Ausland

Carter ist der einzige US-Präsident, der in Nahost etwas erreicht hat

23. November 2007, 19:21 – Von Martin Kilian

Er beklagt die amerikanische Politik im Nahen Osten, kritisiert Israel und nervt den Nachfolger: Ex-Präsident Jimmy Carter hält mit seinen Meinungen nicht zurück.

Ihn schmückt das Prädikat, der beliebteste Ex-Präsident aller Zeiten zu sein. Als Herr im Weissen Haus war Jimmy Carter hingegen weniger beliebt. Seine Präsidentschaft von 1977 bis 1981 wird vor allem in konservativen Kreisen als erfolglos bewertet. Seit seiner Niederlage gegen Ronald Reagan aber ist Carter, inzwischen 83, zum Gewissen der Nation geworden: ein Menschenfreund, der unermüdlich die Welt bereist, bei Konflikten vermittelt und Wahlen observiert. 2002 wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Nichts aber liegt dem Mann aus dem Südstaat Georgia mehr am Herzen als der Dauerkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Und er sagt, was er denkt, auch wenn er sich damit Feinde macht. Im Gegensatz zur Regierung Bush wie auch zur vorherrschenden öffentlichen Meinung kritisiert Carter die israelische Haltung und sieht in Israel den Hauptschuldigen an der nahöstlichen Malaise. Die besetzten Gebiete im Westjordanland bezeichnet der ehemalige Präsident als «Bantustans und isolierte Kantone», was ihm von den Parteigängern Israels in den USA den Vorwurf einträgt, er habe sich unkritisch auf die palästinensische Seite, sogar die der Hamas, geschlagen.

Carter aber kann sich heute dafür rühmen, als einziger US-Präsident den Friedensprozess vorangebracht zu haben: 1978 vermittelte er in Camp David zwischen Anwar Sadat und Menachem Begin die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Ägypten und Israel sowie die Rückgabe der besetzen Sinai-Halbinsel an Ägypten. Voraussetzung dafür sei eine «intensive persönliche Anstrengung» gewesen, sagte Carter später. So verwehrte er dem ägyptischen Präsidenten die vorzeitige Abreise aus Camp David, indem er Sadats Tür blockierte. «Eigenhändig» habe Carter das Sinai-Dokument verfasst, berichtete sein damaliger Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski.

Danach war amerikanischen Präsidenten nur wenig Erfolg bei ihren Vermittlungsbemühungen vergönnt. «Ich bin ein Versager, und Sie haben mich dazu gemacht», bemerkte bitter Bill Clinton zu Yassir Arafat nach dem Scheitern des Nahost-Gipfels im Sommer 2000. George W. Bush andererseits liess bislang die nahöstlichen Dinge zum Schaden aller Parteien schleifen. «Wir haben jetzt sieben Jahre ohne einen einzigen Tag guter und substantieller Gespräche gehabt», kommentierte Carter kürzlich das scheinbare Desinteresse seines Nachfolgers.

Nun soll am Dienstag in Annapolis im Staat Maryland unter amerikanischer Aufsicht zwischen den verfeindeten Parteien neuerlich über eine Lösung des vertrackten Konflikts verhandelt werden. Jimmy Carter aber ist skeptisch. Zu unausgewogen scheint ihm die amerikanische Position und zu nahe an der israelischen. Vor Jahresfrist erregte Carter die Gemüter, als er in einem Buch mit dem provokanten Titel «Peace Not Apartheid» die israelische Politik scharf kritisierte und die amerikanische Parteilichkeit beklagte. Es sei «offensichtlich», schrieb er, «dass die Palästinenser kein Territorium haben werden, auf dem sie einen lebensfähigen Staat etablieren können». Der gegenwärtige Friedensfahrplan werde von Israel mithin als «Verzögerungstaktik» missbraucht, klagte Carter.

Zusammenfassend befand der Ex-Präsident in seinem umstrittenen Buch, Friede im Nahen Osten werde sich erst einstellen, «wenn die israelische Regierung willens ist, das internationale Recht und die Bedingungen des Friedensfahrplans und der offiziellen US-Politik einzuhalten sowie den Wünschen einer Mehrheit ihres eigenen Volkes zu entsprechen». Das Buch geriet zum Stein des Anstosses und Carter zur Zielscheibe jüdischer Lobbys und ihrer Verbündeten. Hastig distanzierte sich etwa die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, zwecks politischer Schadensbegrenzung von ihrem Parteifreund, der «nicht für die demokratische Partei» spreche.

Der Aufruhr um das Buch offenbarte freilich nur einmal mehr die Tabuisierung gewisser Fragen sowie die Strafe, die erleiden musste, wer an diesen Tabus rüttelte. «Dies ist das erste Mal, dass ich ein Lügner genannt worden bin, ein bigotter Mensch, ein Antisemit und ein Feigling und ein Plagiator – das hat wehgetan», schilderte Carter in einer Rede an der Bostoner Brandeis-Universität die Wirkung der Anwürfe. Vom Geschriebenen abzurücken, fiel ihm aber nicht im Traum ein. Und er meldete sich auch anderweitig mit verbalem Feuerwerk zu Wort. Die Präsidentschaft George W. Bushs, befand der ehemalige Erdnussfarmer, sei «die schlechteste in der Geschichte», Bushs Vize Dick Cheney gar ein «Disaster».

Held eines Dokumentarfilms

Wie mit seinen Bemerkungen zum Nahen Osten weckte Carter auch damit den Zorn der amerikanischen Rechten, gewann andernorts mit seiner Direktheit jedoch an Statur. Ob der Krieg im Irak oder die Untätigkeit Bushs und seiner Aussenministerin in Nahost: Jimmy Carter sorgte für Schlagzeilen und liess sich sogar von Regisseur Jonathan Demme auf einer Autoren-Tour mit seinem kontroversen Buch über Apartheid und Frieden filmen. Demmes Dokumentarfilm «Jimmy Carter, Man from Plains» lief Ende Oktober in den Kinos an und zeichnet den Ex-Präsidenten als einen Helden. Davon will der überzeugte Christ nichts wissen. Jimmy Carter begreift sich schlicht als jemand, der auch dann die Wahrheit sagt, wenn sie Freunden wehtut.

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