Schweiz

Freier Zugang zum Brockhaus-Wissen

13. Februar 2008, 17:31 – Von Martin Ebel

Brockhaus: Das war ein Synonym für gesammeltes Wissen, aber auch für Wälzer, die schwer im Regal stehen. Künftig gibt es die Enzyklopädie komplett online – kostenlos.

Vor anderthalb Jahren noch prunkte und protzte der Verlag mit einer «Künstler-Edition». Auf Haushöhe vergrössert, standen die von Armin Mueller-Stahl dekorierten Bände im Innenhof der Frankfurter Buchmesse. Nur kaufen wollte das Kunst-Wissens-Werk kaum jemand. So ging es auch der «Normalausgabe», der 21. Edition der Brockhaus-Enzyklopädie. 30 Bände, die 70 Kilo wiegen und 1,70 Meter im Regal einnehmen; knapp 25'000 Seiten, rund 300'000 Stichwörter, von 1000 Autoren erarbeitet und einer erfahrenen Redaktion geprüft, dazu 40'000 Fotos und Grafiken, das Ganze für 4500 Franken: ein fairer Preis für so viel Inhalt (oder Content, wie man heute sagt). Doch diesen Preis wollten zu wenig Kunden hinblättern. 20'000 Exemplare hätten verkauft werden müssen, um rentabel zu arbeiten, etwas mehr als die Hälfte sind es geworden. Der Verlag, der mit Speziallexika, mit Duden und Sprachbüchern immer noch gut verdient, musste Umsatzeinbussen hinnehmen und wird 2007 einen Verlust von mehreren Millionen verzeichnen.

Grund für einen dramatischen Strategiewechsel: Ab 15. April (und nicht schon ab morgen, wie die «Financial Times Deutschland» schreibt) geht Brockhaus ins Netz: mit allem, was in den 30 Bänden steht, «und noch viel mehr», wie Verlagssprecher Klaus Holoch versichert. Auch jetzt schon konnten Besitzer der Enzyklopädie ihren Besitz online abrufen; dazu gehörten dann auch 3000 Tondokumente, vom Lachen der Typfelhyäne bis zu einer Willy-Brandt-Rede; der Zugang war aber personalisiert. In zwei Monaten soll jedermann freien Zugang zu den Brockhaus-Wissensschätzen erhalten.

Der Strategiewechsel hat gravierende Folgen für das Traditionshaus, dessen Name für viele gleichbedeutend ist mit «gesammeltem Wissen» und vor allem «Zuverlässigkeit». Rund 50 Stellen werden am Standort Mannheim abgebaut werden, die Online-Redaktion, 60 Köpfe stark, sitzt in Leipzig. Finanziert wird das neue Gratisangebot durch Werbung; ob das klappt, weiss noch niemand. Die Enzyclopaedia Britannica, das (vielleicht noch ehrwürdigere) Pendant im angelsächsischen Bereich, hat damit keine grossen Erfolge erzielt, die Printausgabe wird weiter angeboten.

Das ist bei Brockhaus wohl ausgeschlossen: Die 21. Ausgabe der Enzyklopädie, die vor 200 Jahren mit einem sechsbändigen «Conversations-Lexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten» begonnen hatte, wird die letzte sein. Vielleicht bewegt diese Nachricht Nostalgiker noch einmal zu einem Kauf; das «Meisterwerk der Sinnlichkeit und Haptik», so die Verlagswerbung, findet ja in dieser Hinsicht im Netz keine Entsprechung.

Härtester Konkurrent dort ist die Internet-Enzyklopädie «Wikipedia», ein offenes Lexikon, das von den Benutzern ständig weitergeschrieben wird. Das macht es offen für Fehler, ja sogar für Manipulationen; mehrere Tests in jüngster Vergangenheit haben aber ergeben, dass die bei Wikipedia wirkende «Schwarmintelligenz» es an Zuverlässigkeit in der Summe mit der Arbeit einer Redaktion durchaus aufnehmen kann.

Dennoch sind die Spitzen in der Verlagsmitteilung und im Kommentar durch den Pressesprecher unüberhörbar. «Relevant» und «sortiert» soll das Wissen beim digitalen Brockhaus sein, wie gewohnt, vor allem aber «sicher». Natürlich ist das Pfund, mit dem der Verlag wuchern muss, sein Ruf; man muss darauf hoffen, dass Wissensdurstige künftig die Brockhaus-Seite direkt anklicken, denn wer über Suchmaschinen ins Netz geht, landet unweigerlich erst einmal bei Wikipedia. Ein weiterer Konkurrent ist Brockhaus erwachsen, bevor man überhaupt im Netz angekommen ist: «Der Spiegel» und Bertelsmann bieten ab sofort Zugang zum gesamten Archiv, das sind allein 1,6 Millionen «Spiegel»-Artikel.

Der Trend, Informationen kostenlos im Netz für jedermann zur Verfügung zu stellen, ist unumkehrbar. Ein parallel dazu laufender Trend ist es auch: Einzel-Informationen, die klickweise dargeboten werden, ersetzen – das zeigt die Popularität der Quizsendungen im Fernsehen – jenes Wissen, das sich erst aus Kenntnis der Zusammenhänge ergibt, und die hält ein Buch immer noch besser vor. Trotzdem: Auch aus Bits und Bytes kann ein kluger Kopf noch informierter, sogar noch klüger werden. Der allerbeste Computer ist sowieso immer noch das eigene Gehirn.

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