Literatur, in der U-Bahn mit dem Daumen getippt
05. Februar 2008, 15:52 Von Christoph NeidhartDer Handy-Roman boomt in Japan: Lektüre von jungen Mädchen für junge Mädchen, oft auf der Fahrt zur Arbeit entstanden.
Flammen züngeln am Büchergestell hoch, greifen auf einige Frauenzeitschriften über. Sie verschlucken das Lächeln der Models auf den Titeln. Plötzlich geht das Licht aus; der Brandalarm plärrt los. Die Träume eines jungen Mädchens lösen sich in den Flammen auf. Sie habe geglaubt, notiert die junge Ich-Erzählerin weiter vorne im Buch, sie gehe einer rosa Zukunft entgegen. Nun sei alles rabenschwarz.
In der «Geschichte von privaten Zimmern» erzählt Mika Naito, wie in sechs dunklen Räumen junge Mädchen allein sind mit enttäuschten Hoffnungen – und Computern oder Mobiltelefonen mit Internetanschluss. Die sechs Kapitel von Naitos kleinem Roman tragen Titel wie «Das Geheimnis seines Fingers», «Das Geheimnis des weggelaufenen Mädchens» oder «Das Geheimnis des Lebens danach».
Königinnen der SMS-Literatur
Auch in Japan klagen die Verleger, es werde nicht mehr gelesen, vor allem keine ernsthafte Literatur mehr. Mit Jungmädchenprosa macht die Branche freilich beste Geschäfte. Längst gehen selbst renommierte Literaturpreise an magere 22-Jährige für magere, chic konfektionierte Adoleszenzfantasien. Die jüngste Form der japanischen Jungmädchenprosa ist der Handy-Roman: Wann immer man in eine japanische U- oder S-Bahn steigt, sitzen und stehen da junge Frauen, die mit ihren Daumen unheimlich schnell auf ihrem Mobiltelefon herumtasten. Sie schreiben nicht nur SMS und E-Mails, einige tippen ganze Romane – inzwischen sind es Tausende: Ohne Honorar, nur um des Schreibens willen, erzählen sie ihre atemlosen Geschichten. Ein Honorar erhalten sie nur, wenn ein Verleger sie später als Buch publiziert. Damit hatte anfänglich niemand gerechnet, die jungen Autorinnen ganz bestimmt nicht.
Einige von ihnen fassen Eindrücke, Gefühle, Gedanken so präzise und elegant, dass auch Fremde das lesen wollen. Japans Jungmädchenprosa bietet jungen Leserinnen viel Projektionsfläche zur Identifikation. Immer wieder geht es um die Suche nach Liebe, um Liebesverlust, Einsamkeit und lieblosen Sex. Und um die Jungs, die frau einfach nicht versteht. Um Zukunftsträume und -ängste – und schon wieder um Sex. Wie im realen Leben junger Erwachsener. Diese Leben finden in der Gegenwart statt, in Internetcafés, Chat-Räumen, auf Websites; und natürlich auf Mobiltelefonen.
Einige Handy-Romane sind auf dem mobilen Web kostenlos zu lesen, für die meisten Sites jedoch zahlt man eine Monatsgebühr von etwa 2 Franken. Für diesen Betrag kann man nicht nur rosa Gegenwartsprosa lesen, sondern auch Conan Doyle, Agatha Christie oder Shakespeare. «Love Link» von Mika Naito, die auch «Queen der Mobiltelefonromane» genannt wird, ist 1,5 Millionen Mal abgerufen worden. Allerdings ist die 38-jährige Mika Naito nicht ganz typisch für die Handy-Schriftstellerinnen. Anders als die meisten ihrer Kolleginnen hatte sie sich bereits etabliert, als 2002 der erste Mobiltelefonroman erschien. Sie schreibt auch heute noch auf dem Computer. Und passt dann die Texte auf dem Handy an.
Eine Folge von Breitband und Flatrate
Das Medium bestimmt die Message: Die Sätze sind knapp, direkt, erzählt wird meist in der ersten Person; Dialoge und Slang prägen die zuweilen fast tagebuchartig privaten Texte. Konservative Leser deuten das Genre als weiteren Beleg für den Niedergang der japanischen Literatur. Die Handy-Autorinnen schrieben nicht einmal mehr in Kanjis, wie man die chinesischen Schriftzeichen im Japanischen nennt. Im Falle von Mika Naito stimmt das nicht; soweit ein Korrespondent das beurteilen kann, sind ihre Bücher gut geschrieben.
Japanische Literatur wird bis heute in vertikalen Zeilen und von rechts nach links gesetzt; auch auf den kleinen Handy-Bildschirmen kann man sie so darstellen. In Buchform dagegen werden die Kurzromane in horizontalen Zeilen und von links nach rechts gesetzt. Wie heute viele Sachbücher. Als wollten die Verleger das Genre gegen die traditionelle Literatur abgrenzen. Manche Handy-Autorinnen sagen, die herkömmliche Literatur lasse sie kalt. Sie spiele nicht in einer Welt, die den jungen Leuten nahe sei.
Die Basis für die Welle der Handy-Romane hat mit Literatur nichts zu tun: Der Boom setzte ein, als Japans Telefongesellschaften das mobile Breitbandinternet und die Flatrate einführten. Sicherlich hat auch der Umstand, dass man in Japan im Zug nicht telefonieren darf, dazu beigetragen, dass das Handy hier so sehr ein Gerät für die schriftliche Kommunikation ist wie für die mündliche. Zudem können die Leserinnen die Handy-Romane auf Blogs und Chat-Sites diskutieren.
«Falls du ...», die tragische Liebesgeschichte zweier Kinderfreunde von Rin, so der Künstlername einer 21-Jährigen, wurde kürzlich von den Onlinelesern zum besten Handy-Roman des letzten Jahres gewählt. Die junge Frau hatte den Text auf ihrem Weg zu ihrem Teilzeitjob getippt. Mit einem Buch – und mit inzwischen 400'000 verkauften Exemplaren – hatte sie nicht gerechnet.
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