Terror und blutige Proteste in Nordafrika

09. Juni 2008, 20:05 – Von Jacqueline Hénard

Nach einer Serie von Attentaten in Algerien und Toten bei Unruhen in Marokko und Tunesien warnen lokale Medien vor dem Pulverfass Maghreb.

Im Vorfeld zum EU-Mittelmeergipfel am 13. Juli in Paris, der die Zusammenarbeit mit den Anrainerstaaten am Süd- und am Ostufer neu begründen soll, mehren sich in den Maghrebstaaten die Zeichen steigender Spannungen. So ist es in Algerien am Rande der Kabylei innerhalb von nur einer Woche zu fünf Anschlägen gekommen. Der nordafrikanische Ableger von al-Qaida, eine Folgeorganisation der salafistischen Splittergruppe GSPC, hat sich zu dreien der Attentate bekannt.

Gestern kamen bei einem Doppelanschlag in Beni Amrane 13 Menschen ums Leben, darunter erstmals seit 1994 auch ein französischer Staatsbürger. Das Bauunternehmen Razel, für das der 70 Jahre alte Mann gearbeitet hatte, zog sein Personal sofort auf unbestimmte Zeit aus Algerien ab. Drei Angestellte desselben Unternehmens waren im September 2007 bei einem Bombenanschlag verletzt worden.

Frankreich beruhigt und warnt

Der französische Aussenminister Bernard Kouchner bemühte sich in einem diplomatischen Balanceakt, die französischen Unternehmen gleichzeitig zu warnen und zum Weitermachen zu ermuntern. Algerien sei ein Land, «in dem wir arbeiten müssen». Die Handels- und die Freundschaftsbeziehungen seien sehr wichtig und sollten entwickelt werden. Freilich sei es auch «ein gefährliches Land», für das sein Ministerium aber keine speziellen Reisewarnungen erlassen wolle. Kouchner weiss, wovon er spricht: Er musste im vergangenen Monat gleich zwei Mal nach Algerien reisen. Der algerische Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika ist bislang wenig geneigt, am 13. Juli zu dem Gipfel nach Paris zu reisen, den übrigens auch andere nicht europäische Staatschefs boykottieren wollen. Heute war Kouchners Kabinettskollegin Anne-Marie Idrac, Staatssekretärin für Aussenhandel, bei der Frühsommermesse von Algier zu Gast. Das rohstoffreiche Land hat hohe Devisenreserven. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wird Mitte Juli zu einem Staatsbesuch in Algerien erwartet.

Die Bevölkerung ist verzweifelt

Aus den Nachbarländern Tunesien und Marokko werden unterdessen soziale Unruhen gemeldet, die von frustrierten Stellenbewerbern ausgingen. In der marokkanischen Hafenstadt Sidi-Ifni südlich von Agadir waren vor einer Woche acht Arbeitsplätze unter einer unbekannten Zahl von Bewerbern verlost worden. Die Verlierer blockierten die Hafenausfahrt. Am Samstag griff die Polizei ein, es gab mindestens einen Toten.

In Tunesien erschüttern Arbeitslosenproteste schon seit Monaten die Region um die Phosphatminen von Gafsa. Letzte Woche ist dort ein junger Mann ums Leben gekommen. «Le Soir d’Algérie» kommentiert die Vorkomnisse unter dem Titel «Pulverfass Maghreb»: Algerien, Marokko und Tunesien hätten jetzt einen gemeinsamen Nenner – die Verzweiflung der Bevölkerung. Tunesier und Marokkaner scheuten sich nicht mehr vor Konfrontationen mit der Polizei.

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