Obama dank Internet auf Siegerstrasse
25. Mai 2008, 20:18 Von Walter NiederbergerBarack Obama ist der Kandidat, der zum ersten Mal das Internet voll ausschöpft. Dies erlaubt ihm, ein Heer von Getreuen auszubilden und die Partei auf Kurs zu bringen.
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Seinen Erfolg hat Barack Obama dem strategischen Meisterstreich zu verdanken, das Internet zu einem Eckstein seiner Kampagne zu machen. Während Hillary Clinton weitgehend auf der konventionellen Strategie ihres Mannes aufbaute, also den direkten Kontakt mit den Bürgern suchte und die Kräfte auf die wichtigsten Bundesstaaten bündelte, rollte Obama das Feld auf ganzer Breite auf. Über das Internet rekrutiert er nach wie vor Tausende von Freiwilligen, bildet sie zu professionellen Strategen aus und hat inzwischen eine einmalige Adresskartei zur Hand, die ihn weitgehend unabhängig macht von der Partei der Ära Clinton.
In allen 50 Staaten angetreten
Diese Konsolidierung der Partei hat die Clintons auf dem falschen Fuss erwischt. Die Favoritin der ersten Stunde ging davon aus, die Kandidatur schon im Frühjahr gesichert zu haben, indem sie in wichtigen Staaten wie New York, New Jersey, Kalifornien oder Florida einen uneinholbaren Abstand schaffen würde. Die Rechnung ging allerdings in doppelter Hinsicht nicht auf. Obama machte in den Clinton-Hochburgen mehr Stimmen als erwartet, weil es ihm gelang, Hunderttausende von Neuwählern zu rekrutieren. Noch wichtiger: Er trat mit voller Kraft in jedem einzelnen der 50 Bundesstaaten an, in republikanischen Hochburgen wie Montana, unbedeutenden Territorien wie Guam und «feindlichem» Terrain wie den Appalachen. Clinton hat deswegen den Rückstand nicht erst vor Kurzem eingefahren, sondern bereits im Februar, als sich Obama auf einen Schlag elf Bundesstaaten sicherte und ein Momentum erreichte, das sie nie mehr zu brechen vermochte.
Obama fasste seine Strategie einmal so zusammen: «Wir wollen sicherstellen, dass wir jeden einzelnen Wahlberechtigen erreichen, um Washington im November für das amerikanische Volk zurück zu gewinnen». Umgesetzt wurde die Absicht von einem ein Heer von via das Internet rekrutierten Freiwilligen, die flächendeckend so viele Wähler registrieren, wie sie nur irgendwie erreichen können.
Dies ist ein markanter Unterschied zu den erfolglosen Kampagnen von Al Gore und John Kerry. Diese hatten fast nur die Stammlande der Partei im Nordosten, in den Industriestaaten rund um die Grossen Seen sowie im Westen bearbeitet, jedoch den republikanischen Luftraum im Süden und Mittleren Westen von Anfang an preisgegeben. «Ich bin stolz darauf, dass es unsere Kampagne ist, die nun erstmals eine massive Wählerregistrierung in allen 50 Staaten anstrebt», so Obama.
Anders als das in sich zerstrittenen Clinton-Team fielen die Strategen um Obama durch ihr geschlossenes Auftreten auf. Die Webseite MyBarackObama.com bildete den Zement für diesen Zusammenhalt. Hier hielten die Topberater die inzwischen mehr als 1,5 Millionen Spender zusammen, versorgten sie täglich mit Zwischenberichten und verschickten «Talking Points» – einen Spickzettel also mit Antworten auf aktuelle Vorkommnissen.
Es war auch über die Webseite von YouToube, wo Barack Obama zum ersten Mal wirksam auf den Wirbel um seinen Pastor antwortete. Die Adresskartei umfasst bereits mehr als 16 Millionen eingetragene Wähler, davon haben fast zehn Prozent eine Spende geschickt. Beide Zahlen setzen Rekordmarken, die in scharfem Kontrast stehen zur allgemeinen Politikverdrossenheit. Es scheint, als könne Obama desto mehr Wähler an sich binden, je tiefer die Umfragewerte für den Kongress und den Präsidenten fallen. Diese Adresskartei enthält nicht nur die Namen und Adressen der Spender, sondern auch Angaben über ihre lokale Vernetzung: Für Obama ist dies ein wertvolles Werkzeug für die weitere politische Karriere, selbst wenn er die Wahl nicht gewinnen sollte.
Das Ganze erinnert an die von Karl Rove gesteuerte Sammelbewegung der Republikaner in den 90er-Jahren. Es wird geschätzt, dass Obama hinter 10 bis 20 Prozent der Spenden an die dieses Jahr kandidierenden demokratischen Senatoren steckt. Dies sichert ihm Einfluss und Getreue über den November 2008 hinaus.
Ein harter Kern Freiwilliger
Einen weiteren Eckpfeiler bilden die «Obama Fellows«, der harte Kern der Freiwilligen. Es sind dies meist Studenten, die unentgeltlich Spenden auftreiben und lokale Veranstaltungen organisieren. Obama nützt den Zustrom der Helfer aus, indem er ab 5. Juni erstmals einen mehrwöchigen Ausbildungskurs für Politstrategen offeriert. Die Nachfrage nach diesen Kursen war so gross, dass die Anmeldefrist verlängert werden musste. Die Teilnehmer verpflichten sich zu mindestens 30 Stunden Fronarbeit pro Woche, ohne Lohn, Kost und Logis. Dafür aber können sich anschliessend laut Obama zu einer «neue Generation von Leadern» zählen.
Der Senator verweist auf seine eigene Erfahrung als Sozialarbeiter in South Chicago – «eine Erfahrung, die mein Leben geprägt hat». Ziel ist, John McCain in allen 50 Bundesstaaten herauszufordern und ihn so personell und finanziell in die Enge zu treiben. Wie viele «Fellows» Obama ausbilden will, wollte seine Pressestelle aber nicht bekannt geben.
Dass die sich anbahnende Machtverschiebung in der demokratischen Partei für Unfrieden sorgt, kann nicht überraschen. Eine in San Francisco stationierte Gruppe von Clinton-Anhängern hat in grossen Tageszeitungen wie der «New York Times» und «USA Today» ganzseitige Inserate platziert: «Nicht so schnell: Hillarys Stimme ist unsere Stimme, und sie spricht für uns alle», machte die Gruppe um die Aktivistin Susie Buell geltend. Sie kritisiert, dass Obama die gleiche Taktik brauche wie George W. Bush im Jahr 2000, als er Al Gore an die Wand zu drücken versuchte. «Dies ist falsch und ist verwerflich», sagt sie. Doch scheint es, acht Jahre später, erfolgreich zu sein.
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