Wiedersehen mit den Kindern
03. Juli 2008, 17:27Nach sechs Jahren Geiselhaft im Dschungel ist Ingrid Betancourt wieder mit ihrer Familie vereint. Morgen reist die kolumbianische Politikerin nach Paris.
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Beim bewegenden und tränenreichen Wiedersehen auf dem Militärflughafen von Bogota umarmte die 48-jährige Politikerin ihre beiden aus Paris gekommenen Kinder. «Nirwana, Paradies - das muss dem ganz ähnlich sein, was ich jetzt fühle», sagte die ehemalige kolumbianische Präsidentschaftskandidatin.
Die kolumbianischen Streitkräfte hatten sie gestern mit einer spektakulären und unblutigen Aktion zusammen mit 14 weiteren Geiseln der Farc-Guerilla befreit.
Familie Betancourt morgen in Frankreich
«Sie sind so anders und gleichzeitig doch dieselben», sagte Betancourt, als sie mit ihren Kindern Mélanie und Lorenzo in der Hauptstadt Bogotá zu Journalisten sprach. Die Familie will morgen nach Frankreich fliegen. Ihre Mutter und ihren Exmann traf Betancourt bereits gestern bei der Rückkehr aus dem Dschungel. Nach ihrer Befreiung dankte die 46-Jährige zunächst dem kolumbianischen Staatspräsidenten Alvaro Uribe und der französischen Regierung sowie allen, die sich all die Jahre für sie eingesetzt haben.
Bei der Befreiungsaktion fiel kein einziger Schuss. Die Guerilleros der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) wurden nach Angaben der Regierung von Agenten des Militärgeheimdienstes getäuscht, die eingeschleust worden waren. Farc-Kämpfer führten die Geiseln zu einem vermeintlichen Flug zu ihrem Kommandeur Alfonso Cano. Am Abflugsort aber warteten zwei getarnte Hubschrauber der kolumbianischen Streitkräfte, wie Verteidigungsminister Juan Manuel Santos mitteilte.
Weltweite Freude und Erleichterung
Die Befreiung von Betancourt wurde weltweit mit Erleichterung und Freude aufgenommen. US-Präsident George W. Bush, Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel beglückwünschten Uribe zu dem Erfolg. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso dankte allen, die sich um die Befreiung der Geiseln bemüht hätten.
Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, sprach von einem Riesenerfolg für Uribe. Ein Sprecher des Vatikans äusserte die Hoffnung, dass auch die anderen Geiseln bald freikommen und nun ein Friedensprozess in Kolumbien beginnen könne. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Rebellen dazu auf, unverzüglich alle verbliebenen Geiseln freizulassen.%perl>
Betancourt: Fast eine französische Familie
Die kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt ist zum grossen Teil in Frankreich aufgewachsen und hat neben dem kolumbianischen einen französischen Pass. Auch ihre Familie lebt «mit beiden Heimatländern im Herzen».
INGRID BETANCOURT: Geboren am 25. Dezember 1961 in Bogotá, aber aufgewachsen überwiegend in Paris. Ihr Vater Gabriel Betancourt (1919-2002) vertrat Kolumbien bei der UNESCO, ihre Mutter Yolanda Pulecio (geboren 1938) war Schönheitskönigin und Abgeordnete in Bogotá.
ASTRID BETANCOURT: Ingrids ein Jahr ältere Schwester. Studierte mit Ingrid in Paris Politische Wissenschaften. Hielt ihr die Treue und kämpfte intensiv für ihre Befreiung. War nach Ingrids Befreiung an der Seite ihrer Kinder.
FABRICE DELLOYE: Ingrids erster Mann von 1981 bis 1990. Vater ihrer zwei Kinder. Französischer Diplomat. Kämpfte von Paris aus jahrelang intensiv für ihre Freilassung und wurde vom Pariser Aussenministerium immer auf dem Laufenden gehalten.
JUAN-CARLOS LECOMPTE: Ingrids zweiter Mann (seit 1990) und politischer Weggefährte. Gründete die kolumbianische Partei der Grünen Oxígeno Verde und förderte die Karriere Betancourts, die 2002 für die Grünen zur Präsidentenwahl antrat.
MELANIE DELLOYE-BETANCOURT: Ingrids Tochter. Organisierte Solidaritätsaktionen für ihre Mutter und hielt Kontakt zu Künstlern und anderen Helfern auch im Ausland. Melanie war 16 Jahre, als ihre Mutter 2002 verschleppt wurde. Sie lebte damals mit ihrem Vater in der Dominikanischen Republik. 2003 zog sie nach Paris. Derzeit studiert Melanie Filmkunst in New York, wo sie emotionalen Abstand gewinnen wollte. Als ihre Mutter befreit wurde, war sie in Paris.
LORENZO DELLOYE-BETANCOURT: Ingrids Sohn war 13 und lebte wie Melanie bei seinem Vater, als seine Mutter entführt wurde. Heute studiert er Politik und Recht in Paris. Lorenzo machte sich die Befreiung seiner Mutter zu einer Lebensaufgabe. Er trat häufig in Radio und Fernsehen auf, organisierte Mahnwachen und Kundgebungen. Gemeinsam mit Melanie schrieb er das in viele Sprachen übersetzte Buch «Briefe an meine Mutter».
Farc
Die Farc ist mit rund 17'000 Mitgliedern die grösste kolumbianische Rebellenorganisation. Sie hält noch schätzungsweise zwischen 700 und 1000 Geiseln in ihrer Gewalt. Durch den Tod ihres langjährigen Anführers Manuel Marulanda, der im Mai bekanntgegeben worden war, sowie die Tötung von Farc-Vize Raúl Reyes Anfang März sind die Rebellen spürbar geschwächt.

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