CARTOON
Wenn ein trauriger Clown auf H. R. Giger trifft
22. September 2007, 06:19 Von Alexandra KedvesNicolas Mahler, «Titanic»-Zeichner aus Wien, legt eine Kultur(szene)kritik in Cartoonform vor: ein sperriger Spass.
«A Writers Writer»: Wenn dieses Etikett an einem Autor klebt, dann bedeutet das normalerweise andächtiges Schweigen unter Berufskollegen und Grabesstille an den Buchhandlungskassen. Doch beim Comic ist alles anders. Minimalismus, Abstraktion und Fokussierung auf ein sehr beschränktes Themenfeld: Auf einmal funktioniert das alles als schlagkräftiges Verkaufsargument – dann nämlich, wenn Nicolas Mahler auf dem Buchdeckel steht. Dann bekommen auch dürre, schwarz-weisse Strichmännchen ohne Augen und Ohren, die sperrige Stoffe ohne Sex and Crime verhandeln, Aufmerksamkeit. Und die verdienen sie auch.
Erstklassige Zeitgeistsatire
Mahlers neues Cartoon-Buch «Die Zumutungen der Moderne» stapelt wie wild Sprechblasen übereinander. In ihnen geht es um kunsttheoretische Konversationsthemen wie russische Kolchosenfilme aus den 30er-Jahren oder aktuelle Trickfilmfestivals in Lettland. Oder eine geträumte Nacht im Doppelzimmer mit H. R. «Alien» Giger, in der nichts, aber auch gar nichts passiert.
Abgedreht? Aufgedreht! Nicolas Mahlers gezeichnete Zeitgeistsatire lacht kaputt, was Kulturfreaks anmacht: das tief schürfende Gespräch, die hochtrabende These und die Aura um die Kunst. Und wir lachen mit. In zehn Kapiteln mit Titeln wie «Hell is also life», «Oh Gott» oder «Irgendwas muss man ja tun» erzählt der 1969 geborene Wiener, wieso er zum Comiczeichnen kam – «Wie anders hätte alles kommen können, wäre ich bei der Filmakademie gelandet!» Und wir erfahren, warum er sich schliesslich trotzdem auf Animationsfilmfestivals wiederfand: «Neben dem unglaublichen Zeitaufwand zeichnet sich die Sparte Trickfilm auch dadurch aus, dass es sich hier um die letzte Kunstform handelt, in der das Motiv des traurigen Clowns noch allgemeine Akzeptanz findet».
Karg und kafkaesk
Zu dieser (selbst-)ironischen Autobiografie des «Titanic»-Stammzeichners gibts einen beachtlichen Anhang mit «Materialien», sprich: eine weitere erstklassige Cartoonstrecke. Zudem, als Bonus, das Tagebuch aus Mahlers Zeit als «Artist in Residence» am Luzerner Comic-Festival Fumetto im Frühling 2007. «Wer ist euch denn abgesprungen?», hatte er nachgehakt, als er eingeladen wurde. Lapidare Antwort: «Loustal.» Ein trauriger Clown ist Nicolas Mahlers Alter Ego – das selbst in der Innerschweiz als Lückenbüsser für eine grosse Nummer herhalten muss – also allemal.
Dafür durfte sich sein Erfinder letztes Jahr über den renommierten Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic freuen (für «Das Unbehagen»). Mahler ist ausserdem einer der wenigen deutschprachigen Zeichner, dessen Comichefte es in die Heimat der Bande Dessinée, in einen französischen Verlag, geschafft haben.
Aber jetzt dreht er mit «Zumutungen» dem autobiografischen Trend im Comic und allen anderen Hypes der Szene eine lange Nase. Kippten seine absurden Miniaturen im letzten Band, «Flaschko, der Mann mit der Heizdecke», auch schon mal ins Alberne, so mutet er uns nun in seinen kargen Cartoons Kess-Kafkaeskes übers Kulturkuchenbacken zu. Das schmeckt.
Nicolas Mahler: Die Zumutungen der Moderne. Reprodukt, Berlin 2007. 127 S., 25.70 Fr.

























