Frustrierte Neapolitaner greifen zur Selbstjustiz
15. Mai 2008, 21:26 Von Kordula DoerflerEin aufgebrachter Mob setzte in Neapel zwei Roma-Camps in Brand. Rumänen und insbesondere rumänische Roma sind in Italien höchst unbeliebt.
Die Feuerwehr begrüssten sie mit Pfiffen und Buhrufen, jede hochschiessende Flamme hingegen mit Applaus. Gespenstische Szenen spielten sich in den Nächten von Dienstag und Mittwoch in einem heruntergekommenen Vorort von Neapel ab. Ein wütender Mob warf Steine und Brandsätze gegen zwei Elendssiedlungen, in denen vor allem illegale rumänische Roma hausen. Nachdem am vergangenen Wochenende ein junges Roma-Mädchen angeblich versucht hatte, einen Säugling zu entführen, kochte die Volksseele hoch. Noch war längst nicht geklärt, ob die Vorwürfe wirklich zutreffen, als die Bevölkerung zur Selbstjustiz griff – vor laufender Fernsehkamera und unter den Augen der Polizei, die die Roma-Familien am Ende evakuieren musste. Auch im weit entfernten Mailand flogen Brandsätze gegen Elendshütten. Zu Verhaftungen unter den Angreifern kam es allerdings nicht.
Nur die Kirche mahnt die Politik
Wirklich besorgt über die Übergriffe zeigen sich derzeit nur die Uno, die katholische Kirche und Organisationen, die mit Einwanderern zusammenarbeiten. Am Donnerstag Nachmittag fand in Neapel eine Solidaritätskundgebung statt, nachdem sich der Regionalpräsident von Kampanien, Antonio Bassolino von Walter Veltronis neuer Demokratischer Partei, zumindest zu einer Verurteilung der Tat durchgerungen hatte. Es blieb der Kirche vorbehalten, die Politik daran zu erinnern, was auch ihre Aufgabe ist. So warnte etwa Kardinal Renato Martino, der «Justizminister» des Vatikans, vor einer «Kriminalisierung des rumänischen Volkes» und betonte, die illegale Immigration dürfe nicht als «Delikt» betrachtet werden. Für viele sei sie schlicht eine Notwendigkeit, und Aufgabe der Politik sei es, sie zu regeln. Auch Papst Benedikt XVI. mahnte, das Problem des Familiennachzugs müsse dringend geregelt werden und sei eine schwere Belastung für viele Immigrantenfamilien.
Die neue Rechtsregierung von Silvio Berlusconi hat davon allerdings ihre eigenen Vorstellungen: Künftig sollen Gentests darüber entscheiden, wer nachkommen darf und wer nicht – Teil eines umfangreichen Massnahmenpakets, das noch in der kommenden Woche verabschiedet werden soll. Zielgruppe sind dabei vor allem die zu Hunderttausenden ins Land strömenden Rumänen. Seitdem Rumänien Mitglied der EU ist, gelten auch für seine Staatsbürger erleichterte Einreisebedingungen, und die italienische Wirtschaft braucht sie auch dringend als billige Arbeitskräfte.
Volle Freizügigkeit wie in einigen anderen EU-Staaten geniessen sie allerdings in Italien noch nicht, trotzdem sind die Rumänen unterdessen mit rund 15 Prozent zur grössten Gruppe der knapp 4 Millionen Ausländer im Land angewachsen. Weitaus die meisten von ihnen halten sich legal in Italien auf und arbeiten vor allem auf dem Bau, in der Landwirtschaft und im Tourismus. Dennoch macht sich in Italien eine grassierende Ausländerfeindlichkeit breit, die sich immer wieder auch gewaltsam entlädt – vor allem gegen rumänische Roma.
Tatsächlich sind die Kriminalitätsquoten unter den rund 160 000 im Land lebenden Roma hoch. Sie hausen oft in Elendsquartieren am Rande der grossen Städte, die jedes Dritte-Welt-Landes würdig wären. Mit 0,3 Prozent ist ihr Anteil an der Bevölkerung aber noch immer weitaus geringer als in anderen europäischen Ländern. Die Italiener aber fühlen sich in ihrem Alltag zunehmend bedroht und reagieren immer häufiger mit unverhohlener Aggression auf die Fremdlinge. Jetzt, nach den Vorfällen in Neapel, schreiben die Zeitungen über «Zigeuner, die Kinder stehlen» und «die Jagd auf Zigeuner», meist, ohne sich dabei gross um politische Korrektheit zu bemühen. Die Tageszeitung «Il Giornale», die von Berlusconis Medienimperium herausgegeben wird, zeichnete gar ein Bild der Hauptstadt im Belagerungszustand. Auch in seiner ersten Regierungserklärung hatte Berlusconi in dieser Woche das Thema als vorrangig bezeichnet – neben Wirtschaftsreformen und der Lösung des Müllproblems.
Prodi hat Dekret nicht umgesetzt
Bereits im vergangenen November kam es auch in Rom zu Akten von Selbstjustiz gegen Rumänen, nachdem die Frau eines hohen Marineoffiziers am Stadtrand von einem Roma vergewaltigt und so schwer misshandelt worden war, dass sie ihren Verletzungen wenig später erlag. Die damalige Regierung von Ministerpräsident Romano Prodi erliess unter dem Druck der öffentlichen Empörung ein Dekret zur schnelleren Abschiebung auch von EU-Bürgern, das aber nicht mehr zum Gesetz wurde. Allerdings verschlechterte es das Verhältnis zwischen Italien und Rumänien so sehr, dass mehrere Krisengespräche auf Ministerebene nötig waren. Weil die Regierung in Bukarest erneut höchst alarmiert ist, beeilte sich Innenminister Roberto Maroni, seinen Amtskollegen Christian David für gestern nach Rom einzuladen.
Schon im Wahlkampf hatte das rechte Bündnis von Silvio Berlusconi die illegale Einwanderung zu einem der grössten Probleme Italiens erklärt und harte Massnahmen versprochen. Mit massiv fremdenfeindlichen Parolen war die Lega Nord zur drittstärksten Partei aufgestiegen und hatte auch der Postfaschist Gianni Alemanno die Stichwahl in Rom für sich entschieden. Er will massenhaft Roma abschieben und die Elendsquartiere räumen lassen und dazu, ähnlich wie die konservative Bürgermeisterin von Mailand, Letizia Moratti, schnell einen Sonderkommissar einsetzen.
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