Ausland

Rechtsradikale Ungarn auf dem Vormarsch

07. Oktober 2007, 20:04 – Von Bernhard Odehnal

Die Ungarische Garde hantiert mit faschistischen Symbolen und rekrutiert mit einer «Roadshow» Mitglieder. Ihr Führer Gabor Vona träumt schon vom Einzug ins Parlament.

Gabor Vona ist 29 Jahre alt und fühlt sich schon als Märtyrer: Von den Medien verleumdet, von sozialistischen Bürgermeistern vertrieben und als Ungar im eigenen Land diskriminiert. Aber, sagt Vona, «wir werden trotzdem immer Plätze finden, wo wir willkommen sind». Seit bald drei Wochen tourt Vona von Stadt zu Stadt durch Ungarn, um dem Volk seine «Ungarische Garde» vorzustellen und neue Mitglieder zu rekrutieren.

Manchmal hören ihm 400 Menschen zu, manchmal aber, wie etwa im Budapester «Haus der Ungarn», auch nur 70. Das Szenario der Roadshow ist immer gleich: Auf der Bühne nehmen ein paar Gardisten in weissem Hemd, schwarzer Hose und Jackett Aufstellung, vor ihnen spricht Vona über den Verfall von Kultur und Werten, über die Notwendigkeit, die Nation gegen «Gefahren von innen und von aussen» zu verteidigen.

Umgang mit Medien gelernt

1999 hatte der blutjunge Vona die nationalistische Partei Jobbik («Für ein besseres Ungarn») gegründet, im August 2007 vereidigte er in einer pathetischen Zeremonie auf der Budapester Burg die ersten Mitglieder der Ungarischen Garde. Zu diesem Zeitpunkt fiel er das erste Mal im Ausland auf jüdische Organisationen protestierten gegen die Garde ebenso wie ein amerikanischer Kongressabgeordneter.

Und seither lernt er den Umgang mit internationalen Medien: Im Gespräch wirkt er zurückhaltend, fast schüchtern, die Stimme ist sanft. Mit Rechtsextremismus habe er nichts am Hut, erklärt Vona, Antisemitismus lehne er ab, Jobbik sei einfach eine «radikal nationale Partei». Und wer vor den schwarzen Uniformen seiner Garde Angst habe, sagt er später im Saal, der sei ein «Psychopath». Oder müsse man jetzt vor dem Schornsteinfeger auch Angst haben? Das Publikum applaudiert.

Es ist ein Spiel mit Symbolen, das aus der deutschen Neonazi-Szene bekannt ist und das auch Jobbik perfekt beherrscht. Die rot-weiss gestreifte Arpad-Fahne auf den Uniformen kann schlicht als uralte ungarische Staatsfahne gesehen werden, wie Vona das behauptet. Sie war aber auch auf den Uniformen der faschistischen Pfeilkreuzler aufgenäht, die als Waffenbrüder der Nationalsozialisten Hunderttausende ungarische Juden in die Konzentrationslager schickten.

Der Gruss von Vonas Ungarischer Garde, «Eine schönere Zukunft!», kann einfach als gut gemeinter Wunsch verstanden werden. Allerdings verwendete diesen Gruss schon in den 30er-Jahren die Jugendorganisation Levente, die ungarische Version der Hitlerjugend. Und wenn Vona seinen Anhängern ankündigt, dass seine Partei ein Netz von Läden schaffen will, damit «Ungarn nur ungarische Waren kaufen», braucht er nicht extra dazu zu sagen, bei wem echte Ungarn nicht kaufen sollen.

Vor Sprung ins Parlament?

Dass ungarische Medien die Partei in Verbindung mit Rechtsextremismus und faschistischem Gedankengut bringen, hat Jobbik jedenfalls nicht geschadet. In jüngsten Meinungsumfragen ist die Partei mit zwei Prozent erstmals eine messbare Grösse, und die Meinungsforscher wollen nicht ausschliessen, dass sie 2010 den Sprung ins Parlament schafft. Profitieren kann sie von einem gesellschaftlichen Phänomen, das der Soziologe Pal Tamas die «schnell wachsende Grauzone» nennt: «Political correctness verschwindet, es gibt keine klaren Grenzen mehr, was gut und was schlecht ist und was der Faschismus für Ungarn bedeutete.»

Tamas leitet das Forschungsinstitut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften, und seine jüngsten Umfragen ergeben, dass sich heute 12 Prozent der Ungarn als radikal rechts bezeichnen. Vor zehn Jahren waren es noch 6 Prozent. 1997 lehnten 70 Prozent der Ungarn Antisemitismus klar ab, heute sind es nur mehr 55 Prozent. Wahrscheinlich sei die antisemitische Stimmung nicht stärker als früher, meint Tamas, «aber heute bekennt man sich offen dazu».

Fidesz: Rechtsradikale salonfähig gemacht

Verantwortlich dafür sei die konservative Oppositionspartei Fidesz (Jungdemokraten), die Rechtsradikale integriert und salonfähig gemacht habe. Bisher ging das auch recht gut. Die einzige politisch relevante rechtsradikale Gruppe, die Partei Miep (Recht und Leben) von Istvan Csurka, flog aus dem Parlament, weil ihre Wähler zu Fidesz wechselten. Heute gehöre ein Fünftel der Fidesz-Unterstützer ins rechtsradikale Lager, sagt Soziologe Tamas.

Doch diese Gruppe wird zunehmend unzufrieden: Die Opposition gegen den verhassten sozialistischen Regierungschef Ferenc Gyurcsany ist ihnen zu lasch, die Haltung zur EU zu freundlich, die Unterstützung der Strassenproteste zu gering. Die frustrierten Verlierer aus der Arbeiterschicht und dem Mittelstand versucht Jobbik nun von Fidesz loszueisen mit provokanten verbalen Angriffen auf das korrumpierte Establishment ebenso wie auf «kriminelle Zigeuner». Für die nächsten Wahlen hofft Vona auf bis zu 10 Prozent.

Vor dem Versammlungssaal verkauft ein älterer Mann mit weissem Bart auf einem Campingtisch rechtsextreme Schriften, die ungarische Übersetzung der «Protokolle der Weisen von Zion» und eine Zeitung mit antisemitischen Karikaturen, die vor der «jüdischen Gefahr» warnt. Er gehöre nicht zu Jobbik, sagt der Verkäufer, aber er hoffe auf viele Kunden aus dem Saal: «Und wenn Sie das nächste Mal kommen, kann ich Ihnen auch ‹Mein Kampf› verkaufen.»

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