Die Macht der Intuition wird unterschätzt
04. Dezember 2007, 10:35 Von Guido KalbererWer lange und gründlich nachdenkt, entscheidet häufig falsch. Warum das so ist, erklärt der renommierte Berliner Intuitionsforscher Gerd Gigerenzer im Gespräch.
Er ist ein gefragter Mann. Nach Vorträgen in den USA reiste Gerd Gigerenzer am Wochenende nach Basel, wo ihm die Ehrendoktorwürde der Universität überreicht wurde. Tags zuvor referierte der 60-jährige Psychologe im Kloster Engelberg vor einer illustren Schar von Schweizer und deutschen Managern zum Thema «Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten». Die Macht der Intuition werde unterschätzt, sagte er und forderte mehr «Mut zum Risiko», so der Titel des von der Zuger Unternehmungsberatung «Bernd Remmers Consultants» organisierten Symposiums.
Eines muss man dem Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung lassen: Er ist konsequent. Sein Referat, frei und gestenreich vorgetragen, war gespickt mit Improvisationen. Damit sind wir auch schon mitten im Thema: Wer sich, mit vielen Informationen beladen, auf ein vorgefasstes Schema festlegt, läuft Gefahr, sich nicht situationsgerecht zu verhalten. In seinem neuesten, vielfach ausgezeichneten Buch «Bauchentscheidungen» zeigt Gerd Gigerenzer anhand konkreter Beispiele, wieso das intuitive Handeln heute einen schweren Stand hat. Der Wissenschaftler gehört aber nicht zu jenen Sachbuchautoren, die grob vereinfachend behaupten, dass die Welt besser wäre, wenn wir bloss auf den Bauch hörten – diese Art von Populismus ist dem gebürtigen Münchner fremd. Es gelte zu differenzieren.
Das störende Denken
Wenig bis gar nichts kann die Intuition in den Augen von Gigerenzer zur Lösung von Fragestellungen oder Problemen beitragen, die viel Information und Wissen voraussetzen. Wer etwa noch nie ein Auto gefahren hat, sollte sich nicht auf sein Bauchgefühl verlassen. Wer aber seit Jahren regelmässig fährt, sollte genau dies tun und die eingespielten Abläufe nicht durch Nachdenken oder bewussten Nachvollzug blockieren. Diesen Sachverhalt hat bereits der englische Philosoph Alfred North Whitehead auf den Punkt gebracht: «Die Behauptung, dass wir die Gewohnheit annehmen sollten, gründlich zu bedenken, was wir tun, ist ein völlig abwegiger Gemeinplatz, der dessen ungeachtet in zahllosen Büchern und Vorträgen prominenter Leute immer wiederkehrt. Es verhält sich genau umgekehrt. Die Zivilisation erzielt ihren Fortschritt, indem sie die Zahl der wichtigen Vorgänge vermehrt, die wir ohne Nachdenken ausführen können.» Auch Zeitdruck stellt kein wirkliches Handicap dar: Kenner und Könner reagieren besser mitwenig Bedenkzeit.
Daneben gibt es Fragen, deren Beantwortung eigentlich auf der Hand beziehungsweise auf dem Herzen liegt. Trotzdem werden alle zur Verfügung stehenden Informations- und Wissensquellen angezapft. Wieso eigentlich? Gigerenzer: «Seit Jahrhunderten leben wir in einer von der Rationalität beherrschten Welt. Alle Entscheidungen, die wir spontan und ohne Begründung treffen, lassen sich im Nachhinein schlechter rechtfertigen.» Weil wir in einer durchrationalisierten Gesellschaft leben, in der Beweggründe das A und O von Handlungen seien, getrauten sich Chirurgen, Richter und Polizisten immer weniger, ihren Intuitionen zu vertrauen und spontan zu entscheiden. «Wenn später Probleme auftauchen, stehen sie ohne rational belegbare Motive da.» Insbesondere in den USA, wo Gigerenzer vorher lehrte, zeigen sich die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten auf Schritt und Tritt. Auch im Alltag: Wer eine Pizza samt Plastikhülle in den Ofen schiebt, kann den Produzenten vor Gericht verklagen, weil der die Packung nichtordentlich angeschrieben habe.
Automatisierte Abläufe
Unter Intuition versteht Gigerenzer alles andere als Esoterik oder irrationale Gefühle, die unmotiviert aus dem Unbewussten auftauchen. Vielmehr sieht er darin eine unbewusste Form von Intelligenz. Intuitives Handeln meint automatisierte Abläufe, die auf Vernunft beruhen und über lange Zeit erlernt wurden. Sie stehen nach Gigerenzer nicht im Gegensatz zum Logos, sondern übernehmen immer dann ihren entscheidenden Part, wenn die Dinge so klar und eindeutig sind, dass sie keiner reiflichen Überlegung mehr bedürfen.
«Verstand und Intuition können Hand in Hand gehen», hält auch der «Spiegel»-Autor Gerald Traufetter in seinem neuen Buch «Intuition» (Rowohlt, 2007) fest: «Die Weisheit der Gefühle hat viel mit Wissen und nichts mit Metaphysik zu tun.» Dies lässt sich auch bei Spitzensportlern beobachten: Gründliches Überlegen und Nachdenken kann ihren Spielfluss hemmen. «Wenn sich der in Führung liegende Tennisspieler fragt, wieso der erste Aufschlag heute so gut funktioniert, gefährdet er seinen Sieg», meint Gigerenzer. Dies kann sich auch der Gegner zu Nutze machen, indem er diese Stärke beim Seitenwechsel anspricht und damit die Psychologie ins Spiel bringt. «Wenn sich die Spieler Zeit nehmen und ihr Vorgehen genau analysieren, treffen sie keine besseren Entscheidungen. Im Gegenteil, die intuitive Reaktion ist im Durchschnitt besser.» Die Empfehlung seines leicht verständlichen und mittlerweile in zehn Sprachen übersetzten Bestsellers heisst denn auch folgerichtig: «Lass das Denken, wenn du geübtbist.» Gute Intuitionen dürfen einige Informationen getrost ignorieren.
Intuition kann der Königsweg zum Erfolg sein, muss es aber nicht. Auch wenn die Forschungen des Psychologen zeigen, dass vor allem Entscheidungsträger zu wenig ihren Bauchgefühlen vertrauen, so warnt er zugleich davor, der Intuition naiv Priorität einzuräumen. Insbesondere im Kollektiv neige der Mensch zu instinktiven, aber zweckwidrigen Handlungen.
So haben viele Amerikaner nach den terroristischen Anschlägen auf die Twin Towers 2001 versucht, das Risiko des Fliegens zu minimieren oder zu vermeiden, indem sie lange Strecken mit dem Privatwagen zurücklegten. In den 12 Monaten nach 9/11 wurden fünf Prozent mehr Fahrten auf den Highways registriert - mit dem Effekt, dass beim Versuch, dem gefürchteten Tod in der Luft zu entrinnen, 1500 Amerikaner mehr als sonst auf den Strassen umgekommen sind. «Die Bauchgefühle haben zu falschen Handlungen geführt», relativiert Gigerenzer. Dennoch: Wir sind offenbar eher bereit, den vielfachen, in Abständen eintretenden individuellen Tod zu akzeptieren als den Massentod. «Es gibt eine archaische Angst davor, dass viele zum gleichen Zeitpunkt umkommen.» Der «gestreute Tod» hingegen erregt weniger Aufmerksamkeit.
Die Rolle der Medien dürfe, so Gigerenzer am Schluss des Gesprächs, nicht unterschätzt werden. Anstatt aufzuklären, schürten sie häufig leicht erregbare kollektive Ängste. Die Vogelgrippe, Sars und BSE waren Themen, die in den europäischen Zeitungen richtiggehend breit getreten wurden. Nach wenigen Wochen oder Monaten war der Spuk vorbei - und die tatsächlich existierende Gefahr dort angekommen, wo sie in Wahrheit immer war: quasi bei null. «BSE forderte in zehn Jahren bloss 140 Tote in ganz Europa» – von der Vogelgrippe und Sars gar nicht zu reden.
Manipulierbare Emotionen
Wer sich mit Intuition beschäftige, habe es immer wieder mit Emotionen zu tun, die massiv manipuliert würden; und in dieser Hinsicht seien zahlreiche Medien alles andere als aufklärerische, der Vernunft und der Wahrheit verpflichtete Instanzen. «Sie fürchten die Deeskalation mehr als die Eskalation.» Was treibt die Einschaltquoten mehr nach oben: das Verbreiten von Furcht und Schrecken oder die Entwarnung? Die richtige Antwort wissen wir intuitiv.
Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. C. Bertelsmann, München 2007. 284 S., 34.90 Fr.Schweiz
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