Politische Bücher lösen Denkprozesse aus

10. Februar 2008, 18:14 – Von Christine Lötscher

Haben Dürrenmatt und Frisch uns noch etwas zu sagen? Ja, meinte ein Podium im Zürcher Schauspielhaus. Wenn wir sie denn lesen würden!

«Was bleibt – von Frisch und Dürrenmatt und daneben? Zur Schweizer Literatur, soweit es sie noch gibt» – das klingt nach Adrenalin. Und doch kam zu Beginn der Podiumsdiskussion im Schauspielhaus, moderiert von «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel, Hoffnung auf: an Stelle der alten medialen Leier über die schlechte Qualität der heutigen Schweizer Literatur und das fehlende Engagement der Autoren könnte das Gespräch zu neuen Einsichten und Lesarten der beiden Klassiker des 20. Jahrhunderts führen.

Die Schriftstellerin Ruth Schweikert, der Literaturwissenschaftler Peter von Matt, Julian Schütt, Kulturredaktor bei der «Weltwoche» und Frisch-Experte sowie der Jazz-Journalist und Dürrenmatt-Experte Peter Rüedi äusserten sich differenziert und kenntnisreich über ihre Lektüren. Ein vorurteilsloser Blick auf das Werk der beiden literarischen Überväter wäre angesichts der erstarrten Klischees, die gemäss Peter von Matt tief in den Köpfen festsitzen, auch dringend notwendig. Beiden seien bei der Verwandlung in den Status von Klassikern der Schullektüre die Zähne gezogen worden – und jetzt fände man sie langweilig. Dürrenmatt gilt als der Visionär mit Freude am Archaischen und Grotesken, während Frisch mit erhobenem Zeigefinger zum missmutigen Schulmeister der Nation erstarrt ist. Beide Bilder seien falsch und ungerecht, betonte von Matt; im Falle von Frisch, der sein Leben lang nur Fragen gestellt habe, grenze es geradezu an Verleumdung.

Bei einer genauen Lektüre verschwinden die Klischees sofort: Ruth Schweikert betonte die Aktualität von Frischs Texten; Weil er sich permanent selbst in Frage gestellt habe, sei er für sie der Prototyp der schreibenden Existenz überhaupt. Auch bei Dürrenmatt ist es das Unfertige, Fragmentarische der «Stoffe», das sie fasziniert. Ähnlich äusserten sich auch Schütt und Rüedi; gerade das Unberechenbare, das schwer Fassbare macht die nachhaltige Faszination der Texte aus.

Nach kurzer Zeit schon wurde also klar, dass sich hinter den heute dominanten Klischeebildern zwei komplexe, in sich widersprüchliche und vieldeutige Textuniversen verbergen. Doch Roger Köppel schien es nicht um eine ernsthafte und vertiefte Auseinandersetzung mit und über Literatur zu gehen. Anstatt den Podiumsteilnehmern die Gelegenheit zu geben, ihr Wissen und ihr Erkenntisinteresse beim Lesen von Frisch und Dürrenmatt zu vermitteln, versuchte er sie zu reizen – und stilisierte sich als eine Art Klartext-Clown, der immer wieder wissen wollte, welcher denn nun der bessere sei, Dürrenmatt oder Frisch. «Idiotisch» fand Ruth Schweikert die Frage; als «Chabis» und nicht besonders intelligent bezeichnete Peter von Matt das ewige Ausspielen der beiden so unterschiedlichen literarischen Temperamente.

So ging es bald nicht mehr um Dürrenmatt und Frisch oder die Schweizer Literatur überhaupt, sondern eben doch wieder um die alte Leier: Die heutigen Schweizer Autoren seien nicht mehr politisch. Köppel beklagte sich über die fehlende Bereitschaft der Schriftsteller, sich in seinem Blatt pointiert zu äussern, was zu einer heftigen Debatte über das Politische der Literatur und die Rolle der Medien führte.

Am Beispiel von Peter Webers «Die melodielosen Jahre» zeigte Ruth Schweikert, wie subtil das Politische in einen literarischen Text eingearbeitet sein kann. In seiner Auseinandersetzung mit Techno, mit dem Soundtrack des Lebens und dem Verschwinden der Melodie aus der Musik, analysiere Peter Weber einen Paradigmenwechsel, der sich in den letzten Jahren vollzogen habe. Nur habe niemand diese Dimension des Textes erkannt. «Das Problem der Schweiz ist doch, dass sie auf das Niveau der Schmettersätze heruntergekommen ist», meinte von Matt. Ein politisches Buch sei eins, das beim Leser einen Denkprozess auslöst, nicht eins, das ihm Sätze um die Ohren schlägt - «doch dazu muss man sich hinsetzen und ganz langsam ein Buch lesen.»

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