Ausland

«Die Ärmsten leiden am meisten unter dem Klimawandel»

24. Juni 2008, 20:27 – Von Richard Diethelm

An der ersten Konferenz des humanitären Weltforums in Genf forderte Kofi Annan Gerechtigkeit im Klimaschutz. Der Forumspräsident zählt auf eine Bürgerbewegung.

Kofi Annan ermahnt die Industriestaaten, ihre Verantwortung wahrzunehmen.
Keystone Kofi Annan ermahnt die Industriestaaten, ihre Verantwortung wahrzunehmen.

Mit Kofi Annan sprach Richard Diethelm

Sie verlangen eine gerechte Verteilung der Lasten des Klimaschutzes. Warum soll dies in einer Welt voller Ungerechtigkeiten – etwa bei der Verteilung des Reichtums oder beim Schutz der Menschenrechte – plötzlich funktionieren?

Wir müssen die Weltöffentlichkeit sensibilisieren – allen voran die Staatschefs, die Ende 2009 in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll über den Klimaschutz beschliessen sollen. Die Erderwärmung betrifft alle. Die Menschen sehen ein, dass wir alle im selben Boot sitzen. Jene Staaten, die am meisten Klimaschäden verursacht haben, tragen am meisten Verantwortung, um diese Entwicklung zu korrigieren. Die Ärmsten, die am wenigsten zum Treibhauseffekt beigetragen haben, leiden heute am meisten unter dessen negativen Folgen.

An der Genfer Konferenz bezeichnete der für das neue Klimaabkommen zuständige Uno-Mann, Yvo de Boer, den Mangel an Leadership in den Verhandlungen als «kriminell». Was raten Sie als früherer Uno-Generalsekretär in dieser Situation?

Wir haben als Bürger auch Macht. Wir dürfen die politischen Führer bei der Lösung des Klimaproblems nicht sich selbst überlassen. Wenn wir durch unsere Stimme, den Schutz der Umwelt und den Schutz vor den schädlichen Folgen des Klimawandels einfordern, dann rückt dieses Thema in der politischen Agenda nach oben. Es ist eine Mobilisierung der Gesellschaft nötig im Sinn von: Wir dürfen nicht fortfahren, die Schätze des Planeten Erde zu plündern, so dass für die nachfolgenden Generationen nichts übrig bleibt.

Sie fordern im Klimaschutz, dass die Verschmutzer zahlen müssen, nicht die Armen. Sehen Sie im Hinblick auf Kopenhagen bereits Lösungsansätze?

Das muss ein Kernpunkt dieser Kopenhagener Konferenz sein. Es wird kein neues Klimaabkommen geben, falls es nicht dieses Element von Gerechtigkeit enthält. Jene, die für den Treibhauseffekt mehr verantwortlich sind, müssen höhere Kosten tragen.

Nehmen Sie dabei auch Schwellenländer wie Brasilien und Indien in die Pflicht?

Diese Länder stossen auch einen Teil der schädigenden Treibhausgase aus. Es gibt zwar Unterschiede, in welchem Ausmass dies oder jenes Land schuld am Klimawandel ist. Die Schwellenländer müssen Verantwortung übernehmen, aber die Lasten sollen unterschiedlich verteilt werden. Die westlichen Industriestaaten belasten immerhin seit hundert Jahren die Atmosphäre mit CO2-Abgasen.

Die Industrieländer sind historisch für den Klimawandel verantwortlich und sie haben die wirtschaftliche Kraft, dieses Problem zu lösen, hiess es in Genf. Ist sich der reiche Norden dessen bewusst? Oder kümmert ihn der hohe Ölpreis mehr?

Der hohe Ölpreis trifft die ärmsten Bevölkerungsschichten hart. Anderseits gibt er einen hilfreichen Anstoss zu mehr Energieeffizienz. Die Industrieländer, die viel auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien forschen und «grüne» Technologien entwickeln, müssen die Länder der Dritten Welt im Anpassungsprozess unterstützen. Die Regierungen müssen die richtigen Regelwerke und die richtigen Anreize schaffen, damit die Unternehmen auf saubere Technologie wechseln. Es wäre besser gewesen, wenn die US-Regierung Anreize für «grüne» Technologie statt für Bioethanol aus Mais gegeben hätte.

Sind Sie gegen die Biotreibstoffwelle?

Ich lehne das nicht völlig ab. Brasilien zum Beispiel nutzt dafür Zuckerrohr. Wir essen ohnehin zu viel Zucker. Das Problem ist, wenn Bioethanol etwa aus Mais hergestellt wird und deswegen die Nahrungsmittelpreise steigen. Ein höherer Maispreis wirkt sich auf die ganze Nahrungsmittelkette aus, verteuert die Eier, das Geflügel etc. Die Produktion von Biotreibstoff erzeugt zudem Druck auf das Ackerland. Vor allem in Ländern, wo die Bauern kein Geld für Investitionen haben. Falls die Regierungen nicht aufpassen und Flächen ausscheiden, die der Nahrungsmittelproduktion vorbehalten sind, werden die Bauern ihre fruchtbarsten Böden den Bioethanolfirmen verkaufen.

Am Ende des Römer Gipfels zur Nahrungskrise sagten Sie, in Afrika sei eine «grüne Revolution» nötig. Wollen sie die Fehler der früheren grünen Revolution in Asien und Lateinamerika wiederholen?

Die grüne Revolution für Afrika muss einzigartig sein. In Asien und Lateinamerika betraf sie die Monokulturen Reis beziehungsweise Mais. In Afrika dagegen geht es um eine Vielfalt von Kulturen. Die Produktivität pro Fläche beträgt in Afrika bloss ein Viertel des globalen Durchschnitts, weil die Bauern nicht über das richtige Saatgut verfügen und keinen Dünger verwenden. Die Revolution, von der ich spreche, soll den Bauern helfen, besseres Saatgut zu züchten, die Fruchtbarkeit der Böden durch Dünger und Bewässerung zu steigern und die Ernten besser zu vermarkten und zu lagern.

Aber in Asien machte die grüne Revolution viele Bauern von Saatgut- und Düngerfabriken abhängig und trieb sie in die Verschuldung…

…Ja, es gab in Asien einige Fälle, wo Bauern ihr Land verloren, sich (wegen der Verschuldung, Red.) das Leben nahmen oder ihre Felder überdüngten. Wir wollen vermeiden, dass sich in Afrika diese Fehler wiederholen. Die grüne Revolution in Asien war aber insofern ein Erfolg, als sie Millionen zusätzliche Menschen ernährt. Dank ihr machte Indien in den vergangenen Jahrzehnten keine Hungersnot mehr durch.

Erste Konferenz des Weltforums

«Das Gesicht des Klimawandels». Unter diesem Motto steht die erste Jahreskonferenz des humanitären Weltforums in Genf. Drei junge Frauen und zwei Männer bezeugten zum Auftakt der zweitägigen Konferenz auf berührende Art, wie Überflutungen, aussergewöhnlich Wirbelstürme oder das Abschmelzen von Eisdecken in ihrer Heimat die Lebensgrundlagen unterminieren. «Die Lösung des Problems, das mein Volk keine Zukunft mehr hat, liegt in euren Händen», sagte James Bing von den Marshallinseln, die wegen des ansteigenden Meeresspiegels erodieren, zu den 200 Führungspersönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Militär und Nichtregierungsorganisationen.

Forumspräsident Kofi Annan bezeichnete den Klimawandel als «eine der grössten Herausforderungen der Menschheit». Yvo de Boer, der Koordinator der Uno für ein neues Klimaschutzabkommen, das 2012 das Kyoto-Protokoll ablösen soll, erinnerte die Industrieländer an ihre historische Verantwortung für die Schäden des Klimawandels: «Sie haben auch die wirtschaftliche Kraft, das Problem zu lösen.» Direktor des Forums, das die Schweiz geschaffen hat und massgeblich finanziert, ist der frühere Deza-Chef Walter Fust.

Ausland

Meistgelesen in der Rubrik Ausland

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Entwicklungs-Ingenieur (m/w) Rechsteiner Partners AG, ZH Oberland

Wissenschaftliche/n Mitarbeitende/n Human Capital Management (80-100%) Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Winterthur

Projektleiter/in Immobilien-Management Tamedia AG, Zürich

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Lokale Suche

Marktplatz

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Schweisser/in Manpower AG, Winterthur

Projektleiter (w/m) Manpower AG, Solothurn

Techniker/in FH oder Bauzeichner/in Porta Nord AG, Brugg AG