Ausland

Eine Journalistin fordert den russischen Staat heraus

27. Februar 2008, 20:39 – Von David Nauer

Der russische Geheimdienst FSB lässt die Journalistin Natalja Morar nicht mehr ins Land. Angeblich, weil sie die nationale Sicherheit gefährdet. Die junge Frau wehrt sich mutig.

Sie ist eine der Nachwuchshoffnungen des russischen Journalismus: Natalja Morar, 24 Jahre alt, unerschrocken, wortgewandt, hartnäckig. Das Problem der jungen Frau, die ursprünglich aus Moldawien stammt: Sie hat keinen russischen Pass, und sie hat mächtige Feinde beim Inlandgeheimdienst FSB.

Vor zwei Monaten wurde sie nach Moldawien ausgeschafft, nachdem sie jahrelang in Moskau gelebt und gearbeitet hatte. Seither ist sie mit einem Einreiseverbot belegt. Offizielle Begründung: Morar gefährde die nationale Sicherheit und die Verteidigungsbereitschaft Russlands. Der Entscheid wurde offenbar an höchster Stelle beim FSB gefällt.

Kurz vorher geheiratet

Die junge Frau lässt sich nicht einschüchtern und forderte am Mittwoch die russischen Behörden erneut heraus. Am frühen Morgen landete sie auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo – und schritt zur Grenzkontrolle. Sie hatte wenige Tage zuvor den Journalisten Ilja Barabanow geheiratet, einen russischen Staatsbürger. An der Grenze wollte sie nun darauf bestehen, als Ehefrau eines Russen habe sie das Recht, in Russland zu leben. Rein rechtlich gesehen ein korrektes Argument.

Doch die Zöllner liessen Morar auch diesmal nicht einreisen. Sie müsse mit der nächsten Maschine zurück nach Moldawien, sagte ihr ein Uniformierter. Morar weigerte sich aber, ein Flugzeug zu besteigen und verlangte ein Gespräch mit den Verantworlichen des FSB. Die Geheimdienstler sollten ihr erklären, warum sie nicht einreisen dürfe. Am Abend sassen sie und ihr Ehemann immer noch am Flughafen fest.

Morars Arbeitskollegen vom kritischen Wochenmagazin «The New Times» sind überzeugt, dass die junge Journalistin auf die schwarze Liste kam, weil sie über heikle Themen schrieb.

Das kann sehr gut sein, denn Natalja Morar fasste in der Tat heisse Eisen an. Sie berichtete etwa von hohen Kremlbeamten und FSB-Kadern, die über ein kompliziertes Bankengeflecht Millionenbeträge illegal in den Westen verschoben haben sollen. Morars Informationen zufolge stehen einige dieser Geldwäscher möglicherweise auch hinter dem Mord am Vize-Chef der Zentralbank, Andrei Koslow. Er soll die illegalen Geschäfte gestört haben, worauf er beseitigt wurde.

Geheime Kassen im Kreml?

Aufsehen erregte auch Morars Artikel über geheime Kassen, mit denen der Kreml Wahlkämpfe finanziert haben soll. Demnach waren während der Parlamentswahlen vom vergangenen Dezember sämtliche Parteien gezwungen, die Kontrolle über ihre Finanzen an den Kreml abzugeben.

Viele von Morars Recherchen basierten auf anonymen Quellen, verrieten aber dennoch ein erstaunliches Insiderwissen. Zudem enthielten die Artikel derart brisantes Material, dass sie in anderen Ländern eine Strafuntersuchung ausgelöst hätten – nicht gegen die Journalistin, sondern gegen die Leute, von deren Machenschaften sie berichtete.

Solidarität in Medienszene wächst

Entsprechend gross ist jetzt die Solidarität mit der jungen Frau in der liberalen Moskauer Medienszene. Je länger sich die Affäre hinzieht, desto mehr wird Morar zu einem Symbol für den Widerstand gegen einen Staat, in dem der Geheimdienst über sämtliche Gesetze hinweg Anweisungen geben kann.

Der kritische Radiosender Echo Moskvy widmete dem Fall auch am Mittwoch wieder grosszügig Sendezeit. Einer seiner Korrespondenten reiste sogar im selben Flieger wie Morar nach Moskau, um live zu berichten. Der Reporter wurde prompt am Flughafen vorübergehend festgenommen. Auch der Generalsekretär der russischen Journalistenunion, Igor Jakowenko, setzt sich für Morar ein: «Ein grosses und starkes Land hat Angst vor einer jungen Journalistin. Es ist eine Schande», sagte er. «Ich schäme mich für das Verhalten der russischen Behörden.»

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