Peter von Matt zum Siebzigsten
22. Oktober 2007, 06:55 Von Christine LötscherWarum schreiben denn nicht alle Germanisten so wie Peter von Matt?
Zürich, Aula der Universität. – Wenn alle Germanisten so begnadete Literaturvermittler wären wie Peter von Matt, dann müsste man niemandem erklären, wozu es die Literaturwissenschaft braucht. Und Podien, an denen über das problematische Verhältnis von Literaturwissenschaft und literarischer Öffentlichkeit diskutiert wird, bräuchte es schon gar nicht. Das meinte die Zürcher Germanistikprofessorin Barbara Naumann an einem Podiumsgespräch im Rahmen der akademischen Feier zum 70. Geburtstag Peter von Matts an der Universität Zürich, das genau diesem Thema gewidmet war.
Warum schreiben denn nicht alle Germanisten so wie Peter von Matt? Rhetorisch brillant und verständlich, fantasievoll und nah an den Texten, immer die grossen kulturgeschichtlichen Zusammenhänge im Auge? Im Lauf des abwechslungsreichen Samstagnachmittags in der Aula kam die Frage immer wieder auf, obwohl sie Karl Wagner, der Nachfolger auf von Matts Lehrstuhl, gleich zu Beginn seiner Geburtstagsrede beantwortet hatte. Schreiben wie von Matt könne niemand ausser ihm selbst, weil seine unnachahmliche Art, Germanistik zu betreiben, im Einklang mit seiner Person stehe und insofern singulär sei.
Ansprüche an die Germanistik dürfe man dennoch stellen, meinte Roman Bucheli, Feuilletonredaktor der NZZ. Weil sich die Kritik mit der Beurteilung von Büchern, die erst erscheinen werden, sozusagen in der Zukunft aufhält, müsste die Literaturwissenschaft mit ihrem Wissen über die Vergangenheit eine Funktion als Schnittstelle übernehmen. Das Wiedererwecken schlafender Bücher sieht Peter von Matt als wichtige Aufgabe: Damit würden Dimensionen der menschlichen Erfahrung zugänglich, die vergessen gingen, wenn die Gegenwart so masslos überschätzt werde wie heute.
Obwohl das Schrumpfen der Feuilletons beklagt wurde, kam die Literaturkritik in der von Wolfram Groddeck geleiteten Diskussion recht gut weg. Michael Krüger bezeichnete das deutschsprachige Feuilleton sogar als das beste der Welt. Ihr Fett bekamen dafür die Studierenden ab (die an der Feier mehrheitlich durch Abwesenheit glänzten). Zu wenige von ihnen seien bereit, sich einen umfassenden Überblick über die Literaturgeschichte zu erarbeiten. Nur wer über dieses panoramatische Wissen verfüge, meinte von Matt, könne der Öffentlichkeit als Vermittler zur Verfügung stehen.
Dass Germanistik etwas vom Interessantesten ist, was es gibt, bewies Gerhard Neumann mit seinem Vortrag über den Zusammenhang des Architektonischen mit der Fremdheitserfahrung des Subjekts bei Kafka. Peter Bichsels vielschichtiger und poetischer Text über eine halb fantastische Zugfahrt mit Peter von Matt zeigte, dass es nur eins gibt, das noch aufregender ist: die Literatur selbst.
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