Sachbuch
Kulturgeschichte im Plauderton anregend, verblüffend, begeisternd
25. Januar 2008, 19:03 Von Martin EbelWer nicht gleich Egon Friedells grandiose «Kulturgeschichte der Neuzeit» lesen will, kann den Wiener Autor in einem schönen Essayband kennen lernen.
Fragt man heute einen jungen studierenden Menschen, was er werden wolle, wird man oft die vage Antwort hören: «Irgendwas mit Medien.» Vor hundert Jahren war das anders, wenigstens in Wien. Dort war, wie Egon Friedell schreibt, «der Theaterirrsinn eine Volksepidemie. Wenn man hier zu Lande mit einer jungen Dame spricht, einerlei, ob sie Millionärstochter, Probiermamsell oder Doktorin der Philosophie ist: Immer wird zum Schluss herauskommen, dass sie eigentlich zum Theater will. Denn sie hat eine so gute Aussprache. Aber auch im späteren Alter streben die Menschen immer noch nach dem Theater. Alle, die Aristokraten, die Beamten, die Gelehrten, die Politiker, die Industriellen wollen irgendeine Beziehung zum Theater» – und sei es eine Liaison mit einer Sängerin oder wenigstens Freikarten.
Mehr als nur ein Kaffeehaus-Literat
Natürlich war auch Egon Friedell beim Theater, und die «Psychopathologie des Schauspielers», aus der unser Zitat stammt, konnte er vor allem deshalb schreiben, weil er selbst ein Schauspieler war. Ein ernsthafter, den kein Geringerer als Max Reinhardt immer wieder engagierte. Dem Theater hat er aber nicht nur als Darsteller, sondern auch als Regisseur, Kritiker und Autor gehuldigt.
Sein Einakter «Goethe», zusammen mit Alfred Polgar geschrieben, ging mehrere Hundert Mal über die Bühne und wird noch heute gelegentlich von Gymnasiasten aufgeführt, die vielleicht von einem belesenen Deutschlehrer mit dem Friedell-Virus infiziert wurden. In dieser herrlichen Satire vertritt Goethe einen armen Schüler in einer Deutschprüfung, Thema Goethe, und fällt mit Pauken und Trompeten durch. Auch Schiller «konnte» Friedell gewagt – sein «Tell»-Pastiche endet unblutig, und den Verzicht auf den Gessler-Schuss darf Goethe gegenüber Eckermann noch kommentieren: Es sei natürlich seine Idee gewesen.
Die Wiener Zeitgenossen, sogar die meisten seiner Freunde hielten Friedell für einen Parodisten und Komödianten, einen Kaffeehaus-Literaten, der seine zweifellos vorhandenen Talente hemmungslos an den Augenblick verschwendete. 1927 erschien aber der erste Band der «Kulturgeschichte der Menschheit», ein Werk, so unterhaltsam wie sein Autor, aber auch das Ergebnis einer ausufernden Lektüre, die er, fast im Geheimen, in seiner überaus geräumigen Wohnung in der Gentzgasse betrieb. Dort wohnte er bis zum Tod, in der diskreten Gesellschaft erst seiner früheren Kinderfrau, dann einer Haushälterin, deren Kind und später auch dem Mann des Kindes. 1938 stürzte er sich aus dem Fenster, als SA-Männer – Österreich war gerade «heim ins Reich» geholt worden – an der Tür klingelten und nach dem «Jud Friedell» fragten.
Jude war er, wollte er aber nicht sein, wie er alles, was sich auf seine Herkunft bezog, abgelegt hatte, auch den Geburtsnamen Friedmann (nur das Erbe, das ihm ein materiell sorgenfreies Leben ermöglichte, nahm er gern). Mutter und Vater hatte er früh verloren, die Mutter war mit einem anderen davongelaufen, der Vater, Fabrikant, war gestorben. Egon flog von einer «Anstalt» nach der anderen, das Abitur schaffte er, schon deutlich über 20, erst im vierten Anlauf (mit 26 war er dann Doktor).
Sein Leben lang war Friedell von einer eng anliegenden Haut aus Einsamkeit umgeben, Freunde liess er wenig, Frauen fast gar nicht an sich heran. Der bestrickende Unterhalter, der überströmende Gesellschaftsmensch sah in der Einsamkeit die Grundbefindlichkeit des Menschen, zu überwinden nur durch die Kunst: Maler, Musiker, Dichter zeigen, was uns doch verbindet, worin wir uns ähnlich sind, «und sie errichten allgemeine geistige Verkehrsstationen, wo die ganze Menschheit zwanglos zusammenkommen kann.» Das Besondere an den Künstlern ist ihr Auge: Sie sehen etwas, was uns bisher verborgen blieb, und dann sehen wir es auch.
Bis heute ein Geheimtipp
In seiner «Kulturgeschichte der Neuzeit» (zu der dann noch eine unvollendete «Kulturgeschichte der alten Welt» kam; der letzte Band zu Lebzeiten erschien in der Schweiz) agiert Friedell gewissermassen als Optiker: Es setzt uns verschiedene Brillen auf und lehrt uns damit schärfer, farbiger, mehrdimensionaler sehen. Die Brille des Euripides und die Voltaires, die Shakespeares und die Rembrandts, die Mozarts und die Balzacs. Es ist ein einzigartiges Werk: Niemals vorher oder nachher ist die Kultur des Abendlandes so umfassend dargestellt, intelligent begriffen und amüsant präsentiert worden. Friedells Kulturgeschichte, auf die Länge gesehen durchaus ein Erfolgsbuch und beim Beck-Verlag immer wieder neu aufgelegt, mit inzwischen 158 000 verkauften Exemplaren ein wahrer Longseller (die Taschenbuchausgabe nicht mitgerechnet), ist bis heute zugleich ein Geheimtipp: Trifft ihr begeisterter Leser doch immer wieder auf Menschen von grosser Bildung und ausgeprägtem kulturellem Interesse, die das Werk nicht kennen, ja sogar den Namen Friedell noch nie gehört haben.
Die Gründe sind historischer und grundsätzlicher Natur. Historisch: Friedells unmittelbare Wirkung wurde vom Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg abgebrochen. Grundsätzlich: Sein Stil, der etwa Descartes und Pascal, die Infinitesimalrechnung und und den französischen Gartenbau, Molière und den Hof Ludwigs XIV. in geistreichen Plaudereien darbot, war den Fachleuten aller Couleur verdächtig. War da nicht ein Dilettant am Werk? Allerdings, hätte Friedell geantwortet, der den «fruchtbaren» Dilettanten immer über den sterilen Spezialisten stellte. Sein Lieblingsfeind war der «Philister», den er besonders oft im Talar des Universitätsprofessors erblickte. Dieser behauptete ja auch, Wagner habe nicht komponieren können, und Nietzsche sei ein unsystematischer Denker gewesen.
Gerade Nietzsche gilt einer der hinreissendsten Abschnitte in der «Kulturgeschichte der Neuzeit». Er findet sich auch in dem Kompendium «Vom Schaltwerk der Gedanken», das Diogenes-Verleger Daniel Keel jetzt zusammen mit Daniel Kampa herausgegeben hat. «Nietzsche ist an seiner Philosophie zu Grunde gegangen; aber dies ist kein Einwand gegen sie, sondern im Gegenteil ihr höchster Beweis.» So heisst es am Anfang, und dann eilt Friedell durch Leben und Denken des Philosophen, dass einem schwindlig werden will – eines Philosophen, der «alle Phasen der Neuzeit von Wittenberg bis zum Weltkrieg durchlaufen» hat, der «Lutheraner, Cartesianer, Wagnerianer, Comtist, Darwinist, Pragmatis, vorübergehend sogar Nietzscheaner» war (ohne eine Pointe kommen wir fast nie davon) und den er schliesslich als eine Art «gewendeten Christen» deutet, als «die letzte grosse Glaubensstimme des Westens, wie Dostojewski die letzte aus dem Osten war» (ebenso typisch: die superlativische Formulierung, der überraschende Vergleich). «Aber in seinen letzten Schriften», schliesst Friedell sein Porträt ab, «verwirrte sich dieser edle und kräftige Geist. Er wurde, so kann man wenigstens allenthalben vernehmen, von Grössenwahn erfasst. Er hielt sich nämlich für Friedrich Nietzsche.»
Dass diese Kulturgeschichte so dahergeplaudert wirkt, liegt zweifellos daran, dass sie aus wirklichen Gesprächen entstanden und dialogisch gedacht ist. Viele Gedankenverbindungen (und eine der Stärken seiner Bücher ist die Assoziation, die Brücke, die Entlegenstes verbindet) hat Friedell im Gespräch mit Freunden wie Polgar, Karl Kraus, Peter Altenberg oder Adolf Loos probeweise entwickelt – oder umgekehrt, wenn sie in der Stille des Lesekabinetts entstanden waren, im Gespräch ihrer Bewährungsprobe unterzogen. Friedell selbst befand sich ständig im Gespräch mit den Grossen der Weltgeschichte (er glaubte an die grossen Männer und andere altmodische Dinge wie die Seele und daran, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt), und im Gespräch mit ihnen glaubt sich bald auch der Leser.
Kundiger und geschickter Cicerone
Die «Kulturgeschichte der Neuzeit» ist, auch wenn sich darin gelegentlich Kurioses, Irriges, Verstiegenes findet, ein auf jeder Seite anregendes, verblüffendes, begeisterndes Buch. Und es ist ein Buch für jeden. In diesem unendlichen Gebäude, das die grossen Gedanken und Kunstwerke des Abendlandes auf verständlichste Weise vorstellt, verliert sich der Leser nie, noch fühlt er sich je allein – hat er doch den kundigsten, geschicktesten und freundlichsten Cicerone dabei, der sich vorstellen lässt. Und wer sich nicht gleich ans Hauptwerk traut: Im Diogenes-Kompendium sind die Gehstrecken etwas überschaubarer.
Egon Friedell: Vom Schaltwerk der Gedanken. Ausgewählte Essays. Hg. von Daniel Keel und Daniel Kampa. Diogenes, Zürich 2007. 696 S., 51.90 Fr.
Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. C. H. Beck, München 2007. 1580 S., 44.90 Fr.
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