Ausland

Hizbollah-Chef erklärt Israel den «offenen Krieg»

14. Juli 2006, 20:37

Zwei Tage nach der Verschleppung israelischer Soldaten durch die Hizbollah-Miliz im Libanon steuert die Region auf einen offenen Krieg zu. Die israelische Luftwaffe flog rund um die Uhr Bombenangriffe gegen Ziele im Libanon und zerstörte das Hizbollah-Hauptquartier in Beirut. Hizbollah-Chef Nasrallah erklärte Israel den «offenen Krieg».

Auch das Büro und der Wohnsitz von Hizbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah seien bei dem Angriff getroffen worden, teilte die Miliz mit. Nasrallah erklärte Israel daraufhin den «offenen Krieg».

«Ihr habt einen offenen Krieg gewollt, Ihr werdet diesen bekommen», sagte Nasrallah am Abend im schiitischen Fernsehsender al-Manar. «Dies wird ein Krieg auf allen Ebenen, in Haifa und ausserhalb von Haifa», sagte der Chef der radikalislamischen Organisation.

Die Hizbollah habe bereits ein israelische Kriegsschiff vor der Küste der libanesischen Hauptstadt Beirut zerstört. Das Schiff stehe in Flammen und werde sinken. Libanesische Sicherheitskreise bestätigten, ein Schiff der israelischen Marine sei von Raketen getroffen worden. Zwei Geschosse hätten das Schiff erreicht, hiess es. Bei der israelischen Armee hiess es dagegen, das Schiff sei bei einem Angriff leicht beschädigt worden. Verletzt worden sei dabei niemand.

Kampfflugzeuge bombardierten ausserdem den Flughafen von Beirut und zerstörten Brücken der Fernstrasse nach Damaskus. Im Mittelmeer wurde die Seeblockade aufrecht erhalten. Die Hisbollah feuerte wieder Katjuscha-Raketen auf Siedlungen im Norden Israels. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich in die Schutzräume zu begeben. Die dramatische Eskalation im Nahostkonflikt kostete bisher mindestens 75 Menschen das Leben, darunter zwölf in Israel.

Uno-Sicherheitsrat: Keine Forderung nach Waffenstillstand
Der Uno-Sicherheitsrat beendete inzwischen seine Dringlichkeitssitzung zur israelischen Offensive im Libanon ohne die Forderung eines Waffenstillstands. In einer von der amtierenden französischen Ratspräsidentschaft verlesenen Erklärung begrüsste das Gremium lediglich die Entsendung eines Uno-Vermittlerteams durch Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Der Sicherheitsrat fordere «alle Staaten und alle betroffenen Parteien auf, mit diesem Team in vollem Umfang zusammenzuarbeiten», erklärte der französische Uno-Botschafter Jean-Marc de La Sablière. Der Sicherheitsrat erwarte den Bericht der Vermittler «sobald wie möglich», hiess es in der Erklärung weiter.

Trotz zunehmender Kritik aus dem Ausland kündigte die israelische Regierung eine Fortsetzung der Angriffe an. Die Offensive werde bis zur Entwaffnung der Hizbollah-Miliz andauern, sagte Ministerpräsident Ehud Olmert in einem Telefongespräch mit Uno-Generalsekretär Kofi Annan, wie aus seinem Büro verlautete. Olmert liess aber die Ankunft eines Uno-Teams zu, das eines Waffenstillstand vermitteln soll. US-Präsident George W. Bush sagte dem libanesischen Regierungschef Fuad Saniora zu, dass er Israel bewegen wolle, die Schäden zu begrenzen und die Zivilbevölkerung zu schonen.

Bei Luftangriffen auf den schiitischen Süden von Beirut wurden drei Menschen getötet und 55 verletzt, wie die libanesische Polizei mitteilte. Damit stieg die Zahl der seit Mittwoch ums Leben gekommenen Libanesen auf 61. Die Luftangriffe auf Beirut waren gestern Abend mit Flugblättern angekündigt worden. In den dicht besiedelten südlichen Stadtteilen liegen das Hauptquartier der Hizbollah, das Büro von Hizbollah-Führer Sayyed Hassan Nasrallah und der Fernsehsender der Organisation, Al-Manar.

Nach den Angriffen bot sich ein Bild der Verwüstung. Neben Häusern und zwei Brücken wurde auch ein Treibstofftank bei einem Kraftwerk getroffen. Trümmer stürzten auf geparkte Autos. Feuerwehrleute bemühten sich, die zahlreichen Brände zu löschen. Das Hauptquartier der Hizbollah blieb jedoch unversehrt, wie ein AP-Fotograf beobachtete.

Auf israelischer Seite kamen bisher acht Soldaten und zwei Zivilpersonen ums Leben. Die Hizbollah feuerte wieder mehrere Katjuscha-Raketen auf Siedlungen im Norden Israels. Am stärksten betroffen waren die Siedlungen Sarit, Kirjat Shemona und Shaar Jeshuv. Mindestens elf Bewohner wurden verletzt.

Angriffe auch an der zweiten Front
Auch an der zweiten Front zum Gazastreifen setzte Israel seine Offensive fort. Die Luftwaffe griff in der Nacht mehrere Einrichtungen der Hamas-Bewegung an. Auch die Hauptstrasse der Stadt Gaza wurde beschädigt. Ein Palästinenser wurde getötet, als eine Panzergranate seinen Lastwagen traf, der sich einem Stützpunkt genähert hatte. Im südlichen Gazastreifen wurden Artillerieverbände umgruppiert. Dennoch gelang es militanten Palästinensern, mindestens drei Kassem-Raketen auf die israelische Stadt Sderot abzufeuern.

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