Proteste in Sotschi gegen Olympia
22. Juni 2008, 19:15 Von David NauerIm russischen Kurort Sotschi am Schwarzen Meer wächst die Wut: Wegen der Olympischen Winterspiele 2014 sollen Hunderte einheimischer Familien umgesiedelt werden.
Swetlana Berestenewa ist richtig wütend: Die Bonzen, um es mit ihren Worten zu sagen, wollen sie vertreiben. «Aber das hier ist mein Haus», sagt sie, «und ich gehe nirgendwo hin.» Berestenewa wohnt an einem idyllischen Flecken, in der Imeritinskaja Bucht unweit von Sotschi. Und das ist ihr Pech, denn ausgerechnet hier, entlang der Schwarzmeerküste, wollen die Planer aus Moskau das olympische Dorf bauen. Unterkünfte für die Athleten, Hotels, Sportstadien, einen olympischen Park. Eine gute Gelegenheit auch für private Investoren: Oligarch Oleg Deripaska plant einen Jachtklub und Luxus-Datschen, ein arabischer Investor ein Hochhaus direkt am Meer. Die langsam gewachsenen – und etwas chaotischen – Dörfer sollen einem schicken Ferienort weichen.
Altgläubige protestieren
Aber die Anwohner wollen nicht weg. Sie haben hier auf den Feldern der Sowchose geschuftet, sie haben den Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt und sich seither eine neue Existenz aufgebaut. Berestenewa etwa vermietet drei Zimmer an Touristen. In der kleinen Pension gibt es Ferien mit Familienanschluss. Eigentlich sei sie für die Olympischen Spiele, sagt die Hausherrin. «Aber nur mit und nicht gegen uns.»
Heftigen Widerstand leisten auch die Altgläubigen, eine religiöse Gemeinschaft, deren Häuser direkt am Meer liegen. Fromm, tüchtig und gut organisiert sind sie für jeden Bürokraten ein Alptraumgegner. «Wir werden um jedes Haus kämpfen», sagt Dmitri Droftschew, der Sprecher der Altgläubigen. Seit 1911 würden seine Leute in der Bucht siedeln. «Wir sind durch unser Blut mit diesem Boden verbunden, hier liegen unsere Vorfahren begraben.» Der junge Mann denkt in historischen Kategorien: Schon die Zaren hätten die Altgläubigen verfolgt, als sie sich im 17. Jahrhundert von der orthodoxen Kirche trennten. Dann kamen Stalins Schergen. Und jetzt also die Organisatoren der Olympischen Winterspiele.
Manche Altgläubige sagen, sie würden in ihren Häusern ausharren, auch wenn die Bulldozer kommen. Andere Mitglieder der Gemeinschaft sind bereit, sich notfalls auf dem Friedhof zu verschanzen. Das Gräberfeld wurde bereits einmal Schauplatz eines Scharmützels. Als im vergangenen April das Internationale Olympische Komitee (IOK) nach Sotschi kam, wollten die Anwohner ihren Protest zu den Sportfunktionären tragen. Polizisten und Geheimdienstler haben sie mit Gewalt daran gehindert. Auf dem Friedhof kam es zu wüsten Rangeleien, Uniformierte trampelten mit gezückten Schlagstöcken über die Gräber, Kreuze wurden niedergedrückt, Frauen kreischten, Männer fluchten.
«Die Olympischen Spiele sind eben wichtiger als die Menschen», sagt Vitali Sutschkow, ein Menschenrechtler aus Sotschi. Er vertritt die Interessen von Grundeigentümern. Ein schwieriges Unterfangen angesichts des olympischen Planungschaos. Es gebe keinen Zonenplan in Sotschi, sagt Sutschkow. Zudem haben viele Anwohner keine Papiere, die beweisen, dass das Haus, in dem sie wohnen, auch wirklich ihnen gehört. Das öffnet der Willkür Tür und Tor.
Offizielle werden nicht müde zu betonen, die Enteigneten würden «fair» entschädigt. Aber was heisst schon «fair»? Die Anwohner der Imeritinskaja-Bucht erzählen, ihnen sei angeboten worden, sich weiter im Landesinnern niederzulassen, an einem Ort, wo es weder fliessend Wasser noch Strom gebe. Und schon gar keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie haben abgelehnt. Sotschis Ex-Stadtpräsident und heutige oberste Olympia-Baumeister, Viktor Kolodjaschni, kann das offenbar nicht verstehen: «In China fragt auch niemand nach den Bedingungen, wenn er umgesiedelt wird. Die Leute gehen dorthin, wo man ihnen sagt», zitiert ihn die Regionalpresse.
Es sind solche Bemerkungen, welche die Stimmung aufheizen. Auch ein Aushang im Dorfzentrum hat den Volkszorn geweckt. «Sehr geehrte Anwohner!», steht dort über einem Text in kompliziertem Beamtenrussisch. Landbesitzer hätten das «Recht», die auf ihrem Grundstück geplanten olympischen Objekte selber zu bauen – auf eigene Kosten, versteht sich. Während der Spiele müssten sie die Immobilien dem Staat kostenlos zur Verfügung stellen. Der Haken an dem «Angebot»: Macht jemand von seinem «Recht» nicht Gebrauch, wird er enteignet.
«Die Olympischen Spiele sind ein Spiegel, mit dem die ganze Welt auf Russland schaut», sinniert Menschenrechtler Sutschkow. Das neue Russland hat gleichsam die Chance bekommen, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Es ist zu befürchten, dass es die Chance verpasst.

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