Paraguays Kleinbauern hungern mitten in Sojafeldern

22. April 2008, 22:34 – Von Hans Moser

Mit Soja lässt sich zurzeit viel Geld verdienen. Den Preis für den Boom zahlen in Paraguay die Kleinbauern. Der oft unkontrollierte Anbau zerstört ihre Lebensgrundlage.

Die Tage der Ribeiras in Barrio San Pedro sind gezählt. «Es bleibt uns nichts anderes übrig, als von hier wegzuziehen», klagt Hermenio Ribeira, der in der etwa zwei Autostunden von der paraguayischen Hauptstadt Asunción entfernten Ortschaft zusammen mit seiner Frau und den älteren seiner elf Kinder ein kleines Bauerngut bewirtschaftet. «Unser Hof ist vollständig von Sojafeldern eingeschlossen, und wir leiden immer mehr unter den Pestiziden, die in grossen Mengen mit Flugzeugen versprüht werden, und die der Wind ständig auch zu uns trägt.» Am stärksten setzen die Einsätze mit Schädlingsbekämpfungsmitteln jeweils der 18-jährigen Carolina zu, sie wird jedes Mal von starkem Kopfweh geplagt und muss oft erbrechen. Aber auch Mutter Agripina und das Nesthäkchen der Familie, die sechsjährige Karen Lucia, spüren des Öfteren ähnliche Symptome.

Die Ribeiras beschwerten sich mehrmals beim Verwalter der 3000 Hektaren grossen Sojafarm, die einem in Asuncíon ansässigen Einheimischen gehört. Doch ihre Klagen stiessen auf taube Ohren. Grossgrundbesitzer, die in der Regel über gute Beziehungen zu einflussreichen Politikern verfügen, können sich in Paraguay nahezu alles erlauben. Zwar schreibt etwa das Umweltgesetz natürliche Barrieren mit Bäumen gegen die Pestizidabdrift vor. Die meisten Sojeros, von denen viele aus Brasilien kommen, pflanzen jedoch weit schmalere Schutzstreifen an als verlangt oder ignorieren die rechtlichen Normen ganz. Um neue Anbauflächen zu gewinnen, üben viele massiven Druck auf benachbarte Campesinos aus. «Zuweilen werden ganze Kleinbauerngemeinschaften gewaltsam vertrieben», bestätigt Volker Sitta, der die Arbeit des Schweizerischen Roten Kreuzes in Südamerika koordiniert und in Asunción lebt, «sei es durch den Einsatz paramilitärischer Kräfte im Dienste der Grossbauern oder durch die bewusste Besprühung von Siedlungen mit Agrochemikalien, welche die Ernten der Kleinbauern zerstören und ihnen somit ihre Lebensgrundlagen entziehen.»

Sojabauer drückt Bodenpreis

Für ihr zehn Hektaren grosses Grundstück, auf dem sie hauptsächlich Sesam sowie Mais und Gemüse für den Eigenbedarf anbauen, hatte der Sojabauer den Ribeiras ursprünglich umgerechnet 16 500 Franken angeboten. Da die Familie nicht sofort einwilligte, drückte er den Preis immer weiter hinunter. Die bisher letzte Offerte liegt bei 12 000 Franken. Bleibt es bei dieser Summe, was noch keineswegs sicher ist, kann sich die Familie damit an einem andern Ort etwa sieben Hektaren Boden kaufen, allerdings ohne ein Haus darauf. «Wir wissen, dass unser Hof hier mehr wert ist und unsere Notlage schamlos ausgenützt wird», sagt Ribeira, «aber wir müssen das Angebot wohl oder übel akzeptieren, um unsere Kinder und Enkel nicht mehr länger gesundheitlichen Risiken auszusetzen.»

Futter für Autos und Tiere

Die Sojaproduktion hat in den vergangenen Jahren nicht bloss in Paraguay, sondern auch in mehreren anderen lateinamerikanischen Ländern stark zugenommen. In Brasilien beispielsweise hat sich die Anbaufläche zwischen 1995 und 2005 auf 22 Millionen Hektar verdoppelt, und in Argentinien hat die Pflanze aus der Familie der Hülsenfrüchte inzwischen mit 17 Millionen Hektaren die Hälfte des landwirtschaftlich genutzten Bodens erobert. Lateinamerika hat die USA als weltweit führenden Exporteur von Soja bereits überholt. Dieser Trend wird sich weiter verstärken, da in den Vereinigten Staaten die Anbauflächen begrenzt sind. 2006 wurden weltweit 236 Millionen Tonnen Sojabohnen geerntet, bis 2020 dürfte die globale Nachfrage auf 300 Millionen Tonnen steigen. Rund 70 Prozent dieser Zunahme, so schätzt die Umweltorganisation WWF, wird auf die wichtigsten Erzeugerländer in Lateinamerika entfallen: Brasilien, Argentinien, Paraguay und Bolivien. Der Löwenanteil der Produktion, etwa vier Fünftel, wird auch in Zukunft für die Tierfütterung bestimmt sein. Sojaschrot versorgt Rinder, Schweine und Hühner mit Proteinen. In den vergangen Jahren wurde Soja zudem vermehrt zur Fabrikation von Biotreibstoffen genutzt. Auf die Herstellung von Lebensmitteln entfällt weniger als 20 Prozent der globalen Ernte.

Soja stellt heute in Lateinamerika dank der ständig wachsenden Nachfrage und den hohen Weltmarktpreisen eine wichtige Einkommensquelle dar. Die Expansion der Sojabohnenindustrie für den Exportmarkt geht jedoch allzu oft auf Kosten der Umwelt und der Menschen in den betroffenen Regionen. Die grösstenteils gentechnisch veränderten Sojasaaten verdrängen traditionelle Kulturpflanzen, die als Nahrungsgrundlage vieler Kleinbauern dienen. Wo gestern Mais, Weizen, Reis und Gemüse angepflanzt wurden oder Rinder weideten, wächst jetzt Soja. In Argentinien führte das bereits im vergangenen Jahr in Kombination mit einem harten Winter zu einer deutlichen Verknappung des Angebots und zu Preisschüben bei Lebensmitteln.

Neue Schädlinge und vergiftete Flüsse

Profitgierige Sojabauern in Brasilien, Argentinien, Paraguay und Bolivien lassen darüber hinaus immer wieder grosse Flächen an artenreichen Wäldern und Savannen abholzen oder niederbrennen, um ihre Anbauflächen ausdehnen zu können – in vielen Fällen illegal. Mit solchen Eingriffen wird das natürliche Gleichgewicht massiv gestört und der Lebensraum der dort angesiedelten Familien – meist handelt es sich um Ureinwohner oder Kleinbauern – zu Grunde gerichtet. Selbst wenn sie nicht direkt vertrieben werden, bleibt ihnen oft keine andere Wahl, als an einem anderen Ort eine neue Existenzgrundlage zu suchen, weil der unkontrollierte Sojaanbau auch ihre Nahrungsbasis zerstört hat. Durch unsachgemässe Kultivierungsmethoden nehmen Bodenerosion und Verwüstung stark zu. Neue Schädlinge tauchen auf, und es werden mehr Pflanzenkrankheiten registriert. Die Waldrodungen führen zu Veränderungen im Wasserhaushalt und bei den Regenzyklen. Zusätzlich vergiftet der hemmungslose Einsatz von Herbiziden und Pflanzenschutzmitteln Flüsse, Bäche und Seen. Die Fische gehen ein, die Anwohner werden krank.

Umweltverbände warnen seit Jahren vor den Besorgnis erregenden ökologischen und sozialen Folgen einer überbordenden Sojaherstellung. Ihre Appelle für eine umwelt- und sozialverträglichere Produktion fruchten jedoch wenig. Welcher Farmer ist schon bereit, aus Rücksicht auf den Regenwald oder die in ihrer Existenz bedrohten Kleinbauern weniger Soja anzubauen, wenn die Nachfrage nach Tierfutter und alternativen Treibstoffen ständig steigt, und er mit seinen Exporten viel Geld verdienen kann? So lange Europas Kühe gewissermassen auf Lateinamerikas Weiden grasen, bleiben dort Millionen von Menschen unterernährt.

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