Ausland

Indiens Krieg der Kasten um Privilegien

29. Mai 2008, 20:47 – Von Oliver Meiler

In Indien kämpft eine niedere Kaste für eine Deklassierung. Das ist nur ein bisschen paradox. Und sehr explosiv.

Es ist nicht sehr schwierig, Delhi zum Stillstand zu bringen. Es reicht, wenn ein paar Tausend Menschen die Einfallstrassen der Millionenstadt blockieren, auf die Zuggleise sitzen, an einigen strategischen Ecken Autos und Reifen in Feuer stecken und damit die Polizei in Schach halten. So machten es am Donnerstag die Gujjars, Mitglieder einer niederen Kaste aus dem Bundesstaat Rajasthan – früher Hirten, heute mehrheitlich Bauern (siehe Kasten). Zehntausende von ihnen trugen ihren Unmut über ihre angebliche Diskriminierung in die Hauptstadt. Es war der siebte Tag ihres Aufstandes. 39 Menschen waren dabei schon umgekommen. Sie nannten ihn den «Tag der Märtyrer». Und auch der hätte blutig enden können, wenn die Regierung nicht 35 000 Sicherheitsleute in die Strassen Delhis abbestellt hätte.

Grosser Frust

Der Frust der Gujjars ist gross und explosiv und erschliesst sich einem erst auf den zweiten Blick. Diese niedere Kaste, eine der niedersten Indiens, die in Rajasthan etwa fünf Millionen Menschen zählt, möchte herabgestuft werden – auf die unterste Stufe der sozialen Leiter. Ihr Verband hat ein Gesuch für eine Neuklassifizierung gestellt. Er reichte der zuständigen Regierungskommission Dokumente und Argumente nach, die sie überzeugen sollte, dass es die Gujjars verdient hätten, ganz unten in der sozialen Hierarchie angesiedelt zu werden – nämlich bei den «gelisteten Stämmen». Mit besonderer Bescheidenheit hat das aber nichts zu tun, eher im Gegenteil. Diese Stämme erhalten als isolierte, schlecht integrierte und meist in abgelegenen Regionen lebende Bürger mehr Privilegien als die Gujjars, die zur grossen Sammelkategorie der «Anderen rückwärtigen Kasten» gezählt werden: mehr Jobs also in den Behörden, mehr reservierte Studienplätze an den Universitäten und Eliteschulen, eine grössere Quote für den Einzug ins nationale und ins regionale Parlament.

So funktioniert in Indien die Förderung niederer Kasten und ethnischer Minderheiten, die sonst kaum Chancen hätten, die Gräben des sozialen Systems zu überspringen. Die Gujjars verwiesen darauf, dass sie in einigen Bundesstaaten bereits als nomadisierender Stamm klassifiziert seien, dass also eine Ausweitung nur logisch sei. Doch die Regierung lehnte das Gesuch vergangene Woche ab. Und dachte, sie könne die Kaste mit einer einmaligen Subvention von 70 Millionen Dollar zufrieden stellen.

Regierung steckt in Dilemma

Seither protestieren die Gujjars im Wüstenstaat Rajasthan. Es geht bei diesem Streit um Quoten und Privilegien. Und es ist nicht der erste. Schon 2007 kamen Dutzende Gujjars bei ähnlichen Protesten ums Leben. Ihr Anführer, Kirori Singh Bainsala, sagt: «Wir werden uns nur mit einer neuen Klassifizierung zufrieden geben.»

Die Regierung steckt in einem Dilemma, das sich ihr regelmässig auch in anderen Regionen des Landes stellt: Gibt sie einer Kaste nach, steht eine andere Kaste auf. In diesem Fall wären es die Meenas, ein gelisteter Stamm, wie es die Gujjars gerne wären – unterste Stufe also. Würden die Gujjars nun herabgestuft, verlören die Meenas einen Teil ihrer Vorteile. Ihr Stand würde gewissermassen verwässert. Und das, so liess es ihr Interessenverband bereits wissen, würden sie unter keinen Umständen akzeptieren. Für die Meenas spricht die Masse. In Rajasthan sind sie fast doppelt so zahlreich wie die Gujjars.

Die Kaste definiert den Beruf
Indiens Gesellschaft ist eingeschnürt ins Hierarchiesystem der Kasten. Vor allem auf dem Land, wo 70 Prozent der Inder leben, bestimmt es bis heute viele Aspekte des Alltags. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Portugiesischen, «casta», und meint Herkunft oder Rasse. Das Denken aber wurzelt im alten Hinduismus und in dessen Mythologie. Die Kaste definiert den Beruf ihrer Mitglieder. Die Brahmanen stehen ganz oben auf der sozialen Leiter, sie waren einst Lehrer und Priester. Zu den Kshatriyas zählten die Krieger. In der Kaste der Vaishyas fanden sich die Händler und Bauern. Und in jener der Shudras die Pächter und Handwerker. Jede Kaste ist in viele, an die Moderne angepasste Unterkasten unterteilt. Die Brahmanen stellen einen Grossteil der Elite. Ganz unten auf der Leiter stehen die Dalits, einst als Unberührbare bekannt. Neben den vier Hauptkasten, die etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, und den Dalits (etwa 160 Millionen) gibt es die neuzeitliche Kategorie der rund 3000 «Anderen rückwärtigen Kasten» (OBC – 350 Millionen) und jene der «gelisteten Stämme» (ST – 70 Millionen).

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