«Denen ist doch völlig egal, wenn einer von uns stirbt»
03. April 2008, 08:00 Von Henrik BorkWanderarbeiter, die schlecht bezahlt werden, riskieren für den Bau des Olympiastadions in Peking Kopf und Kragen.
Viel ist nicht bei der Baustelle abzuholen, wenn ein Wanderarbeiter stirbt. Li Weidong hat eine Teetasse und sein Portemonnaie hinterlassen. Seine Frau Wan Cuiyou, plötzlich verwitwet, hat sie bei Pekings neuem Olympiastadion abgeholt. Als sie ankam, war die Leiche ihres Mannes schon eingeäschert. «Ich hätte ihn gerne noch einmal gesehen», sagt sie. Doch es hätte 200 Yuan pro Tag gekostet, um die Leiche gekühlt aufzubewahren, umgerechnet rund 32 Franken, zu viel für eine Bauernfamilie aus Sichuan. Deshalb ist Li Weidong noch am Tag seines Todes eingeäschert worden. Er war 49 Jahre alt.
Am Olympiastadion im Norden Pekings wird noch gearbeitet. Es soll im Mai fertig werden. Schon jetzt ist es die berühmteste Baustelle der Welt. Der ästhetisch beeindruckende Bau ist von den Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron entworfen worden. Spätestens am 8. August, bei der Eröffnungsfeier, wird es zum Wahrzeichen dieser Sommerspiele werden.
Die Pekinger haben das Stadion trotzdem ganz lapidar «das Vogelnest» getauft. So sieht es nun einmal aus. Stahlstreben mit einem Gewicht von 45'000 Tonnen sind wie Strohhalme miteinander verwoben worden. Spielerisch leicht sieht das aus, jetzt wo es fast fertig ist, doch für die schwere Arbeit wurden Tausende von kräftigen, billigen Arbeitern eingesetzt. Männer wie Li Weidong.
Streng bewachte Baustelle
Wer jedoch etwas über seinen Tod erfahren will, der steht schnell vor verschlossenen Türen. Ein zwei Meter hoher, grünblauer Bauzaun schützt das Vogelnest und das «Olympische Grün», in dessen Mitte es steht, vor neugierigen Blicken. Wächter in dunkelblauen Uniformen kontrollieren jedes der fünf Haupttore. Polizeiautos umkreisen das Gelände bei Tag und bei Nacht. Vor ein paar Wochen hatte eine britische Zeitung geschrieben, Chinas Regierung habe den Tod von «mindestens zehn Bauarbeitern» beim Vogelnest verheimlicht. Seither wird die Baustelle noch strenger bewacht als zuvor. «Sie haben die Arbeiter angewiesen, mit niemandem mehr zu reden», sagt Zhang Zhiqiang, ein freiwilliger Rechtsberater für Chinas Wanderarbeiter.
Nur in den Dörfern, weit entfernt von Pekings kommunistischen Kadern und ihren Polizisten, ist ein wenig über das Leben und Sterben der Wanderarbeiter auf den Olympiabaustellen zu erfahren. 1800 Kilometer südlich von Peking, im Herzen der Provinz Sichuan, liegt das 200-Seelen-Dorf Hongqiao, Kreis Zhongjiang. Jeden Quadratzentimeter Land haben die Bauern hier bestellt, nur auf den Hügeln drängen sich Bauernkaten und vereinzelte Fichten. Hongqiao heisst «Regenbogen», doch trotz dieses romantischen Namens ist die Armut nicht zu übersehen. Zwischen Raps- und Süsskartoffelfeldern, direkt beim Ortsschild, biegt ein Lehmpfad scharf nach rechts ab. An seiner ersten Biegung steht das kleine, grau verputzte Bauernhaus von Li Weidong.
«Ich verstehe bis heute nicht, wie mein Mann so plötzlich sterben konnte», sagt Wan Cuiyou, die 47-jährige Witwe. Li Weidong war einem Freund aus dem Dorf nach Peking gefolgt, weil die Familie nach der Hochzeit des Sohnes dringend Geld brauchte. «Wir mussten ein Haus für ihn bauen und bei der Hochzeit Gäste bewirten», sagt Wan. 6000 Yuan (rund 960 Franken) Schulden – das war für die arme Bauernfamilie eine astronomische Summe. 40 Yuan (6.40 Franken) Lohn pro Tag für «gute Arbeit» versprach ein Schlepper.
Im Januar vergangenen Jahres in Peking angekommen, arbeitete Li Weidong zunächst auf der Baustelle für das neue, von Rem Kohlhaas entworfene CCTV-Gebäude. Er half beim Verlegen von Elektrokabeln. Als jedoch die Arbeiten am Vogelnest in Verzug gerieten, wurde er dorthin verlegt. Im Keller des Stadions meisselte er Löcher in Betonwände, half erneut beim Strippenziehen. «Am 23. April 2007 erhielt ich plötzlich einen Anruf aus Peking, dass mein Vater in kritischem Zustand sei, dass er künstlich beatmet werden müsse», sagt Li Xiaolin, der Sohn.
Als der Sohn in Peking eintraf, lag sein Vater schon im Koma. Arbeitskollegen von der Vogelnest-Baustelle erzählten, was passiert war. Li Weidong war am 17. April 2007 völlig erschöpft, mit Durchfall und Fieber, in sein Etagenbett auf der Baustelle des Olympiastadions gesunken. Eine Woche lang, bis zum 22. April, lag er dort. Niemand kümmerte sich um ihm, niemand rief einen Arzt. Erst am 23. April merkten einige Arbeitskollegen, wie schlecht es ihm ging. Sie trugen ihn ins Pekinger Krankenhaus Nummer 306. Da war Li Weidong bereits bewusstlos. «Schwer dehydriert», notierte der Arzt in der Notaufnahme. Li musste sofort künstlich beatmet werden und kam auf die Intensivstation.
Sogar 17-Stunden-Schichten
Die Bauarbeiter-Vermittlungsagentur, die Li eingestellt und an den Bauträger vermittelt hatte, zahlte einmalig 7000 Yuan (1120 Franken) für die Notaufnahme. Die Behandlung auf der Intensivstation aber wollte sie nicht mehr übernehmen. Chinas Krankenhäuser aber verlangen Bargeld, sonst weisen sie bisweilen sogar blutende Unfallopfer an der Pforte ab. «Ich musste meinen Vater in ein billigeres Krankenhaus verlegen lassen, weil ich kein Geld mehr hatte», sagt Li Xiaolin.
Am 6. Mai 2007 starb der Wanderarbeiter Li Weidong im Pekinger Heping-Krankenhaus. «Herzmuskelveränderung» und «Lungenentzündung» attestierten die Ärzte. Eine Autopsie gab es nicht. Stattdessen wurde der Sohn zur sofortigen Einäscherung der Leiche gedrängt. Er stimmte zu, aus Angst vor weiteren Kosten. Er hatte sich im Dorf 3000 Yuan (480 Franken) geliehen, davon schon den Flug nach Peking, Hotelkosten und Krankenhausrechnungen bezahlt. Wenige Stunden nach dem Tod seines Vaters hielt er eine einfache Urne in der Hand.
Das Leben eines einfachen Arbeiters ist nicht viel wert im «Arbeiter- und Bauernstaat» China, dessen chaotische Wirtschaftsreformen prunkvolle Olympiastadien, aber auch die Rückkehr schlimmer Ausbeutung ermöglichen. «Sie bekommen keinen Arbeitsvertrag, werden nicht versichert, und wenn sie krank oder verletzt sind, sind sie auf sich allein gestellt», sagt Zhang Zhiqiang. 12-, 14-Stunden-Schichten seien nicht selten, 17 Stunden kommen vor, und schlechtes Essen ist die Norm. «Und ständig werden die Arbeiter gehetzt. Die Olympiastadien mussten in Rekordzeit fertig werden. Es ist möglich, das Li Weidong an totaler Erschöpfung gestorben ist», sagt Zhang.
Systematische Studien belegen jedenfalls bedauernswerte Zustände. Die Pekinger Akademie der Sozialwissenschaften untersuchte im vergangenen Jahr die Arbeitsbedingungen der rund 700'000 Wanderarbeiter auf Pekings zehntausend Baustellen. Nur 37 Prozent der befragten Wanderarbeiter hatten eine Unfall-, nur 31 Prozent eine Krankenversicherung. «Unser Raum war selbst bei Minustemperaturen im Pekinger Winter ungeheizt. Es gab zehn Betten für zwanzig Arbeiter», berichtete ein Wanderarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Manche Arbeiter «zitterten vor Kälte in improvisierten Zelten auf den Baustellen», heisst es im Bericht.
Fragen nach ihrer Verantwortung für den Tod von Arbeitern schmettern die am Bau des Vogelnestes beteiligten Firmen rücksichtslos ab. Auch Unfälle werden offenbar absichtlich vertuscht. Augenzeugen berichteten einem Korrespondenten der britischen «Sunday Times», sie hätten einen Arbeiter aus grosser Höhe direkt von einer Stahlstrebe des Vogelnestes herabstürzen sehen. Die völlig entstellte Leiche soll aus einem Sandhaufen gezogen und sofort von Polizisten abtransportiert worden sein. Alle Anwesenden seien ermahnt worden sein, Stillschweigen zu wahren, berichtete die «Times». Der Arbeiterrechtler Zhang Zhiqiang konnte mit einem Vorarbeiter reden, der einen Todessturz vom Vogelnest gesehen hatte. Zu einem Interview war der Mann jedoch nicht zu überreden. Die Familie des Opfers soll in diesem Fall 80–000 Yuan (rund 8000 Euro) Entschädigung erhalten haben.
Sicherheitstraining reicht nicht aus
Unfälle, auch tödliche, gehören zum Alltag auf Grossbaustellen, egal in welchem Land. In China kommt jedoch erschwerend hinzu, dass schlecht ausgebildete Arbeiter ohne ausreichendes Sicherheitstraining eingesetzt werden. Plötzlich turnen Bauern aus Sichuan oder Guangxi auf den Stahlstreben des raffiniert konstruierten Vogelnestes herum, oder sie hantieren ohne ausreichenden Schutz mit giftigen Baumaterialien. Die ärztliche Versorgung ist miserabel. Und ihren Lohn bekommen sie immer erst am Jahresende ausgezahlt, was sie Arztbesuche aus eigenem Antrieb so lange wie möglich hinauszögern lässt.
Als sie auf der Baustelle des Vogelnestes um Entschädigung für ihren toten Mann bettelte, wurde Wan Cuiyou kühl abgewiesen. «Sie sagten, der Tod meines Mannes sei kein Unfall gewesen», sagt sie. Erst nach langem Hin und her wurden ihr 20'000 Yuan (rund 3360 Franken) ausbezahlt, wovon die Firma die 7000 Yuan für die Krankenkosten wieder abzog. Zum Schluss stand Wan Cuiyou mit der Teetasse und dem Portemonnaie ihres Mannes sowie mit einem kleinen Bündel Geldscheine vor dem imposanten Bau des Olympiastadions. «Ich kam mir so klein vor wie eine Ameise», sagt sie. «Denen ist doch völlig egal, wenn einer von uns stirbt.»
Die Familie ist jetzt mit 30'000 Yuan (4800 Franken) verschuldet, nicht mehr nur mit 6000. Li Xiaolin, der Sohn, hat das Dorf verlassen und will sein Glück als Wanderarbeiter versuchen.

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