ABB aus Nordkorea abgezogen
21. Oktober 2006, 12:52Mit Hilfe von Donald Rumsfeld plante ABB in Nordkorea zwei AKW-Reaktoren. Nun kappt der Konzern sämtliche Geschäftsbeziehungen mit dem Land.
Von Walter Niederberger, New York
Der Entscheid, sämtliche Geschäfte in Nordkorea einzustellen, sei im Sommer gefallen, erklärte Konzernsprecher Wolfram Eberhardt gestern dem «Tages-Anzeiger», «Beziehungen zu diesem Land werden politisch, wirtschaftlich, sozial und sicherheitsmässig als nicht mehr opportun betrachtet.»
ABB hatte in den letzten Jahren nur noch minimale Geschäftskontakte unterhalten und 2004 ein Verbindungsbüro in Pyongyang geschlossen. Doch zuvor war der Konzern ein Hauptlieferant von Nukleartechnologie. Der nachmalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sass bis 2001 im ABB-Verwaltungsrat und war als Verbindungsmann in Washington tätig. Dabei dürfte sich Rumsfeld auch direkt für einen politisch motivierten Deal eingesetzt haben, der Nordkorea ermöglichte, zwei Leichtwasserreaktoren zu bauen. Unter der Bedingung, dass das Regime auf die militärische Aufrüstung mit dem Ziel einer Atombombe verzichte.
ABB war mit 200 Millionen Dollar an der Lieferung der Nukleartechnik beteiligt gewesen, bevor die Sparte an die britische BNFL abgestossen wurde.
Lieferung und Bau der zwei Leichtwasserreaktoren bei Kumho gehen auf ein Rahmenabkommen von 1994 zurück, das die USA mit Nordkorea abschlossen. Ziel war, das Land mit Elektrizität zu versorgen und im Gegenzug die Garantie der ausschliesslich zivilen Nutzung zu bekommen. Nach den Nukleartests ist jetzt klar, dass der Deal nicht Bestand hatte.
Welche Rolle spielte Rumsfeld?
Dabei spielte Donald Rumsfeld eine brisante Rolle, die er bisher nie öffentlich kommentieren wollte: Von 1990 bis zu seiner Ernennung zum Verteidigungsminister 2001 war er der einzige Amerikaner im Verwaltungsrat der ABB, in diesem Zeitraum neben Westinghouse einer der führenden Anbieter von Nukleartechnologie.
Rumsfeld nahm gemäss Angaben der ABB an praktisch allen Sitzungen des Verwaltungsrates teil. Ob und wie viel er vom über Jahre hinweg vorbereiteten Nordkorea-Auftrag wusste, ist allerdings nicht ganz geklärt. Der frühere ABB-Sprecher Björn Edlund bestätigte 2003 dem Wirtschaftsmagazin «Fortune», dass der Verwaltungsrat vom Geschäft wusste. Es habe ein weit reichendes Lobbying erfordert, wofür Rumsfeld zuständig war. Goran Lundberg, Leiter der Generatorensparte bis 1995, erklärte, er sei «ziemlich sicher, dass Don zu einem bestimmten Zeitpunkt involviert» gewesen sei. Es sei üblich gewesen, Verwaltungsräte für die Kontakte mit der US-Regierung einzuspannen. Rumsfeld liess «Newsweek» 2003 wissen, er könne sich nicht erinnern, dass das Geschäft dem Verwaltungsrat vorgelegen habe. Konzernsprecher Eberhardt präzisierte gestern, frühere Aussagen erschienen heute als «sehr spekulativ». Angesichts eines damaligen Jahresumsatzes von 24 Milliarden Dollar sei «ein 200-Millionen-Auftrag nicht unbedingt verwaltungsratverdächtig» gewesen.
Der Nordkorea-Deal erlaubte ABB, Knowhow und Bestandteile für die zwei 1000-Megawatt-Leichtwasserreaktoren zu liefern. Dabei konnte der Konzern die Pläne von acht Reaktoren nutzen, die er in Südkorea errichtet hatte. Noch vor der Grundsteinlegung der Reaktoren in Nordkorea entschied dann ABB, sich von sämtlichen Nukleartätigkeiten zu trennen und die Sparte für 485 Millionen Dollar an die spezialisierte britische BNFL abzustossen.
Trotzdem hoffte man, mit Nordkorea im Geschäft zu bleiben, es wurde ein Verbindungsbüro eröffnet. Dies begründete ABB mit der Absicht, dem Land beim Auf- und Ausbau des Stromnetzes zu helfen sowie die Elektrifizierung in ländlichen Regionen voranzutreiben. Diese Pläne allerdings gediehen nicht weit, erklärte Eberhardt.
ABB habe entschieden, den Kriterienkatalog für das Engagement in politisch, sozial und sicherheitsmässig heiklen Ländern zu verschärfen, begründet der Konzern die Kehrtwende. Das Engagement im Sudan werde noch geprüft. «Das Thema Nordkorea liegt für uns auf dickem Eis», sagte Eberhardt.
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