Tragische Geschichte einer allmählichen Entkopplung von der Welt
14. Februar 2008, 15:44 Von Oleg JurjewSeine letzten Lebensjahre verbrachte J.M.R. Lenz, Goethes schwieriger Freund und Dichter-Rivale, in Moskau. Was er dort schrieb, ist jetzt erstmals umfassend zu lesen.
«Am folgenden Morgen, bei trübem, regnerischem Wetter, traf er in Strassburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten. Er tat alles, wie es die andern taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. So lebte er hin ...» So lautet einer der berühmtesten Textschlüsse der deutschen Literatur: Georg Büchner, «Lenz».
Dessen reales Vorbild, Jakob Michael Reinhold Lenz, wurde 1751 in Livland (damals Teil des Russischen Reichs, heute Lettland) geboren, als Sohn eines pietistischen Pfarrers. Er studierte Theologie in Dorpat und Königsberg, bevorzugte aber die Vorlesungen Kants und die Bücher J.-J. Rousseaus. 1771 brach er das Studium ab (worauf sein gestrenger Vater mit ihm brach) und ging als Bediensteter zweier Barone von Kleist nach Strassburg.
Das weitere ist bekannt: Freundschaft mit Goethe, «Sturm und Drang», schneller Ruhm, schwere «Gemütskrankheit». Oberlins Hütte im Elsass, die so schlafwandlerisch-plastisch von Georg Büchner beschriebene. Und: «So lebte er hin ...» Aber für den wirklichen Lenz war dieser Schluss nicht das Ende. Es folgten die Rückkehr nach Livland, die Übersiedlung zunächst nach Petersburg, dann (1781) nach Moskau, wo er elf Jahre lang «hinlebte» – als Hauslehrer, Übersetzer, Entwickler unzähliger Projekte, die zumeist das Bildungswesen des Russischen Reiches zu reformieren suchten, aber gelegentlich auch dessen Heer oder Handel.
Kampf gegen das Schicksal
Über diese Lebensphase war bisher kein komplexes Bild vorhanden, so als ob er nach seinem Verlassen von Oberlins Hütte (und Büchners Novelle) einfach in ein ewig vernebeltes Jenseits geraten wäre, irgendwo hinter dem Mond. Diese Zeit schien ein langer Gedankenstrich zu sein, ein Leerlauf, der einfach mit seinem Tod (1792) auf offener Strasse in Moskau quittiert wurde: «Moskau, den 24. May. Heute starb allhier Jac. Mich. Reinh. Lenz, der Verfasser des Hofmeisters, des neuen Menoza etc. von wenigen betrauert, und von keinem vermisst», so das «Intelligenzblatt der Allgem. Literatur-Zeitung» am 18. August 1792.
Erst jetzt, mehr als 200 Jahre später, wird Licht in die Moskauer Jahre gebracht. Die zweibändige Ausgabe der Moskauer Schriften und Briefe schafft eine genaue und beklemmende Vorstellung von Lenzens Seelenleben und seinen Unternehmungen der Moskauer Jahre. Die Schriften und Briefe erzählen erstmals seine Geschichte zu Ende: die Geschichte einer allmählichen Entkoppelung von der Welt, wobei alle praktischen Bezüge schrittweise verschwinden und an ihrer Stelle nur wenige rein imaginäre, hirngespinstige Koordinaten verbleiben.
Und eben weil das kein einsames Vor-sich-Hinvegetieren war, weil Lenz immer wieder versuchte, sich aktiv in die Realität einzumischen, und weil er von vielen Menschen umgeben war, die versuchten, ihm zu helfen, wirkt seine Geschichte so tragisch, im altgriechischen Sinne tragisch – als von Anfang an verlorener Kampf gegen das Schicksal.
Eine tiefe Empfindlichkeit, ohne welche Klopstock nicht Klopstock und Shakespeare nicht Shakespeare wäre, hat ihn vernichtet. Andere Umstände, und Lenz wäre unsterblich! – soll ein «livländischer Edelmann» dem «russischen Reisenden» Nikolaj Karamzin gesagt haben. Karamzin gehörte zu den vielen russischen Freunden von Lenz, Intellektuellen und Freimaurern (damals beinahe ein und dasselbe). Trotz seiner tiefen Melancholie «versetzten uns seine poetischen Einfälle manchmal in Staunen, am häufigsten aber rührte er uns durch die ihm eigne Gutmütigkeit und Geduld», schreibt derselbe Karamzin im berühmtesten Reisebuch der russischen Literaturgeschichte (Briefe eines russischen Reisenden, 1791/92).
Den Elementarfaden seines Schicksals kann man als «die unerwiderte Liebe» bezeichnen. Unerwiderte Liebe zum Vater. Unerwiderte Liebe zu Goethe (und zu Goethes Frauen, was zweifellos auch der Grund der berühmten, aber nie näher geklärten «Eseley» gewesen war, die Goethe veranlasst hatte, Lenz aus dem Weimarer Paradies zu vertreiben). Unerwiderte Liebe zur Frau überhaupt, wie sie auch geheissen haben mag – Friderike Brion, Charlotte von Stein oder Julie von Albedyll, Tochter aus einer befreundeten livländischen Familie, die er auf der Durchreise nach Petersburg kennen gelernt hatte – seine, so scheint es, letzte Liebes-Tragödie bzw. -Farce. Liebe zur Poesie. Liebe zu Russland, das er für sein Vaterland hielt und dem er nützlich sein wollte.
Unerwiderte Liebe zum Leben
Ganz gleich in welchem Grad all diese Lieben tatsächlich unerwidert blieben, Lenz erkannte grundsätzlich keine Liebe als erwidert an. All diese Fäden, all diese unerwiderten Lieben, flechten sich zusammen zu jenem dicken Schicksalsstrick – zu seiner unerwiderten Liebe zum Leben, die in Lenzens Moskauer Schriften und Briefen buchstäblich schreit und atmet.
In diesem dicken Buch (der zweite Band ist ein Kommentarband, solide und, auch was die Russlandkunde betrifft, absolut vertrauenswürdig) lebt er also hin. Man hört ihn, man sieht ihn, man spürt seine Anwesenheit. Der unruhige Geist hat sein Zuhause gefunden, seine Geschichte ihr Ende.
J.M.R. Lenz: Moskauer Schriften und Briefe. Text und Kommentar. Hrsg. und kommentiert von Heribert Tommek. Weidler-Verlag, Berlin 2007. 2 Bände, 1360 S., 394 Fr.
Oleg Jurjew ist russischer Schriftsteller und lebt in Berlin. Zuletzt erschien in der Edition Suhrkamp von ihm der Roman «Der neue Golem».













