Juden aufgebracht über geändertes Gebet zu Karfreitag
18. März 2008, 21:18 Von Michael MeierBreite jüdische Kreise sind über Papst Benedikt empört. Mit seinem Segen beten Karfreitag verschiedenste Pfarreien der Welt wieder für die Bekehrung der Juden.
Anderthalb Jahre ist es her, dass Papst Benedikt mit seiner Regensburger Rede und einem den Propheten Mohammed abwertenden Zitat die muslimische Welt vor den Kopf stiess. Jetzt ist Benedikt XVI. dabei, sich mit dem Judentum zu überwerfen. Die Auseinandersetzung mit den Juden, die in den letzten Wochen immer lautstarker wurde, begann damit, dass der Papst vorigen Sommer den Pfarreien erlaubte, die Messe auch wieder nach dem alten lateinischen Ritus zu feiern. Als verbindliche Grundlage schrieb er dafür das vorkonziliare Messbuch von 1962 vor. Das Römische Messbuch aber enthält die jeweils am Karfreitag gesprochen Fürbitte, dass die Juden Jesus Christus als Retter aller Menschen anerkennen sollen.
Ein klarer Rückschritt gegenüber dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), das in seiner Erklärung Nostra Aetate hochoffiziell dem kirchlichen Antijudaismus und allen judenmissionarischen Absichten abschwor. Der neue Geist spiegelte sich auch in der nachkonziliären Liturgie von 1970, die den ausdrücklichen Bekehrungsappell an die Juden fallen lässt. Stattdessen pflegt die Kirche am Karfreitag für die Juden zu beten, dass Gott sie «in Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen» bewahre.
Das Messbuch von 1962 hatte sich zwar ausdrücklich von dem im ursprünglichen tridentinischen Missale aus dem Jahre 1570 enthaltenen Aufruf zur Bekehrung der «treulosen Juden» distanziert. Doch auch das Messbuch von 1962 spricht von der «Verblendung» der Juden und von der Finsternis, der sie entrissen werden sollen. Nur logisch, dass jüdische Kreise angesichts der Wiederzulassung der alten Messe vor einem Rückfall in den längst überwunden geglaubten Antijudaismus warnten.
Auch «geglätteter» Text kritisiert
Unter dem Eindruck der jüdischen Proteste präsentierte das vatikanische Staatssekretariat am 6. Februar eine neue, «geglättete» Formulierung der Karfreitagsbitte. Aus dem Lateinischen übersetzt heisst sie folgendermassen: «Lasst uns auch beten für die Juden, dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen (...) Allmächtiger ewiger Gott, der du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Gesamtheit der Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus unseren Herrn. Amen.»
Doch auch diese geglättete Fürbitte tönt in jüdischen Ohren missionarisch und entmündigend. Kein Wunder, legten die römischen Rabbiner den Dialog mit dem Vatikan umgehend auf Eis. Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni bezeichnete die Bitte als weiterhin inakzeptabel und als einen Stolperstein im christlich-jüdischen Dialog. Selbst das Jerusalemer Oberrabbinat zeigte sich irritiert. Laut Abraham Foxman, Direktor der Anti-Defamation-League in den USA, werden die Juden mit der Fürbitte aufgerufen, ihre religiöse Identität aufzugeben. Für den jüdischen Publizisten Günther B. Ginzel aus Köln ist die Fürbitte «ein Liebesdienst an antijüdische reaktionäre Kreise in der katholischen Kirche». Und der jüdische Historiker Michael Wolffsohn hält die Karfreitagsfürbitte gar für den «grössten theologischen Rückschritt in Bezug auf das Judentum seit 1945».
Im Heimatland von Papst Benedikt forderte der Zentralrat der Juden, dass die Fürbitte auf jeden Fall modifiziert wird. Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund zeigte sich über die Rückkehr zu einer Vorstellung, wonach «sich das Heil ausschliesslich im Schosse der Kirche finden lasse», sehr enttäuscht: «Gegenüber den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils, welches das Judentum in seiner messianischen Erwartung als vollwertige Religion anerkannte, ist dies ein klarer Rückschlag.» Nun schlägt dem Papst selbst aus den eigenen katholischen Reihen Protest entgegen. So fragt die gediegene Zeitschrift «Herder-Korrespondenz», die im deutschen Hausverlag des Papstes erscheint, in ihrer jüngsten Ausgabe, ob mit der Karfreitagsbitte nicht über «den Umweg liturgischer Gebete theologische Irritationen entstehen die möglicherweise sogar gewollt sind».
Papst selbst spricht übliches Gebet
Auch wenn der Vatikan für die kommenden Tage eine neue Erklärung zur Karfreitagsfürbitte in Aussicht gestellt hat: abermals modifizieren will er sie keinesfalls. Schliesslich sei sie «aus katholischer Sicht theologisch völlig in Ordnung», liess Kardinal Walter Kasper verlauten, der Präsident der vatikanischen Kommission für den religiösen Dialog mit dem Judentum. Vom Glauben an Jesus Christus als Erlöser aller Menschen könne der Papst nun mal nicht absehen. Judenmission sei aber keine intendiert.
Die Fürbitte «Pro Judaeis» wird am kommenden Karfreitag überall dort verlesen, wo Pfarreien die alte lateinische Messe feiern. Der Papst selber wird im Petersdom das seit der Liturgiereform von 1970 übliche Gebet sprechen und folglich nicht für die Umkehr der Juden zu Christus beten. Sonst würde der Streit wohl vollends eskalieren.

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