KOMMENTAR

Nur hinsehen reicht nicht

29. April 2008, 23:26 – Von Bernhard Odehnal

Aus kriminalistischer Sicht ist der Fall von Amstetten so gut wie abgeschlossen: Der 73-jährige Josef Fritzl gestand, dass er seine Tochter 24 Jahre lang in den Keller sperrte und sieben Kinder mit ihr zeugte. Was bleibt, ist die Frage, wie ein Mann seine Familienmitglieder mitten in einer Kleinstadt als Geiseln halten konnte. Hätten die Nachbarn und Behörden genauer hinsehen müssen?

Eine wachsamere Gesellschaft mit mehr Zivilcourage? Die Forderung klingt logisch. Tatsächlich ist das Problem aber nicht mangelnde soziale Kontrolle, sondern wen diese Kontrolle trifft  und wen nicht. Allein erziehende, arbeitende, ausländische Mütter stehen unter ständigem Verdacht, ihre Kinder zu vernachlässigen und ins Elend zu treiben. Sie müssen sich für alles rechtfertigen: Warum sie den Nachwuchs in die Krippe schicken, kein Mittagessen kochen, Ausflüge absagen.

Patriarchen wie Josef Fritzl hingegen müssen sich nicht rechtfertigen. Sie sind über jeden Verdacht erhaben und finden Verständnis bei den Behörden, weil dort an den leitenden Stellen meistens ebenfalls ältere Männer mit traditionellem Familienbild sitzen.

Vielleicht konnten sie Fritzls Tarnung nicht durchschauen, weil ihnen diese Welt zu vertraut war. Der leitende Kriminalist bezeichnet Fritzl als «stattlich, dynamisch und potent»  als wäre das Beweis für Integrität. Der Bezirkshauptmann lobte, dass seine Frau zu Hause bei den Kindern blieb  als würde das vor sexuellem Missbrauch schützen.

Um herauszufinden, ob Fritzls Tarnung perfekt war oder ob viele Menschen zu lange wegschauten, bedarf es gründlicher, selbstkritischer Analysen. Bis jetzt zeigen die österreichischen Behörden dazu keine Bereitschaft. Auch sie halten sich «über jeden Verdacht erhaben».

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