Ausland

Wie das Terrornetz al-Qaida enden wird

19. Juni 2008, 16:09

Ist al-Qaida schwächer geworden, wie Experten meinen? Das ist die falsche Frage, sagt die Strategin Audrey Kurth Cronin. Im Kampf gegen Bin Laden muss die Frage lauten: Wie wird al-Qaida enden?

Glaubt man den jüngsten Einschätzungen von internationalen Terrorexperten, dann ist Osama Bin Ladens Gruppe al-Qaida heute bedeutend weniger bedrohlich als noch vor einigen Monaten. Der Grund für den Optimismus sind die jüngsten Erfolgsmeldungen von der Terrorfront. «Al-Qaida ist im Irak und in Saudiarabien praktisch besiegt und in der übrigen Welt in der Defensive», sagte CIA-Chef Michael Hayden gegenüber der «Washington Post». Und der ehemalige Chef der Antiterroreinheit der Londoner Polizei, Peter Clarke, ist überzeugt, dass die bislang über 60 Urteile gegen Terrorverdächtige in Grossbritannien al-Qaida «einen ziemlichen Schlag» versetzt hätten. Vermerkt wird auch der Tod dreier führender Köpfe der Organisation in Pakistan in den ersten Monaten dieses Jahres, darunter des Chefplaners für Attentate im Ausland, Abu Ubaida al-Masri (er starb eines natürlichen Todes).

Aus der Geschichte lernen

Wie es wirklich um die Schlagkraft von al-Qaida bestellt ist, vermag allerdings niemand zu sagen. Harte Fakten fehlen. Viele Analysen sind reine Spekulationen. Darum, sagt die Strategieprofessorin Audrey Kurth Cronin, sei die Frage, ob die Bedrohung durch al-Qaida gestiegen oder gesunken ist, der falsche Ansatz. Die richtige Frage laute: Wie wird al-Qaida enden? «Um zu wissen, welches die beste Strategie im Kampf gegen al-Qaida ist, können wir aus der Geschichte lernen», sagt die Amerikanerin, die am National War College in Washington lehrt. Kurth Cronin hat sechs Gründe ausgemacht, warum Terrororganisationen endeten:

Festnahme oder Liquidierung des Anführers - Beispiele: Leuchtender Pfad in Peru, Real IRA in Nordirland, Action Directe in Frankreich.

Anwendung brachialer Gegengewalt - selten erfolgreich, Beispiele: Tschetschenien (verbunden mit der Tötung der Anführer); diese Strategie hat allerdings oft zur Folge, dass sich der Terror in die Nachbarländer oder -regionen verlagert, was auch für Tschetschenien gilt.

Terroristen erreichen ihre Ziele - kommt sehr selten vor, Beispiele: Irgun (Israel), bewaffneter Arm des ANC (Südafrika); Voraussetzung ist, dass die Ziele realistisch sind und einem politisch-historischen Trend entsprechen; Terror allein war nie erfolgreich.

Verhandlungen - durchzogene Bilanz; erfolgreich, wenn beide Seiten eingesehen haben, dass weitere Gewalt nicht zum Ziel führt; Gespräche können die Spaltung einer Terrororganisation beschleunigen

Implosion und/oder Verlust der Unterstützung im Volk - Beispiele: RAF in Deutschland, Rote Brigaden in Italien, GIA in Algerien; oft steht am Anfang die fortgesetzte Wahl falscher Ziele (Anschläge gegen unschuldige Zivilisten statt Repräsentanten der Staatsmacht), was die Legitimität einer Gruppe untergräbt und später zu einem selbstzerstörerischen internen Streit über die richtige Ideologie führt.

Wechsel in die Kriminalität - Beispiel: Farc (Kolumbien); die Bedrohung wird jedoch meist nicht kleiner, sie richtet sich einfach nicht mehr gegen den Staat.

Als nächstes stellte sich Kurth Cronin die Frage: Welches Szenario passt auf al-Qaida? Eine Enthauptung, wie sie US-Präsident George W. Bush sich zum Ende seiner Amtszeit wünscht, dürfte wenig bringen. Da Osama Bin Laden nicht der operationelle Mastermind ist, wird die Organisation durch seine Liquidierung nicht untergehen. Unwahrscheinlich ist auch eine Festnahme Bin Ladens, weil seine Entourage den Befehl hat, ihn zu töten, bevor er den Amerikanern in die Hände fällt.

Brillante Propagandamaschine

Auch militärische Repression wird al-Qaida nicht zur Strecke bringen. In Pakistan, wo der Kern der Terroristen vermutet wird, ist ein Militäreinsatz - abgesehen von ferngesteuerten Drohnen - nicht möglich. Und der Fall Afghanistan zeigt, wie schwierig ein solcher Kampf ist. Sieben Jahre nach Beginn der Operation haben die inzwischen 50 000 Nato-Soldaten die Taliban und ihre Verbündeten noch immer nicht besiegt. Im Gegenteil: Die islamistischen Milizen sind auf dem Vormarsch. Vergangene Woche stürmten sie ein Gefängnis in Kandahar und befreiten 400 ihrer Kämpfer.

Es gibt nur eine erfolgreiche Variante dieses Szenarios: Man gewinnt lokale Kräfte für den Kampf gegen den Terror - wie in der irakischen Provinz Anbar, wo die Amerikaner die sunnitischen Clanführer mit viel Geld überzeugen konnten, gegen den Al-Qaida-Ableger im Irak vorzugehen.

Dass Bin Laden sein strategisches Ziel erreicht, scheint unmöglich. Jedenfalls ist al-Qaida von der Errichtung des angestrebten frommen Kalifats in den Grenzen der muslimischen Gemeinschaft weiter entfernt denn je. Auch Verhandlungen bringen kein Ende. «Bin Laden würde sich nicht auf Gespräche einlassen, und sie würden auch nichts bringen», sagt Kurth Cronin. Undenkbar sei auch, dass Bin Laden und seine Leute zu gewöhnlichen Kriminellen mutierten.

Bleibt das Szenario Implosion, Verlust des Rückhalts in der Bevölkerung. Laut Kurth Cronin ist nicht der Kern der Gruppe in Pakistan langfristig die grösste Gefahr. Al-Qaidas bedrohlichste Stärke sind ihr kraftvolles Image und ihre sorgfältig erarbeitete Selbstdarstellung. Bin Ladens Terrororganisation ist eine brillante Propagandamaschine, welche die Muslime überzeugen will, dass ein Sieg gegen den Westen all ihre Probleme lösen wird. Al-Qaidas Macht gründet auf der Fähigkeit, junge Muslime in vielen Ländern mit dieser Botschaft zu erreichen und zu inspirieren.

Das wichtigste Instrument ist dabei das Internet. Al-Qaida ist heute die attraktivste Marke auf dem islamistischen Terrormarkt. Mit diesem Namen lassen sich im Cyberspace erfolgreich junge Muslime rekrutieren, die bereit sind, sich für eine neue religiöse Ordnung zu opfern. Das ist auch der Grund, warum sich in den vergangenen Jahren in vielen islamischen Ländern fundamentalistische Terrorgruppen der Organisation Bin Ladens angeschlossen haben. Al-Qaidas grösster Trumpf ist ihre Mobilisierungskraft.

Daraus folgert Kurth Cronin, dass die richtige Strategie gegen al-Qaida die Gegenmobilisierung ist. Sie setzt sich zusammen aus den drei klassischen Endstrategien Implosion, Verhandlungen und Repression und umfasst die folgenden Massnahmen:

Entmystifizierung - Westliche Regierungen und Medien sollten den Namen al-Qaida nur noch verwenden, wenn wirklich al-Qaida gemeint ist. Wenn jedes zweite lokale Attentat das Attribut al-Qaida bekommt, wird der Mythos ständig perpetuiert. Was natürlich ganz im Sinne von al-Qaida ist. So fordern Trainingsvideos Sympathisanten auf, nach einem x-beliebigen Anschlag bei Medien anzurufen und sich im Namen al-Qaidas zu der Tat zu bekennen. Zur Entmystifizierung gehört auch, aufzuzeigen, was al-Qaida ist. Bin Ladens Gruppe führt eine feine rhetorische Klinge, doch ihre Ziele sind unklar. Wie das religiöse Kalifat, die bessere Zukunft, konkret aussehen soll und was al-Qaida einem Muslim tatsächlich zu bieten hat, bleibt völlig schleierhaft. Der konkrete Diskurs reduziert sich auf Gewalt und Zorn.

Innere Konflikte verstehen und ausnutzen - Diskussionen und Debatten unter den jihadistischen Gruppen in den verschiedenen Ländern aufgreifen und einem breiten, auch lokalen Publikum zugänglich machen. Es gibt mittlerweile immer mehr Hinweise darauf, dass al-Qaida nicht die ideologisch homogene Organisation ist, die sie zu sein vorgibt. Jüngstes Beispiel ist das neue Buch eines Gründungsmitglieds von al-Qaida, Sayyid Imam al-Sharif alias Dr. Fadl, in dem das Töten unschuldiger Zivilisten - Muslime und Nicht-Muslime - verurteilt wird. Die Streitschrift hat offenbar eine solche Sprengkraft, dass sich Bin Ladens rechte Hand, der ägyptische Arzt Ayman al-Zawahir, vor kurzem bemüssigt fühlte, eine 200 Seiten starke Antwort auf das Buch von al-Sharif ins Internet zu stellen. Darin versucht er mit wenig überzeugenden Argumenten, Anschläge gegen unschuldige muslimische Zivilisten zu rechtfertigen. «Der Westen muss die eigenen Fehler minimieren», sagt Kurth Cronin, «und zugleich die Fehler al-Qaidas ausnutzen, um aufzuzeigen, wie schal ihre Botschaft ist.»

Spaltung - Der Westen sollte al-Qaida nicht mehr als Monolith behandeln, sondern als das, was sie ist: eine Organisation, die aus verschiedenen Gruppen besteht, die unterschiedliche Ziele haben. Mit traditionellen Methoden wie ökonomischer Hilfe, politischen Konzessionen und Verhandlungen sollen vor allem lokale Gruppen, die sich erst in letzter Zeit al-Qaida angeschlossen haben, dazu bewogen werden, sich von al-Qaida abzuwenden.

All diese Massnahmen erschweren laut Kurth Cronin al-Qaida den Übergang auf die nächste Führergeneration. Je mehr Sympathisanten sich von der Terrororganisation abwenden, desto rascher beginnt ein interner Streit über den richtigen Kurs, was in anderen Fällen früher oder später zu einer Implosion geführt hat.

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