Entfesselter Bill Clinton attackiert Obama

25. Januar 2008, 20:51 – Von Martin Kilian

Am Samstag finden im Südstaat South Carolina demokratische Vorwahl statt. Während des Wahlkampfs musste sich Barack Obama vor allem Bill Clintons erwehren.

«Als ich Präsident war»: Bill Clinton will zurück ins Weisse Haus.
Keystone «Als ich Präsident war»: Bill Clinton will zurück ins Weisse Haus.

Eigentlich sollte er am WEF in Davos sein, ein Philanthrop und Helfer der Menschheit, dessen Weisheiten vom Publikum stets gern vernommen werden. Stattdessen aber tingelt Bill Clinton durch den amerikanischen Südstaat South Carolina, als politische Schlägertype im Dienste seiner Gattin. Kein Tag verging diese Woche, ohne dass der ehemalige Präsident Hillarys Konkurrenten Barack Obama nicht beherzt angegriffen hätte.

Derweil die Senatorin aus New York den Staat vorübergehend verliess, um anderswo Wahlkampf zu machen, eignete sich ihr überlebensgrosser Gatte Bühne und Mikrofon an – und entpuppte sich dabei als Mann fürs Grobe. Er verdrehte die Worte des Widersachers, griff ihn wie bereits in New Hampshire persönlich an und entgegnete auf Ermahnungen gleichermassen besorgter wie pikierter Parteifreunde, er habe nichts behauptet, «was nicht gestimmt hat».

Der «erste afroamerikanische Präsident», so die Schriftstellerin Toni Morrison bewundernd über Clinton, will offensichtlich den ersten afroamerikanischen Präsidenten verhindern, denn während seine Gattin nach Siegen in New Hampshire und Nevada eine Niederlage in South Carolina verkraften könnte, braucht Barack Obama am Samstag dringend einen Sieg, um danach gestärkt in den Superwahltag Anfang Februar zu ziehen. Entsprechend wehrte sich der schwarze Senator aus Illinois gegen die Clintons, ohne sie jedoch wirklich ins Stolpern zu bringen.

Schön daran war nichts mehr, und zunehmend entgeistert reagierten die Bonzen der Partei im Staat wie auch in Washington auf Bill Clintons Einlagen. Was den graumähnigen Ex-Präsidenten derart in Fahrt gebracht hatte, blieb ein Gegenstand von Spekulationen. Fühlte sich Bill gemäss den Spielregeln der komplizierten Ehe der Clintons verpflichtet, als Ausputzer zu wirken und damit der Gattin wie sich selber den Weg zurück ins Weisse Haus zu ebnen? Oder war ihm Obamas faktisch richtige Bemerkung, Ronald Reagan, nicht aber Bill Clinton habe die politische Landschaft in den Vereinigten Staaten wahrhaft verändert, derart unter die Haut gegangen?

Ein begnadeter Egozentriker

«Die Republikaner waren über eine ziemlich lange Zeit hinweg die Partei der Ideen», hatte Obama überdies gesagt, ohne diese Ideen freilich zu loben. Hillary und Bill aber bezichtigten den Senator im Handumdrehen, sich als Bewunderer Reagans und der Republikaner geoutet zu haben. Dass Kommentatoren dies als Verfälschung einstuften, focht das Power-Paar nicht an, im Gegenteil: Am Mittwoch schaltete der Clinton-Stab neuerlich Radiowerbung, in der Obamas Feststellung verdreht wurde, und zog das Machwerk erst nach Kritik in amerikanischen Medien und Protesten des Obama-Lagers wieder zurück.

Vor allem Bill Clinton, so der allgemeine Befund, sei vollkommen ausser Kontrolle geraten, ja er inszeniere sich mit Gusto selbst und werfe damit Fragen nach seiner Rolle in einem Weissen Haus seiner Gattin auf. Tatsächlich bewegte sich der begnadete Egozentriker durch South Carolina, als stünde nicht die Ehefrau, sondern er zur Abstimmung. «Meine Position ist einfach», sagte er. Oder: «Als ich Präsident war.» Oder: «Als ich Gouverneur von Arkansas war.» Ich, ich, ich – dahinter verblasste die Gattin mitsamt Clintons post-präsidialer Rolle als eines Elder Statesman.

Das Psychodrama der Clintons

Einerseits könnte seine Beliebtheit beim demokratischen Parteivolk der Gattin ebenso helfen wie die angesichts der bedrohlichen Wirtschaftslage jetzt besonders erbaulichen Erinnerungen an die goldenen 90er, als Bill es richtete und Hillary ihm dabei zur Hand ging. Andererseits aber aktiviert Bills Show jenen Teil des kollektiven amerikanischen Gedächtnisses, in dem das unendliche Psychodrama der Clintons im Weissen Haus aufbewahrt wird – worauf Barack Obama anspielte, als er die Wähler mahnte, es gelte jetzt, nicht mehr rückwärts zu schauen, sondern nach vorne.

Bill Clintons vehementer Einsatz wirft nun die Frage auf, ob wie 1992, als er während des Wahlkampfs seine Gattin zur potenziellen Kopräsidentin erklärte, schon wieder «zwei zum Preis von einem» erhältlich seien. Barack Obama wiederum versuchte, dem Gespann mit taktischen Abwehrmanövern zu begegnen, doch befindet sich der Senator in einer kaum beneidenswerten Position: Verliert er in South Carolina, wo Afroamerikaner nahezu die Hälfte der demokratischen Vorwählerschaft stellen, werden die Clintons flüstern, er könne nicht einmal bei seinesgleichen reüssieren. Gewinnt Obama hingegen, wird es heissen, der Sieg sei so wertvoll nicht, da seinesgleichen eben für den Senator votiert habe.

Die Granden der Partei beobachten unterdessen das Gebolze ihrer Spitzenkandidaten mit wachsender Sorge und vermerken konsterniert, dass der Ex-Präsident sein Vermächtnis aufs Spiel setzt. Bill Clintons Verhalten, sagte Senator Patrick Leahy, der sich für Obama erklärt hat, sei «unter der Würde eines früheren Präsidenten». Und Dick Harpootlian, ehemals Vorsitzender von South Carolinas Demokratischer Partei, warf Clinton sogar vor, ein Schmutzfink vom Stil des legendären republikanischen Strategen Lee Atwater zu sein.

Eskaliert der Streit weiter, droht der Partei im schlimmsten Fall im Herbst eine Niederlage, weil verbitterte Afroamerikaner am Wahltag zu Hause bleiben. Und ausgerechnet Amerikas «erster schwarzer Präsident» wäre daran mitschuldig. Beim Wahlkampf gehe es «nicht um unsere Gatten, es geht um uns», hatte Hillary Clinton bei der Debatte der Kandidaten am Montag erklärt. Die gesamte Woche über ging es in South Carolina jedoch vornehmlich um ihren Gatten.

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