Ausland

Vetomächte beraten über mögliche Sanktionen

10. Oktober 2006, 06:45

Nach dem Atomtest Nordkoreas haben die fünf Vetomächte des Uno-Sicherheitsrats in New York Beratungen über mögliche Strafmassnahmen aufgenommen. Die USA haben eine Reihe von Sanktionen gegen Nordkorea vorgeschlagen.

Der Uno-Botschafter der USA, John Bolton, legte einen 13 Punkte umfassenden Resolutionsentwurf der US-Regierung vor. Der Resolutionsentwurf sei an alle 15 Mitgliedländer des Sicherheitsrats übermittelt worden, und es werde etwas Zeit brauchen, bis Reaktionen vorliegen, sagte Bolton gestern in New York.

Einzelheiten zu dem Entwurf nannte er nicht. Nach Angaben von Diplomaten wollen die USA Fracht von und nach Nordkorea auf Massenvernichtungswaffen untersuchen. Auch werde ein vollständiges Waffenembargo vorgeschlagen sowie ein Einfrieren der Mittel, die im Zusammenhang mit dem nordkoreanischen Waffenprogramm stehen. Zudem sei ein Verbot von Luxusgütern geplant.

Schnelle Reaktion angestrebt
«Wir wollen eine sehr schnelle Reaktion des Uno-Sicherheitsrats», sagte Bolton zu Journalisten. «Notfalls werden wir rund um die Uhr arbeiten, um schnell zur Annahme einer Resolution zu kommen.»

Auch Frankreichs Uno-Botschafter Jean-Marc de La Sablière bezeichnete als «wichtig, schnell zu handeln.» Diplomaten erklärten indes, die Verabschiedung von Sanktionen könnte einige Tage dauern, da die Mitglieder des Sicherheitsrats mit ihren Regierungen beraten würden.

Die Sanktionen müssten «wirklich weh tun», forderte der US-Chefunterhändler in den Atomgesprächen mit Nordkorea, Christopher Hill. Es reiche nicht, dem nordkoreanischen Führer Kim Jong Il einen Brief zu schicken.

Der Uno-Sicherheitsrat müsse Massnahmen ergreifen, um Nordkoreas Fähigkeit einzuschränken, Technologie und Gelder für Massenvernichtungswaffen zu erhalten, forderte er Hill im US-Sender Fox News.

Suche nach angemessenen Massnahmen
Der Sicherheitsrat suche nach «angemessenen Massnahmen, die Nordkorea eine scharfe und klare Antwort» auf den Atomtest geben, hatte Ratspräsident Kenzo Oshima (Japan) nach einer Dringlichkeitssitzung vor Journalisten gesagt. Dabei hatte der Sicherheitsrat den Atomwaffentest scharf verurteilt und Konsequenzen angedroht.

Nordkorea hatte den Atomtest vom Montag vergangene Woche angekündigt. Das international weitgehend isolierte Regime in Pjöngjang hatte die Testpläne mit der angeblichen nuklearen Bedrohung, den Sanktionen und dem Druck der USA begründet.

Nach südkoreanischen Angaben bereitet das kommunistische Nachbarland möglicherweise einen zweiten Atomtest vor. Auf einem weiteren mutmasslichen Testgelände im Nordosten des Landes seien verdächtige Personen- und Fahrzeugbewegungen entdeckt worden, zitierte die nationale Nachrichtenagentur Yonhap den südkoreanischen Geheimdienstchef Kim Seung Kyu.

Russland bestätigt Nordkoreas Test
Russland hat den nordkoreanischen Atombombentest bestätigt. Die russischen Überwachungssysteme haben «den Test einer Atomwaffe in Nordkorea entdeckt», zitierte die Nachrichtenagentur Itar-Tass Generalleutnant Wladimir Werchowzew aus dem Verteidigungsministerium. «Es ist hundert Prozent sicher, dass es eine unterirdische Atomexplosion war.»

Nach Angaben der französischen Regierung hat Nordkorea eine Explosion von der Stärke einer halben Kilotonne Sprengstoff ausgelöst. Es sei aber nicht eindeutig festzustellen, dass es sich um einen Atomtest gehandelt habe, sagte Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie. Die französische Atombehörde, die über die sensibelsten Testgeräte verfügt, habe entsprechende Informationen weitergegeben.

Der Chef des südkoreanischen Geheimdienstes, Kim Seung Kyu, schätzte die Stärke des Atomtests laut Yonhap auf weniger als eine Kilotonne. Möglicherweise würden weitere Test vorbereitet. Wie ein Sprecher des staatlichen Koreanischen Instituts für Geowissenschaften erklärte, hatte der Atomtest Nordkoreas eine Sprengkraft von 550 Tonnen TNT. Es wäre demnach ein verhältnismässig kleiner Sprengsatz gewesen. Dies wurde auch in Frankreich vermutet, Russland ging von einer möglichen Stärke von 5000 bis 15’000 Tonnen TNT aus.

Die Atombomben, die die USA im Zweiten Weltkrieg auf Japan abwarfen, waren weit grösser. Die am 6. August 1945 über Hiroshima gezündete Bombe hatte eine Sprengkraft von 15’000 Tonnen TNT, die am 9. August 1945 über Nagasaki abgeworfene Bombe entsprach 21’000 Tonnen TNT.

Es wird vermutet, dass Nordkorea Plutonium für mindestens vier, vielleicht aber auch mehrere Dutzend Atombomben hat. Pyongyang verfügt über ein Raketenprogramm, in dessen Rahmen auch Langstreckenraketen entwickelt werden. Technisch ist das Land aber vermutlich noch nicht in der Lage, einen Atomsprengsatz zu bauen, der klein genug für eine Rakete ist. Bislang gelten weltweit acht Staaten als Atommacht: die USA, Russland, China, Grossbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan und Israel.

Zunächst keine Bestätigung aus den USA
Die USA wollten einen Atomtest zunächst noch nicht bestätigen. Es habe ein «seismisches Ereignis» in einem möglichen nordkoreanischen Atomtestgelände gegeben, erklärte das weisse Haus. «Im Moment können wir einen Atomtest nicht bestätigen.» Das amerikanische Amt für geologische Beobachtungen hat allerdings in Nordkorea eine Erderschütterung der Stärke 4,2 auf der Moment-Magnitude registriert. Diese habe sich zum Zeitpunkt des von Pyongyang gemeldeten Atomwaffentests ereignet, erklärte ein Sprecher des Instituts in Colorado. Vorerst sei es allerdings unmöglich zu bestätigen, ob es sich wirklich um einen unterirdischen Waffentest oder um ein Erdbeben gehandelt habe.

Zuvor hatte ein Beamter der südkoreanischen Behörde zur seismischen Überwachung der Region im AP-Gespräch erklärt, dass um den Zeitpunkt des möglichen Atomwaffentests eine Erderschütterung mit einer Stärke von 3,6 auf der Moment-Magnitude registriert worden sei. Der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap zufolge ereignete sich das Experiment in Hwaderi nahe der Stadt Kilju.

Erfolgreicher Test vermeldet
In der Nacht vermeldete Nordkorea den erfolgreichen Test einer Atombombe. «Der Atomwaffentest ist ein historisches Ereignis, das unser Militär und unser Volk glücklich macht», hiess es bei KCNA. «Der Atomwaffentest wird dazu beitragen, den Frieden und die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der umliegenden Region zu erhalten.» Das unterirdische Experiment sei mit «einheimischer Weisheit und Technologie 100-prozentig durchgeführt worden». Aus dem Versuchsgelände sei keine Radioaktivität ausgetreten. Nordkorea habe sich stets eine so mächtige und zuverlässige Waffe zur Selbstverteidigung gewünscht.
Offizielle Mitteilung aus Pyongyang

Die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA hat den Atomwaffentest des ostasiatischen Landes bekannt gegeben. Im Folgenden der Wortlaut der Meldung aus Pyongyang:

«Das wissenschaftliche Forschungsteam der Demokratischen Volksrepublik Korea hat am 9. Oktober des 95. Jahres des ‹Juche›-Zeitalters/am 9. Oktober 2006 erfolgreich und sicher einen unterirdischen Atomtest durchgeführt, zu einer heldenhaften Zeit, in der die ganze Bevölkerung des Landes einen grossen Sprung macht hin zum Aufbau einer grossen, mächtigen und wohlhabenden sozialistischen Nation. Es ist bestätigt worden, dass der Kernkrafttest keinerlei Gefahr – wie radioaktive Strahlung – nach sich zieht, weil er nach wissenschaftlichen Betrachtungen und sorgsamen Berechnungen vollzogen worden ist. Der Atomtest wurde dank der Weisheit und einer zu hundert Prozent einheimischen Technik verwirklicht. Er stellt ein historisches Ereignis dar, denn er ermutigt und befriedigt die koreanische Volksarmee und das Volk zutiefst, die eine starke und unabhängige Verteidigungsmacht wollen. Er wird dazu beitragen, den Frieden und die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der umliegenden Region zu verteidigen.»

Das «Juche»-Zeitalter Nordkoreas begann mit der Geburt des «Grossen Führers» Kim Il-sung im Jahr 1912. Der Vater des heutigen Staatschefs Kim Jong-il starb 1994.

Atommächte und ihr Arsenal

Nordkorea hat nach eigenen Angaben erstmals einen Atomwaffentest durchgeführt. Damit wäre das Land die weltweit neunte Atommacht. Nachfolgend eine Übersicht über alle Staaten, die Atomwaffen besitzen – die Angaben zum Arsenal beruhen auf Schätzungen der Arms Control Association und der Nuclear Threat Initiative:

  einsatzfähige Sprengköpfe erster Atomwaffentest
USA • mehr als 5000 strategische
• mehr als 1000 taktische
• rund 3000 in Reserve
16. Juli 1945
Russland • fast 5000 strategische
• rund 3500 taktische
• mehr als 11’000 eingelagerte
1949
Frankreich • etwa 350 strategische 1960
China • bis zu 250 strategische
• 150 taktische Sprengköpfe
1964
Grossbritannien  • rund 200 strategische 1952
Indien • 45 bis 95 nukleare 1974
Pakistan • 30 bis 50 nukleare 1998
Israel Bestätigt offiziell nicht, dass es Atomwaffen besitzt. Arsenal wird auf bis zu 200 Sprengköpfe geschätzt.
Nordkorea Hat vermutlich genug spaltbares Material für rund ein halbes Dutzend Atomwaffen. Die Schätzungen variieren aber stark und sind nicht zu verifizieren.

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