«Lecks wie in Tricastin sind leider Alltag»
11. Juli 2008, 21:22 Von Jacqueline HénardDie Betreibergesellschaft Socatri muss ihre Atom-Entsorgungsanlage in Tricastin schliessen. Greenpeace lobt Frankreichs Aufsichtsbehörde für ihre neue Unabhängigkeit.
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Vier Tage nach der Panne im südfranzösischen Tricastin, bei der 30'000 Liter radioaktive Uranlösung über die Kanalisation in die Flüsschen Gaffière und Lauzon gelangt waren, hat die staatliche französische Atomaufsicht ASN die Schliessung der defekten Atomentsorgungsanlage angeordnet. «Wir nehmen die Entscheidung zur Kenntnis und werden ihr Folge leisten», sagte ein Sprecher des Betreiberunternehmens Socatri. Man werde dafür sorgen, dass derartige Zwischenfälle in Zukunft unterblieben.
Gefahrenstufe eins
Die Aufsichtsbehörde hatte die Socatri, ein Tochterunternehmen des Atomkonzerns Areva, im vergangenen Jahr mehrmals wegen Lecks in den Leitungen und Grenzwertüberschreitungen bei radioaktivem Material ermahnt, wie einem Bericht der Behörde zu entnehmen ist. Das Unternehmen, das verstrahlte Materialien reinigt, müsse sein Leitungsnetz «so schnell wie möglich ersetzen», forderte die Atomaufsicht seinerzeit. Die Panne ist von der Aufsichtsbehörde mit der Gefahrenstufe eins (von sieben) gekennzeichnet worden. In den betroffenen Gewässern sind Angeln, Baden und Trinkwasserentnahme weiterhin untersagt.
Der Hauptteil der Kritik gilt weiterhin der Verspätung, mit der die Panne bekannt gegeben wurde. In Frankreich fühlte man sich sofort an die Kommunikationspolitik nach dem Atomunfall von Tschernobyl erinnert; damals wurde allen Ernstes mitgeteilt, die radioaktive Wolke hätte an der französischen Landesgrenze Halt gemacht. Diesmal wurde die Öffentlichkeit mit knapp vierundzwanzig Stunden Verspätung informiert. Die französische Regierung, die sonst so schnell zur Stelle sein kann, liess sich nochmals vierundzwanzig Stunden Zeit bis zu einer beschwichtigenden Stellungnahme: Die Bevölkerung sei «nicht unmittelbar» in Gefahr gewesen, so Umweltminister Jean-Louis Borloo.
Die Nichtregierungsorganisationen reagierten am Freitag höchst unterschiedlich auf die Entscheidung der Aufsichtsbehörde. Der Energieexperte von Greenpeace, Yannick Rousselet, lobte die Behörde. Ihre Entscheidung beweise, dass sie an Unabhängigkeit gegenüber der starken französischen Atomlobby gewonnen habe. Der Zwischenfall von Tricastin, sagte Rousselet, werde nur minimale Auswirkungen auf die Umwelt haben. Er beklagte, dass «derartige Lecks zum Alltag der französischen Atommülllagerung» gehörten. Aus der Aufbereitungsanlage von La Hague entwichen mit behördlicher Genehmigung jedes Jahr elftausendmal mehr Schadstoffe als bei dem Zwischenfall von Tricastin.
Die Atomkraftgegner «Sortir du nucléaire» kündigten hingegen eine Strafanzeige gegen die Aufsichtsbehörde an. Die Behörde trage an der Panne «mindestens ebenso viel Verantwortung wie Socatri/Areva». Die ökologische Partei Cap-21 warnte vor einer eventuellen Privatisierung der Kernenergieschiene in Frankreich: «Die Privatisierung, die der Staatspräsident anstrebt, lässt befürchten, dass die Rentabilität in den Vordergrund tritt und Sicherheitsfragen, besonders bei Wiederaufarbeitung und Entsorgung, vernachlässigt werden.»
Demonstration in Paris geplant
Am Samstagnachmittag wird sich zeigen, wie sehr das Leck in der atomaren Entsorgungsanlage von Tricastin und das schlechte Krisenmanagement die französische Öffentlichkeit beunruhigt haben: Die Bürgerinitiative «Sortir du nucléaire» hat zu einer Grosskundgebung in Paris aufgerufen. Ursprünglich sollte sie nur der Aussicht auf ein zweites Atomkraftwerk vom neuen Typ EPR gelten. Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte den Bau Anfang Juli unvermittelt angekündigt. Der Standort ist noch nicht bekannt. Die Panne von Tricastin gibt den Atomkraftgegnern einen konkreten Anlass zum Protest.
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