Risotto stürzt die Türkei in eine Krise
26. August 2007, 23:18 Von Kai StrittmatterIst es Sünde, Risotto zu geniessen? Die Frage wirft hohe Wellen in der Türkei.
Der Minister hat Hunger? Man brate Zwiebeln in Öl, gebe Reis dazu, etwas Wasser, eine halbe Tasse Wein. Zum Abschmecken Rahm, etwas Parmesan und fertig ist ein köstlicher Risotto? Ja, das auch - und ein handfester Krach obendrein, wenn der Minister Osman Günes heisst und frommer Muslim ist. Dann bricht eine gefährlich «Risotto-Krise» in der Türkei aus: «Risotto verspeist Gouverneur», meldete soeben die Zeitung «Aksam».
Der Reihe nach: Der Gouverneur der Ägäis-Provinz Mugla, Temel Kocaklar, hatte unlängst die Ehre, den Interims-Innenminister Osman Günes bewirten zu dürfen. Er führte ihn aus in ein feines Restaurant und liess Risotto auftischen. Der schmeckte dem Minister so sehr, dass er nach dem Rezept fragte. Der Oberkellner eilte herbei und referierte, bis ihn der Minister entsetzt unterbrach: «Wein? Ihr habt mich Unreines essen lassen!» Wütend sei der Minister aufgestanden, erinnert sich der Koch, grusslos habe er das Lokal verlassen. Der Gouverneur ass weiter. Wenige Tage später verlor er sein Amt. War das die Rache des frommen Osman Günes?
Eine zähe Diskussion
Die Presse hatte ihren Skandal. «Wie bitter», vermerkte die rechte Zeitung «Aksam», «dass man in unserem Land nun bereits diskutiert, ob ein Risotto eine Sünde ist.» Auf der Stelle nahm sich das «Whos Who» der türkischen Theologie der Frage an und gelangte zu dem Schluss, dass der Minister übers Ziel hinausgeschossen habe: Unabsichtlicher Weingenuss sei keine Sünde. Die bekannte Theologin Beyza Bilgin argumentierte: «Im gekochten Essen verliert Wein seinen Charakter und wird zum Lebensmittel.»
Die Entwarnung hat die Gemüter nicht beruhigt. Es ist eine Frage der Zeit: Mit Tayyip Erdogan hat die Türkei einen frommen Muslim als Premier, mit Abdullah Gül wird sie noch einen zum Präsidenten bekommen. Und so sehr Gül und Erdogan auch beteuern, sie hätten sich von ihrer islamistischen Vergangenheit verabschiedet, so gibt es doch viele Leute, die ihnen misstrauen.
Die Risotto-Geschichte ist Wasser auf die Mühlen der Leute, die vor der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) warnen. Da kann Minister Günes noch lange beteuern: Er habe den Gouverneur nicht wegen des Risotto entlassen, sondern weil ein Gerichtsurteil vorgelegen habe, welches das Gouverneursamt dem früheren Amtsinhaber zugeschlagen habe. Es tönt nicht glaubhaft. Das Urteil lag schon seit Monaten vor. Wieso erfolgte die Versetzung unmittelbar nach dem Essen?
Alkoholgenuss war stets ein politischer Akt in der Türkei. Republikgründer Atatürk trank mit Hingabe und gerne öffentlich, bis er an einer Leberzirrhose starb. Die AKP-Führer trinken ebenso demonstrativ nicht. Der Standardvorwurf ihrer Gegner lautet, Erdogan und seine Kollegen würden insgeheim einen Feldzug gegen den Alkohol führen. Die Statistiken bestätigen die Behauptung nicht.
Die süsse Sünde
Die Suchtbekämpfer beklagen im Gegenteil, dass der Alkoholkonsum unter der Regierung Erdogan dramatisch gestiegen sei. Der Verbrauch von Bier, Wein und Raki hat sich ihren Angaben zufolge seit 2003 verdoppelt. Dem Risotto scheint die jüngste Sünden-Diskussion sogar zu nützen: «Die Türken stürzen sich nun darauf», meldet «Hürriyet» neben einer Liste der besten Italiener. Im selben Blatt erklärt der Betreiber eines renommierten Restaurants: «In meinem Tiramisù ist Likör, in der Pilzsosse Wein, in den Kalamares Bier und im Fisch Wodka.»
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