat diesen aber genährt, indem sie den sozialpolitischen Antisemitismus, der die Juden gesellschaftlich zurückdrängen sollte, für erlaubt erklärte. Es ist schon verblüffend, wenn ein Papst, zumal ein so glaubensfester wie Benedikt, fragt: «Warum, Herr, hast du geschwiegen in jenen Tagen?» Noch verblüffender aber wäre es gewesen, wenn er in Auschwitz nicht theologisch, sondern historisch gefragt hätte: Warum hatte die Kirche zur Vernichtung des europäischen Judentums geschwiegen?

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