Ein Triumph für das weltoffene Serbien
04. Februar 2008, 21:41 Von Enver RobelliBelgrad feiert den Wahlsieg von Boris Tadic. Der prowestliche Staatspräsident ist zu einer Schlüsselfigur in der serbischen Politik aufgestiegen.
Gegen Mitternacht ist die Zitterpartie zu Ende, die Wahlforscher in Belgrad lehnen sich zufrieden zurück, denn ihre Prognose hat sich als richtig erwiesen. Boris Tadic, der prowestliche Kandidat für das Präsidentenamt, habe am Sonntag mit einem knappen Ergebnis die Wiederwahl geschafft, meldet auch die staatliche Wahlkommission. Der 50-Jährige gewann in der Stichwahl 50,5 Prozent der Stimmen und bezwang damit den ultranationalistischen Kandidaten Tomislav Nikolic. Er erhielt 47,7 Prozent.
Grosse Party in Belgrad
Draussen im Zentrum Belgrads kann die grosse Party beginnen. Es wird ausgiebig gefeiert, Blasmusiker spielen, abenteuerliche Autofahrer drehen ihre Runden, junge Frauen schwenken Fahnen und singen. Das Fernsehen überträgt live. «Serbien steht vor einer besseren Zukunft», lautet die Botschaft. «Wir haben alle gemeinsam gewonnen», erklärt Boris Tadic in der Zentrale seiner Partei. Serbien sei eine grossartige Demokratie. Und Serbien werde die Menschen in Kosovo niemals im Stich lassen, betont der Präsident. Das ist für das einheimische Publikum gedacht. Doch auch für Tadic ist es klar, dass die Europäische Union (EU) und die Vereinigten Staaten in den nächsten Wochen Kosovo in eine Art Unabhängigkeit entlassen werden. Kosvos Parlamentspräsident hat am Montag die endültige Loslösung der Provinz von Serbien noch für diesen Monat angekündigt. Als mögliches Datum wird der 17. Februar genannt.
Mit seinem Wahlsieg wird Boris Tadic zu einer Schlüsselfigur im so genannten demokratischen Block Serbiens, der seit der politischen Wende vor acht Jahren chronisch zerstritten ist zwischen Pro-Europäern und rückwärtsgewandten Patrioten. Vor Parteifreunden sagt der selbstbewusste Präsident, er danke auch jenen, die ihn nicht unterstützt hätten. Es ist ein Seitenhieb an die Adresse des konservativen Regierungschefs Vojislav Kostunica, der sich geweigert hatte, eine Wahlempfehlung für Tadic abzugeben. Nun kann der Staatschef, der auch Vorsitzender der regierenden Demokratischen Partei (DS) ist, aus einer Position der Stärke heraus agieren. Kostunica steht als Verlierer da.
In den letzten Jahren hat nicht Boris Tadic die politische Agenda in Belgrad bestimmt, sondern Vojislav Kostunica mit seiner kleinen Demokratischen Partei Serbiens (DSS). Der Premier diktierte den Kurs in der Kosovo-Frage. Er setzte eine neue Verfassung durch, welche die Provinz als untrennbaren Teil Serbiens festschreibt, drohte dem Westen mit Konsequenzen, sollten die grossen EU-Mitgliedsstaaten die Unabhängigkeit von Kosovo anerkennen, und trieb die politische und wirtschaftliche Anlehnung an Russland voran. Jüngstes Beispiel ist der Verkauf der serbischen Ölgesellschaft an Gasprom. Das alles konnte Kostunica erreichen, weil er immer wieder indirekt mit einer Allianz mit der oppositionellen Radikalen Partei drohte und seine Rolle als Königsmacher in der Regierung ausnutzte.
Streitfrage EU-Integration
Anhänger warfen Tadic vor, er sei durchsetzungsschwach, werde von Kostunica mit inakzeptabeln Forderungen ständig erpresst und ergreife kaum politische Initiativen, obwohl die DS die stärkste politische Kraft unter den demokratischen Parteien Serbiens ist. Vor der Stichwahl trat der unterschwellige Konflikt offen zu Tage: Kostunica verlangte von Tadic eine Abkehr von der EU-Integration, wenn Brüssel eine Mission zur Überwachung der kosovarischen Souveränität nach Pristina entsenden würde. Tadic lehnte ab. Nicht, weil er kein Patriot ist, sondern aus Überzeugung, dass ein isoliertes Serbien sowohl Kosovo als auch die europäische Perspektive verlieren könnte. Am Donnerstag kann das Balkanland ein Abkommen mit der EU unterzeichnen, das mehr Freihandel und Visumserleichterungen für serbische Bürger vorsieht.
Boris Tadic wurde 1958 in Sarajevo geboren, wuchs jedoch in Belgrad auf. Er stammt aus einer Intellektuellenfamilie. Sein Vater Ljubomir Tadic ist als Philosoph eine Autorität in nationalen Kreisen Serbiens. In der serbischen Hauptstadt absolvierte Boris Tadic ein Studium an der philosophischen Fakultät. Der «Mann mit Eigenschaften und vielen Berufen», wie ihn seine Anhänger nennen, hat als Journalist, Arzt, Lehrer und Wissenschaftler gearbeitet. Er gehört der Demokratischen Partei seit ihrer Gründung zu Beginn der 90er-Jahre an, die jahrelang von Zoran Djindjic geleitet wurde. Nach dem Sturz des Regimes von Slobodan Milosevic war Tadic zunächst Telekommunikationsminister der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien, später wurde er Verteidigungsminister der inzwischen aufgelösten Staatenunion Serbien und Montenegro.
In dieser Funktion bewies der serbische Politiker Mut, als er mehrere Generäle entliess, die dem Regime von Slobodan Milosevic nahe standen oder schwerer Kriegsverbrechen angeklagt waren. Nach dem Mord am prowestlichen Politiker Djindjic im März 2003 übernahm Boris Tadic die Führung der Partei. Im Juni 2004 wurde er zum Präsidenten Serbiens gewählt. In dieser Funktion nahm Tadic an einer Zeremonie zum Gedenken an die Opfer des Völkermords in Srebrenica teil, und er entschuldigte sich bei den Nachbarländern Bosnien und Kroatien für die Untaten seiner Landsleute.

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