Ausland

China kämpft gegen die Plastiksackflut

10. Februar 2008, 16:13 – Von Henrik Bork

Das boomende China erstickt in Plastiktüten – und kämpft nun erstmals dagegen an. Ob sich das ab dem 1. Juni geltende Teilverbot überhaupt durchsetzen lässt, ist aber fraglich.

Die weisse Pest hängt in Pekings Baumwipfeln, verschandelt den malerischen Li-Fluss bei Guilin und verstopft Abflussrohre in Shanghai. Plastiktüten sind in China zur Landplage geworden. Drei Milliarden Tüten verbrauchen die Chinesen jeden Tag. Kürzlich aber hat die chinesische Regierung den Tüten den Kampf erklärt: Ab dem 1. Juni ist es Chinas Supermärkten per Verordnung verboten, Plastiksäcke kostenlos abzugeben. Besonders dünne, nur einmal verwendbare Tüten werden ausserdem ganz verboten.

Umweltschützer sind begeistert. «Das ist eine weise Entscheidung des chinesischen Staatsrates», sagte Wu Dengming von den «Grünen Freiwilligen» in Chongqing. «Überall im Land fliegen diese Tüten herum. Wir nennen es die weisse Verschmutzung», sagt Wu.

Mit der Ankündigung, zumindest schon einmal das Verschenken der Tüten verbieten zu wollen, reiht sich China in eine lange Reihe von Ländern oder Gemeinden ein, die weltweit ähnliche Massnahmen beschlossen haben. Chinesische Beamte hatten unter anderem in Bangladesh recherchiert, dem ersten Land der Erde, dass 2002 ein Plastiksackverbot verhängt hat.

Plastik, einfach praktisch

Trotzdem werden die Plastiktüten nicht so schnell aus der chinesischen Landschaft verschwinden. Sie sind einfach überall, und eindeutig praktisch sind sie leider auch. Qin Haifeng, ein Strassenverkäufer von fettigen Pfannkuchen in Peking, war nicht von der neuen Verordnung begeistert. «Meine Pfannkuchen kosten 50 Fen (nicht einmal ein Rappen). Wenn ich meinen Kunden 30 Fen für eine Plastiktüte abnehme, kommen sie nie zurück». Mehr als die Hälfte aller Chinesen sprachen sich in einer Umfrage der «Volkszeitung» gegen den neuen Verkaufszwang für Plastisäcke aus. Mit dem Umweltbewusstsein der Chinesen, die nach Jahrzehnten in Armut erst seit kurzem in der schönen, neuen Welt des Konsums schwelgen, ist es noch nicht sehr weit gediehen.

Auch was die Umsetzung lobenswerter Verordnungen betrifft, klaffen Anspruch und Wirklichkeit in China oft weit auseinander. 1999 etwa, in ihrem Erlass Nummer Sechs, hatte die chinesische Wirtschafts- und Handelskommission einen sofortigen Produktionsstopp für Plastikteller und deren komplettes Verbot ab dem Jahr 2000 verfügt. Doch die Verordnung wurde nie durchgesetzt. Heute werden in China jährlich 700 Millionen Sets von Wegwerfgeschirr und 500 Millionen Plastikflaschen in Müllhalden vergraben oder in Öfen verbrannt. Ob es der Plastiktütenverordnung besser ergeht, wird erst in einigen Jahren bekannt sein.

Immerhin aber hat Chinas Regierung das Problem erkannt hat und will handeln. Dies immerhin signalisiert die Mülltütenverordnung deutlich. «Unser Land verbraucht riesige Mengen von Plastiksäcken. Während sie bequem für die Konsumenten sind, haben sie auch ernsthafte Umweltverschmutzung verursacht und Energie und Ressourcen verschwendet. Wir sollten die Menschen ermutigen, wieder zum Tragen von Stofftaschen zurückzukehren und für Gemüse Körbe zu benutzen», ist auf der Webseite des Staatsrates zu lesen. Der steigende Ölpreis dürfte mit zu diesem Umdenken beigetragen haben. 37 Millionen Rohöl müssen in Chinas Raffinerien pro Jahr verfeinert werden, um all die Plastiksäcke herzustellen.

Bauern sind Grossverbraucher

Keinesfalls aber wird allein dieser Mülltütenerlass die chinesische Plastikflut eindämmen können. Ganz besonders auf dem Land sind die Tüten fast noch das geringste Problem – auch wenn die herumfliegenden weissen Fetzen besonders hässlich ins Auge springen. Noch mehr Plastik wird von Chinas Bauern als weisse oder schwarze Planen auf die Felder gelegt, zum Abdecken von Gemüse, Erdnüssen oder anderen Nutzpflanzen. Sie steigern die Temperatur und beschleunigen so das Wachstum. Nach der Ernte lassen viele Bauern die Plastikfahnen einfach davonfliegen oder zünden sie am Feldrand an. «Die Folge ist ein weisser Terror, ein Meer aus Plastik, das unser Land überzieht und entlang der Autobahnen im Wind flattert», schreibt Jiang Gaoming von der Akademie der Sozialwissenschaften.

Auch ein Gesundheitsrisiko

Jiangs Studie zufolge haben Chinas Bauern herausgefunden, dass ihre Ernte mit Hilfe der Plastikplanen um 20 bis 50 Prozent gesteigert werden kann. «Niemand aber hat untersucht, ob unsere Umwelt mit all dem Plastik fertig wird», schreibt der Wissenschaftler. «Zur Zeit bleiben jährlich etwa eine halbe Million Tonnen Plastik in der Erde zurück.»

Chinesische Mediziner haben auch bereits erste Hinweise gefunden, dass die Plastikschwemme in ihrem Land gesundheitliche Folgen für die Menschen hat. Die «weisse Verschmutzung» aus Plastiktüten und Plastikkartons haben landesweit die Zeugungsfähigkeit chinesischer Männer reduziert, schreibt der Medizinprofessor Wei Guanghui. Der Schadstoff DEHP, der in vielen Plastiksorten vorkomme, vermindere die Produktion von Spermien und könne Geburtenfehler auslösen. Seit den 70er Jahren ist die Anzahl von Spermien in chinesischen Samenproben von 100 Millionen auf 40 Millionen pro Milliliter gefallen, wofür allerdings neben dem Plastik auch Faktoren wie Stress und Rauchen mitverantwortlich sind.

Mit dem raschen Wirtschaftswachstum und der rapiden Verstädterung wird Chinas Plastikproblem in den kommenden Jahren aller Wahrscheinlichkeit weiter zunehmen. Die Gesamtmenge von Plastikmüll ist von zwei Millionen Tonnen in der Mitte der 90er Jahre auf sieben Millionen Tonnen pro Jahr angewachsen. Der Trend ist weiter steigend. Angesichts solcher Zahlen fordern manche Chinesen radikalere Schritte als den Verkaufszwang für Plastiksäcke. «In der Zukunft, wenn die Chinesen ein besseres Umweltbewusstsein haben, sollten Plastiktüten komplett verboten werden», sagt Wu Dengming.

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