Von der Bürde zur Würde der Arbeit
26. September 2007, 06:28 Von Guido KalbererDer Sozialphilosoph André Gorz hat sich zusammen mit seiner Frau das Leben genommen. Sein Werk ist ein Plädoyer für menschenwürdige Arbeit.
Am Schluss seines letzten Buches, «Brief an D. Geschichte einer Liebe», finden sich die unmissverständlichen Sätze: «Nachts sehe ich manchmal die Gestalt eines Mannes, der auf einer leeren Strasse in einer öden Landschaft hinter einem Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Und Du bist es, die der Leichenwagen wegbringt. Ich will nicht bei Deiner Einäscherung dabei sein; ich will kein Gefäss mit Deiner Asche erhalten.» Und das ergreifende Bändchen schliesst mit dem Entschluss: «Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen.» Vorgestern war es nun soweit: Die durch einen ärztlichen Kunstfehler verursachten Schmerzen von Dorine nahmen offenbar ein unerträgliches Mass an. Eine Nachbarin hat das Ehepaar, das sich 1947 in Lausanne kennen und lieben gelernt hatte, am Montagmorgen tot nebeneinander liegend in ihrem Haus in Vosnon unweit von Troyes aufgefunden. An der Eingangstür hing ein Zettel mit der Bitte, die Polizei zu verständigen.
Vor kurzem noch haben wir miteinander telefoniert. Das Paar – er ein «austrian jew», wie es in seinem «Brief» heisst, sie eine Engländerin – wollte Anfang Oktober zur Kur nach Bad Ragaz fahren. Wir vereinbarten einen Interviewtermin in Zürich. Letzte Woche meldete sich Gorz mit sanfter Stimme erneut auf der Redaktion. Da es seiner Frau nicht möglich sei zu reisen, solle ich ihn besuchen kommen. «Ich erwarte Sie am Sonntag, 7. Oktober, um 16 Uhr zum Tee. 30, rue de la mairie in Vosnon.» Seine einzige Bedingung war, dass wir über sein Gesamtwerk reden und nicht nur über sein auflagenstarkes neues Buch.
Die Studien des Sozialphilosophen und Journalisten lassen sich, vereinfacht gesagt, auf folgenden Nenner bringen: Die Arbeit soll dem Leben dienen, nicht das Leben der Arbeit. Damit diese an Marx geschulte Kapitalismuskritik nicht nackte Theorie bleibe, engagierte sich André Gorz für ein einheitliches Grundeinkommen, ein «Konsumgeld, das allen den Kauf des Lebensnotwendigen erlaubt». Diese Position hat er ein letztes Mal in einem Aufsatz für den Sammelband «Grundeinkommen. Soziale Sicherheit ohne Arbeit» erläutert (ein Vorabdruck lieferte die Zürcher Zeitschrift «Widerspruch», Heft 52): «Ein bedingungsloses Grundeinkommen sollte die volle Entwicklung des Individuums ermöglichen und sie ihrer unmittelbaren Instrumentalisierung und Beschränkung auf ökonomische Zwecke entziehen.»
Diese Gedanken, überschrieben mit dem 68er-Slogan «Seid realistisch – verlangt das Unmögliche», formulierte Gorz bereits in den programmatischen Titeln «Wege ins Paradies» (1983) und in «Arbeit zwischen Misere und Utopie» (2000). Um zu überleben, müssen wir uns verwerten, vermarkten und verkaufen. Damit dieser Kreislauf der Entfremdung durchbrochen werden könne, müsse «die Lohnarbeit abgeschafft werden», wie es in der vor drei Jahren erschienenen Studie «Wissen, Wert und Kapital» heisst. Doch bis zum «Abschied vom Proletariat» (1980) ist es noch ein weiter und steiniger Weg. In den jüngsten Arbeiten, auf Deutsch allesamt im Zürcher Rotpunktverlag erschienen, beschäftigte sich André Gorz vermehrt mit Fragen der politischen Ökologie.
Prägend für den intellektuellen Werdegang von André Gorz, der 1923 als Gerhard Hirsch in Wien geboren wurde und vor den Nationalsozialisten in die Schweiz geflohen war, war die Begegnung mit Jean-Paul Sartre. Nachdem er den Schriftsteller und Philosophen auf einer Vortragsreise durch die Schweiz kennengelernt hatte, zog er nach Paris. Dort entfaltete Gorz eine rege publizistische Tätigkeit: Er schrieb für die Zeitschrift «Les Temps modernes» und «L'Express» und gründete zusammen mit Jean Daniel das Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur». Im Zentrum seines Lebens stand bei Gorz immer das Schreiben – seien dies nun Bücher, Essays oder Artikel. Während all der Jahrzehnte, so bekennt der 84-Jährige in seinem Abschiedsbrief, habe er es aber sträflich unterlassen, jener Person zu danken, die dies ermöglicht hatte. «Brief an D.» ist ein später, berührender Dank an seine Ehefrau. Was der Atheist nicht über den Tod hinaus retten konnte, sollte wenigstens Spuren im Diesseits hinterlassen.
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