Ausland

Atom-Akten womöglich zu spät vernichtet

15. Juni 2008, 18:31

Die von den Schweizer Behörden vernichteten Atom-Dokumente enthielten Baupläne für einen neuartigen Atomsprengsatz, die sich bereits in falschen Händen befinden könnten.

Mit den Sprengsätzen könnten Mittel- und Langstreckenraketen bestückt werden, wie sie derzeit im Iran und in mehr als einem Dutzend weiterer Schwellenländer vorhanden seien, berichtete der renommierte Atomwaffenexperte David Albright in einer Studie, aus der die «Washington Post» heute vorab zitierte.

Die Blaupausen seien Teil eines ganzen Pakets von Protokollen, Plänen und Zeichnungen zum Bau von Atomwaffen und Gaszentrifugen, die 2006 auf den Computern eines Schweizer Geschäftsmanns gefunden und von den Schweizer Behörden unter Aufsicht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zerstört worden waren.

Kamen die Behörden zu spät?

Die Uno-Experten könnten jedoch nicht ausschliessen, dass die Zeichnungen schon vorher an «einige der heimtückischsten Regime der Welt verkauft wurden», warnte Albright weiter. Der Bericht des Atomexperten und Direktors des Institute for Science and International Security (ISIS) in Washington soll noch diese Woche veröffentlicht werden.

Der inzwischen zerschlagene Schmugglerring, der von dem pakistanischen Wissenschafter Abdul Quadeer Khan geführt wurde, wurde vor allem wegen der Lieferung von Atomwaffen-Bauteilen an Libyen, den Iran und Nordkorea bekannt.

Laut Albright sind die 2006 in der Schweiz gefundenen Pläne allerdings weitaus besorgniserregender. Während Libyen nämlich Unterlagen über eine ältere und relativ primitive Bombe erhalten habe, enthielten die auf den Schweizer Computern gefundenen Pläne Instruktionen für den Bau einer hochentwickelten kompakten Waffe.

Sie ermöglichten laut dem IAEA-Experten den Bau kompakter Atomsprengsätze, die klein genug wären, um von simplen ballistischen Raketen aus abgeschossen zu werden. Die Schweizer Regierung wollte sich nicht zum Albright-Report äussern. «Zu dieser Sache kann ich in keiner Art und Weise Stellung nehmen», sagte Bundesratssprecher Oswald Sigg auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Erklärung für Aktenvernichtung

Mit dem Segen des Bundesrats sind Ende letzten Jahres Akten und Datenträger vernichtet worden, die bei den wegen möglicher Verletzung des Kriegsmaterialgesetzes in Untersuchungshaft sitzenden Brüdern Marco und Urs Tinner sichergestellt worden waren.

Zusammen mit ihrem Vater Friedrich Tinner sollen die beiden von 2001 bis 2003 für Abdul Qader Khan, den «Vater der pakistanischen Atombombe», gearbeitet haben, der ein geheimes Atomwaffenprogramm für Libyen durchführte.

Der Bundesrat liess die Unterlagen vernichten, weil sie angeblich Baupläne für Atomwaffen, Gas-Ultrazentrifugen und Lenkwaffensysteme enthielten. Von neuartigen Atomsprengsätzen war dabei nicht die Rede.

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