Hat Benedikt ein Tabu gebrochen?
15. September 2006, 16:10Papst Benedikt XVI. ist noch nicht in Rom gelandet, da bricht die Welle der Empörung los.
Von Peer Meinert, DPAEs begann in der Türkei: «Feindselig und provozierend» seien seine Worte über den Islam gewesen, sagte ein hoher muslimischer Geistlicher. Das war nur der Anfang, innerhalb weniger Stunden eskalierte der Streit, aus allen Teilen der islamischen Welt hagelte es Kritik. Heute detonierte im Gaza-Streifen vor einer Kirche ein Sprengsatz.
Noch gestern Abend hatte ein Vatikansprecher versucht, die Wogen zu glätten - vergeblich. Gut ein Jahr ist Joseph Ratzinger im Papstamt - jetzt hat er mit seinen gelehrigen Worten einen offenen Konflikt mit dem Islam hervorgerufen. Italienischen Vatikanexperten hatten den «wunden Punkt» in der gewundenen und etwas sperrigen Rede des ehemaligen Professor Ratzingers an der Universität Regensburg sofort erkannt. Etwas «bizarr» sei die Art und Weise, wie der Papst da mit den Muslimen umgehe, sagte Marco Politi, einer der renommierten Vatikanisten. Die Zeitung «Corriere della Sera» argwöhnte gleich, ob es bald eine Fatwa (ein Todesurteil) islamischer Geistlicher gegen den Papst gebe. Aber noch war der Ton der Debatte eher leicht und amüsiert.
Kritik an Mohammed tabu
Das hat sich heute schlagartig geändert: Die grösste Organisation islamischer Staaten OIC wirft Benedikt XVI. vor, er habe eine «Verleumdungskampagne» gegen den Islam und den Propheten Mohammed losgetreten. Das Parlament in Pakistan forderte, das katholische Kirchenoberhaupt solle seine Worte zurücknehmen.«Indem er vom Propheten Mohammed und dem Koran spricht, hat Benedikt ein Tabu verletzt», versucht die römische Zeitung «La Repubblica» zu erklären. Zwar dürften Geistliche über die Ethik, die Friedensidee oder etwa die Familienpolitik der jeweils anderen Religion reden und dabei auch Kritik üben. «Aber niemals über die heiligen Texte und die Dogmen» der jeweils anderen Religion. Vor allem: Kritik am Propheten Mohammed sei tabu.
Tatsächlich hatte Benedikt XVI. in seiner strittigen Rede auf Koransuren verwiesen, zudem die alte «Streitaxt» des Jihad ausgegraben, der Heilige Krieg des Islams. Gleichsam im Vorbeigehen streifte er noch die hoch komplizierte Debatte zwischen Vernunft und Glauben (sein Lieblingsthema).
Bewusste Provokation?
Doch dann zitierte er einen christlichen Herrscher aus dem Mittelalter, ausführlich - scheinbar genüsslich liess er den Mann zu Wort kommen, der vor gut 600 Jahren meinte, Mohammed habe «nur Schlechtes und Inhumanes» gebracht. War dem Professor bewusst, welche Empfindlichkeiten er da berührte?Seit längerem gibt es Stimmen in Rom, die meinen, allein mit der Forderung nach «Dialog» komme man kaum weiter beim Thema Islam und Gewalt. «Wenn es im Namen des christlichen Gottes Anschläge wie vom 11. September gäbe, würde jeder Dorfpfarrer dagegen von der Kanzel wettern», sagte ein Insider schon vor einiger Zeit. Soll heissen: Auch islamische Geistliche müssten Farbe bekennen. Das hatte Johannes Paul II., der kämpferische Pole, auch schon gefordert - allerdings ohne missverständliche und gelehrige Zitate aus dem Mittelalter.












Die Welt in Bildern







































