Ausland

«Die internationale Adoption ist die letzte Lösung»

30. Oktober 2007, 20:49

Die Adoption von Kindern aus dem Tschad oder dem Sudan ist auf jeden Fall illegal, sagt Muriel Langenberger, Juristin beim Hilfswerk Terre des Hommes.

Mit Muriel Langenberger* sprach Christof Münger

Was wissen Sie von Arche de Zoé?
Im August hörten wir erstmals vom Projekt dieser Organisation, Kinder aus der Krisenregion Darfur nach Frankreich zu bringen. Nie war aber klar, wie das rechtlich gehen soll. Die Zukunft dieser Kinder war ebenfalls unklar. Vor Ort weiss man nicht, woher diese Kinder wirklich stammen, aus dem Tschad oder dem Sudan, und ob sie noch Eltern haben.

Ist das Kinderhandel, was da im Tschad gerade noch verhindert werden konnte?
Das hängt davon ab, ob die Kinder nur gepflegt oder tatsächlich adoptiert werden sollten. Eine Adoption wäre illegal. Stünde diese Absicht hinter dem Plan, diese über 100 Kinder nach Frankreich zu bringen, wäre es Kinderhandel und illegal. Der Tschad und der Sudan verbieten nämlich Adoption nicht. Muslimen ist es untersagt, ein Kind zur Adoption freizugeben. Zudem wäre es für Familien in Frankreich oder auch der Schweiz illegal, Kinder aus Ländern zu adoptieren, die selbst die Adoption nicht anerkennen.

Und was ist, wenn diese Kinder nur gepflegt werden sollten?
Dies wäre legal. Offensichtlich hat «Arche de Zoé» mit den Eltern vereinbart, dass die Kinder vorerst nur gepflegt werden. Und dafür hatten diese Eltern im Vorfeld ziemlich viel Geld bezahlt, wohl mit der Absicht, die Kinder in einigen Jahren zu adoptieren. Das ist in Frankreich rechtlich möglich. Fraglich ist, ob diese Eltern auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden, zumal diese Kinder aus einem Kriegsgebiet stammen und wohl traumatisiert sind.

Wie ist die internationale Adoption rechtlich geregelt?
Im Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern. Man kann also nicht machen, was man will. Die internationale Adoption verläuft in der Regel individuell. Es werden also nicht hundert Kinder auf einmal verfrachtet und zur internationalen Adoption freigegeben. Dabei geht es darum, die individuell beste Lösung für ein Kind zu finden. Was im Tschad passierte, ist deshalb ohnehin illegal, weil die persönliche Geschichte der Kinder nicht bekannt ist. Wir wissen nicht, ob sie noch einen Vater oder eine Mutter haben.

Und wenn ein Kind tatsächlich Waise ist?
Zunächst muss vor Ort geprüft werden, ob es im Umfeld seiner Familie aufgenommen werden kann, bei einem Onkel oder einer Grossmutter. Klappt das nicht, sucht man eine Lösung im Land. Nur wenn auch dies scheitert, kommt die internationale Adoption in Frage. Sie ist die letzte Lösung für ein Kind. Aber im Tschad oder im Sudan ist auch dies verboten.

Sind in anderen Krisengebieten Adoptionen möglich?
Nein. Zum Beispiel haben in Sri Lanka wegen des Tsunami zahlreiche Kinder ihre Familien verloren. Deshalb hofften viele Paare in Europa, nun endlich ein Kind adoptieren zu können. Terre des Hommes sagte aber klipp und klar, dass unter diesen Umständen eine rechtmässige Adoption nicht möglich sei. Es herrschte in Sri Lanka ein derartiges Chaos, dass das Umfeld eines Kindes nicht abgeklärt werden konnte. Die Lage im Tschad und im Sudan ist nach so vielen Jahren Krieg ähnlich - ein weiterer Grund, weshalb eine Adoption aus diesen Ländern illegal wäre.

Immer wieder liest man von berühmten Menschen wie Angelina Jolie und Brad Pitt, dass sie Kinder adoptieren, . . .
. . . was sehr schlecht ist, weil falsche Hoffnungen geweckt werden bei Paaren, die auf ein Kind warten. Es ist extrem schwierig, das lange Prozedere bis zu einer Adoption durchzustehen. Wenn Angelina Jolie rasch irgendwo hinreist und ein schönes Kind nach Hause bringt, ist sie kein Vorbild. Zudem stellt sich die Frage, weshalb diese Leute so kleine Kinder adoptieren. Der Adoptionsprozess dauert mindestens sechs Monate. Wie ist es möglich, dass diese Leute ein zwei Monate altes Kind adoptieren können? Das geht rechnerisch gar nicht.

Gibt es auch in der Schweiz Organisationen die so arbeiten wie Arche de Zoé?
Nein. Hier sind mehr Bewilligungen nötig, um auf diesem Gebiet tätig zu sein. Es ist in der Schweiz auch unüblich, fünfstellige Summen für eine Adoption zu zahlen. In unserem Land zahlt man die realen Kosten, nicht 20’000 Dollar, und man kauft auch kein Kind im Internet. Die Schweiz versucht, die internationale Adoption gut zu regeln.

Was empfehlen Sie Paaren in der Schweiz, die ein Kind adoptieren möchten?
Sie brauchen eine Bewilligung der Kantone, der sie als Eltern evaluiert. Sie sollten sich deshalb gut informieren bei den Behörden, etwa auf den Websites des Bundesamtes für Justiz, oder bei Organisationen wie Terre des Hommes. Auch sollten Paare abklären, mit welchen Ländern eine internationale Adoption rechtlich überhaupt möglich ist. Und grundsätzlich gilt: Man sucht für ein Kind eine Familie und nicht für eine Familie ein Kind.

* Muriel Langenberger leitet die Abteilung Kinderrecht des Kinderhilfswerks Terre des Hommes.

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