Auf dem Tiananmen-Platz wehen die Olympiafähnchen
07. August 2008, 14:00
Die Vorstellung ist speziell: Auf dem Tiananmen-Platz wollten die Organisatoren der Pekinger Spiele ursprünglich das olympische Beachvolleyball-Turnier durchführen. Ausgerechnet auf diesem riesigen Platz, der sich zu Füssen des Tors zum himmlischen Frieden erstreckt, dem Eingangstor zum Kaiserpalast, von dem herab Mao Zedong am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausrief. Auf dem Platz liegt der Grosse Vorsitzende in einem nur mehr wenig beachteten Mausoleum begraben. Und daneben sollten leicht bekleidete Athleten um olympische Ehren kämpfen?
Das Vorhaben wurde angesichts von Protesten fallen gelassen. Wer glaubt, stramme Maoisten hätten Einspruch gegen eine Schändung des Platzes erhoben, irrt. Die Kritik gegen den Austragungsort kam aus dem Westen, wo der Tiananmen-Platz seit dem 4. Juni 1989 für die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung steht.
Statt Panzer stehen heute überdimensionale Olympiamaskottchen auf dem Platz. Vor der geschichtsträchtigen Kulisse treffen sich chinesische Olympiatouristen zum Fotoshooting. Westliche Touristen sind auffallend wenige zu sehen. Die letzten Stunden vor dem Beginn der Spiele verbringen sie lieber in der Verbotenen Stadt oder einem der zahlreichen Konsumtempel, die fast so schnell wie die olympischen Sportstätten aus dem Boden schiessen.
Der Rummel hält sich in Grenzen
Peking präsentiert sich im Zentrum heute als Weltstadt. Die Olympischen Spiele sollen die Integration des einst abgeschotteten Reichs in die internationale Gemeinschaft belegen. So will es die Regierung. Der Anspruch der chinesischen Bevölkerung ist weniger hoch: Sie geniesst ihre Rolle als Gastgeber und interpretiert sie ausnehmend freundlich. Olympia wird ihr Leben kaum nachhaltig verändern oder sogar verbessern. Braucht es auch nicht. Denn seit der marktwirtschaftlichen Öffnung Ende der 70er-Jahre schiesst das Bruttoinlandprodukt in die Höhe. In den letzten 25 Jahren wuchs es von umgerechnet 280 auf 3100 Franken pro Kopf. Ökonomisch ist China längst eine Weltmacht.
Selbst in Peking, dieser 16 Millionen Einwohner zählenden Stadt, verändert Olympia den Lauf der Dinge nur bedingt. Das zeigt sich etwa in Caochang, einer jener Hutong genannten engen Gassen, die von traditionellen Flachhäusern mit Innenhof gesäumt sind. Hier scheint die Zeit, trotz dem Bauboom rundherum, stehen geblieben zu sein. In der drückenden Mittagshitze liegt ein Mann auf einer Liege neben seiner motorisierten Dreiradkiste und wartet auf einen Mieter für die Wohnung gegenüber, die leer steht. Die ausländischen Besucher schrecken ihn nicht hoch. Er scheint, als habe er alle Zeit der Welt.
Der olympische Rummel vom Tiananmen-Platz ist weit weg. Hier ist China noch so ursprünglich, wie es im modernen Peking noch sein kann. Das olympische Logo ist nur auf den Etiketten der Biermarke zu entdecken, die ein Sponsor der Spiele ist. Andere offizielle Erinnerungsstücke fehlen in den kleinen Läden der engen Gasse. Stattdessen verkauft ein junger Mann traditionell chinesische Kunstimitate - und zwei gefälschte Olympiaartikel.
Am Tiananmen-Platz lodert derweil die Vorfreude. Seit gestern ist das olympische Feuer in der Stadt. Der erste chinesische Astronaut Yang Liwei und Basketballstar Yao Ming gehören zu den Trägern, welche die Fackel den Tausenden von Zuschauern präsentieren. Überall verkaufen Strassenhändler kleine Olympia- und China-Fahnen. Von Protesten wie im April in Paris oder London ist nichts zu sehen; auch zu verstecken wie in San Francisco braucht sich die Fackel nicht. Ein Kordon von Polizisten würde allfällige Übergriffe im Keim ersticken.
An Proteste aber denken ohnehin die wenigsten der Chinesen. Im Gegenteil: Sie freuen sich auf Olympia und sehen dabei auch den persönlichen Vorteil. Fast täglich verändert sich die Stadt. Wo noch vor kurzem hässliche Bauzäune die Sicht verstellten, blühen plötzlich neue Grünflächen oder steht ein neues architektonisches Monument. Zhang Chaoxin der mit seinem Taxi täglich auf Pekings Strassen ist, sagt: «Der Verkehr ist in den Untergrund abgetaucht.» Was er damit sagen will: Die Erweiterung der U-Bahn hat die chronisch verstopften Strassen des Molochs spürbar entlastet. Zusammen mit der behördlichen Einschränkung des privaten Autoverkehrs sorgt das derzeit in Peking für ungewöhnlich flüssigen Verkehr.
Zhang Chaoxin hofft, dass Olympia der Stadt und damit auch ihm neue Chancen eröffnen wird - nicht zuletzt touristischer Art. Inmitten des wirtschaftlichen Aufbruchs vernachlässigte die regierende Partei jahrelang das jahrtausendalte kulturelle Erbe, das sie übernommen hatte. Restaurationen von Hutongs wie der Nanluogu Xiang sind bisher die Ausnahme. Dort locken neuerdings Boutiquen, Teehäuser und Cafébars die Touristen in eine der authentischsten Gegenden Pekings. Es ist die chinesische Art der Urbanisierung, die in Europa ehemalige Industriegebiete oder Hafenanlagen bereits hinter sich haben. Das Geld dafür kam aber nicht von der Regierung, sondern von Chinesen, die im Ausland reich geworden sind.
Von einem Tourismusboom kann in Peking derzeit jedoch keine Rede sein. Im Gegenteil: Die restriktiven Einreisebedingungen und die hohen Preise während Olympia schrecken potenzielle Besucher offensichtlich ab. Erst am Montag hat ein Sprecher der staatlichen Tourismusbüros in unüblicher Offenheit zugegeben, dass die Buchungen 20 Prozent hinter dem Vorjahresstand und weit unter den Erwartungen zurückliegen. Die Hotels haben begonnen, die Preise massiv zu senken. Dieses Phänomen begleitete bereits die letzten Sommerspiele in Athen.
Wie dort schwingt auch in Peking in all der Vorfreude auf die Olympischen Spiele die Angst vor einem terroristischen Anschlag mit. Bei aller demonstrativen Offen- und Gelassenheit sind die Nerven der Sicherheitsleute gespannt. Öffentliche Einrichtungen werden streng bewacht. Selbst wer den Tiananmen-Platz betreten will, muss seine Taschen durch einen Metalldetektor schleusen. Andrea, eine 22-jährige Deutsche, die seit einem halben Jahr in Peking Sinologie studiert, sagt: «Ich werde in den kommenden zwei Wochen die U-Bahn wann immer möglich meiden.»
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