Ausland

Giftige Zahnpasta – wie die CIA den Kongo manipulierte

20. April 2008, 20:59 – Von Christine D’Anna-Huber

Ein neues Buch zeigt, wie die CIA im Kalten Krieg Diktator Mobutu 32 Jahre lang an der Macht hielt. Beunruhigende Parallelen zum heutigen Krieg gegen den Terror tun sich auf.

«Seitdem Lumumba tot ist, hört er auf, eine Person zu sein. Er wird zu ganz Afrika.» Jean-Paul Sartre

Es war Ende September 1960 in Léopoldville, der heutigen kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Als Larry Devlin, der junge CIA-Missionschef, aus der amerikanischen Botschaft trat, stand im Strassencafé gegenüber ein Mann auf, näherte sich diskret, flüsterte: «Joe aus Paris.» Devlin erhielt an jenem Tag ein Sortiment von tödlichen Giften, eines davon in Form einer mit Polio infizierten Tube Zahnpasta. Und einen Befehl von ganz oben: Präsident Eisenhower wünschte die sofortige Liquidierung des kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba.

Damals spaltete der Kalte Krieg die Welt, und die USA wollten den Aufstieg eines «afrikanischen Fidel Castro» verhindern, um jeden Preis. Wäre der Kongo in den Einflussbereich der Sowjetunion geraten, so hätte diese von dort aus ganz Zentralafrika infiltrieren und die Nato auf deren südlichster Flanke schwächen können. Und mit dem Kongo hätte sich Kremlherr Chruschtschow auch das Monopol der Kobaltproduktion unter den Nagel gerissen. Kobalt wird beim Bau von Waffen und Raketen verwendet – für das sowjetische Rüstungs- und Weltraumprogramm wäre das Monopol von unschätzbarem Wert gewesen.

Die Belgier hatten den Kongo – «dieses wunderbare Stück des afrikanischen Kuchens», wie König Leopold II. sein persönliches Riesenreich im Herzen des schwarzen Kontinents genannt hatte – damals gerade in die Unabhängigkeit entlassen. Widerwillig, aber mit der Hoffnung, das Land aus der Ferne weiterhin lenken zu können. Sie hatten dafür vorgesorgt, hatten das Heranwachsen einer kongolesischen Elite bewusst verhindert: 1960 gab es landesweit nicht mehr als 20 Kongolesen mit Universitätsabschluss, keinen einzigen afrikanischen Offizier in der Armee und im Staatsdienst nur eine Handvoll Afrikaner in leitenden Positionen. Aber Patrice Lumumba, der charismatische Ministerpräsident der ersten kongolesischen Regierung, machte einen Strich durch diese Rechnung. Der glühende Nationalist lehnte die Dominanz der ehemaligen Kolonialmacht ab, wollte aus dem Kongo, diesem Riesenmosaik von Völkern, Kulturen und Sprachen, eine selbstbestimmte Nation machen. Dazu, fürchtete der Westen, würde er sich mit der Sowjetunion verbünden.

Um das zu verhindern, war der kalte Krieger Larry Devlin zu vielem bereit. Er rekrutierte Agenten, intrigierte, infiltrierte, erpresste und bezahlte Schmiergelder, er kaufte Politiker und Medien. Aber töten ging ihm zu weit. Das hielt er für moralisch falsch, zu riskant und damit möglicherweise kontraproduktiv, wie er vor kurzem in seinen Memoiren schrieb. Es gab genügend andere Wege, um Lumumba, den Devlin zwar nicht für einen Kommunisten hielt, wohl aber für unberechenbar und damit gefährlich, aus dem Weg zu schaffen. Einer davon war es, seine Rivalen aufzubauen. Den 29-jährigen Armeechef Mobutu zum Beispiel, nach Ansicht des damaligen US-Botschafters in Leopoldville «ein gemässigter und wirklich kompetenter Mann». Am 14. September 1960, kaum elf Wochen nach der Unabhängigkeit des Kongo, putschte sich Mobutu mit Hilfe der USA an die Macht.

«Nicht schlechter als andere»

Lumumba wurde schliesslich – ohne Beihilfe der CIA, dafür mit belgischer Komplizenschaft – von politischen Rivalen ermordet. Mobutu hingegen konnte sich dank der tatkräftigen Unterstützung der USA 32 Jahre lang an der Macht halten. Ein rücksichtsloser Kleptokrat, Oberhaupt eines räuberischen Staates, der Widerstand brutal unterdrückte, die Rohstoffe des Landes verschleuderte, dabei – laut Transparency International – ein persönliches Vermögen von rund fünf Milliarden Dollar anhäufte und sich mit einem grotesken Personenkult huldigen liess: «Vor mir die Sintflut, nach mir die Sintflut», pflegte Mobutu ungerührt zu sagen. Doch selbst im Rückblick hat CIA-Mann Devlin an der amerikanischen Kongo-Politik jener Jahre nichts auszusetzen.

Mobutu habe dem Kongo vielleicht nicht unbedingt gut getan, doch er sei der richtige Mann im richtigen Moment gewesen und alles in allem «nicht schlechter als die meisten anderen afrikanischen Leader auch», schreibt Devlin.

Heute ist an Stelle des Kalten Krieges der Krieg gegen den Terror getreten. Und auch hier heiligt der Zweck manchmal unheilige Mittel. Er sehe eine beunruhigende Parallele zwischen den beiden Epochen, erklärt der US-Historiker John Prados, der ein Werk über die «Geheimkriege» der CIA verfasst hat. Seit die al-Qaida ihren Einfluss über Somalia auf den schwarzen Kontinent auszudehnen versucht und Afrika seiner immensen Öl- und Gasreserven wegen für die USA strategisch wieder wichtig geworden ist, gerät es erneut zwischen die Fronten. Das sei insofern bedenklich, als sich Staaten mit Demokratiedefiziten nur allzu willig für diesen Kampf einspannen liessen, schreibt Lauren Hutton, Forscherin am südafrikanischen Institut für Sicherheitsstudien. Und meist fehlten in Afrika die demokratischen Leitplanken, die sich im Westen Machtmissbräuchen und Rechtsverletzungen entgegenhalten lassen.

Dass der Terrordiskurs für viele afrikanische Länder hauptsächlich eine Ressource darstelle, denkt auch der deutsche Politikwissenschaftler Jan Bachmann. Wer sich auf der Seite der USA gegen das Böse stellt, erhält – Beispiel Uganda oder Äthiopien – grosszügige Militärhilfe. Auch die amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID hat ihre Unterstützungskriterien längst dem Krieg gegen den Terror angepasst. Im Namen dieses Krieges können autoritär regierte Staaten ausserdem international anerkannte Menschenrechtsnormen aufweichen und die politische Opposition ruhig stellen. In Kenya beispielsweise haben Menschenrechtsorganisationen gegen die Verabschiedung eines Antiterrorgesetzes protestiert, welches die Meinungs- und Versammlungsfreiheit beschneiden und die muslimische Bevölkerung Behördenschikanen aussetzen würde.

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