Mit Bauchweisheit und Herzensgüte

25. Februar 2008, 08:06 – Von Martin Ebel

Catalin Dorian Florescu ist gebürtiger Rumäne, aber längst ein Schweizer Autor. Er lebt in Zürich und legt jetzt seinen vierten Roman vor: «Zaira».

«Stille juckt», sagt der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu, der am liebsten in einem Zürcher Café an seinen prallen Geschichten arbeitet.
FANCONI «Stille juckt», sagt der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu, der am liebsten in einem Zürcher Café an seinen prallen Geschichten arbeitet.

Wenn andere Schriftsteller zum Gespräch ins Café bitten, dann, weil sie an einem neutralen Ort mit dem Journalisten reden wollen (oder ihm nicht das heimische Chaos zeigen müssen). Für Catalin Dorian Florescu ist es der natürliche Ort: sein Arbeitsplatz. Ganze Romane hat er im «Si o No» im Kreis vier geschrieben, manchmal neun Stunden am Tag. Er mag den Betrieb, die Hintergrundgeräusche; Stille stört ihn beim Schreiben. «Stille juckt», sagt er und lacht über die eigene glückliche Formulierung. Er mag es auch, einen Arbeitsweg zum Arbeitsplatz zu haben, «wie ein Arbeiter». Dass wir jetzt im «Kafi Schnaps» in der Nähe des Schaffhauserplatzes sitzen, passt auch: Hier hat sich das Wunder ereignet, das dazu führte, dass aus dem geplanten Zwischenstopp Zürich sein Lebensort wurde.

Die Florescus stammen aus Timisoara, hier wurde Catalin 1967 geboren. Aus dem Rumänien Ceausescus auszureisen, war nicht einfach; der Vater erhielt 1976 den Pass nur, um den kranken Sohn im Ausland operieren zu lassen (Catalin leidet an einer Muskelkrankheit, die ihn einschränkt, aber seine Vitalität nicht wirklich zu bremsen im Stande ist). Die Mutter musste anfangs, gewissermassen als «Geisel», im Lande bleiben; erst die zweite Ausreisebewilligung, Jahre später, galt für die ganze Familie. Mit einem voll bepackten Dacia samt Anhänger überquerten sie die Grenze (eine nervenaufreibende Angelegenheit; im Boden des Anhängers waren Geld und Wertgegenstände versteckt, der «geschmierte» Grenzbeamte war am Morgen verhaftet worden; zum Glück winkte ein Kollege das Gespann dann doch durch).

Die Florescus übernachteten in Zürich, in einer Pension beim Schaffhauserplatz. Am nächsten Morgen wollten sie nach Deutschland weiterreisen. Hinter ihrem Dacia stand ein dunkler Mercedes, ein Mann im Anzug wollte gerade einsteigen. Da hatte Florescu senior eine Eingebung. Er schickte die (Deutsch sprechende) Mutter zu dem Mercedes-Fahrer, sie solle ihn fragen, ob er ihnen nicht helfen könnte. Der Mann schrieb eine Telefonnummer auf einen Zettel und gab ihn der Mutter. Es war die Nummer einer Caritas-Mitarbeiterin, welche die Florescus erst einmal bei sich aufnahm und ihnen bei den weiteren Schritten behilflich war.

Das war 1982, seither lebt Catalin in Zürich. Hier hat er Deutsch gelernt (Hochdeutsch und Mundart), hier hat er Psychologie studiert und als Drogenberater gearbeitet, hier ist er zum Schriftsteller deutscher Sprache geworden. «Wunderzeit» (2001), «Der kurze Weg nach Hause» (2002) und «Der blinde Masseur» (2006) sind bei Pendo erschienen, der neue Roman «Zaira» kommt jetzt beim Münchner Verlag C.H. Beck heraus, einer feinen Adresse für Literatur. Als Spitzentitel!

Catalin Florescu weiss, was das für eine Chance ist. Er setzt im Moment ganz auf die Autorenexistenz, mit all dem, was das an Anforderungen, Aktivitäten und Abhaltungen mit sich bringt. Stipendien, die ihm – oft an einem ganz fremden Ort – Ruhe zum Schreiben geben. «Zaira» ist zu grossen Teilen in Worpswede und Münster entstanden, die nächste Station der Berufsschriftstellerei wird, von April an, die Stadtschreiberstelle in Dresden sein.

Nicht nur Dichter sein

Das ist auch «ehemaliger Osten», also nicht ganz fremdes Territorium für den gebürtigen Rumänen, und er ist mächtig neugierig auf die Stadt. Als ich ihm erzähle, dass ein DDR-Onkel früher immer die besten Witze wusste, sein Reservoir nach der Wende aber stark schrumpfte, ist Florescu hochinteressiert. Man meint ihm an der Nasenspitze anzusehen, wie er im Geiste einen kleinen Rechercheplan für Dresden notiert: Was ist aus den DDRWitzen geworden?

Bei aller Hoffnung auf einen durchschlagenden Erfolg mit «Zaira»: Eine Literaturbetriebsnudel will Florescu auf keinen Fall werden. Der 40-Jährige, der immer mit einer Baseballkappe herumläuft, hat sich fest vorgenommen, auch künftig wieder als Drogenberater zu arbeiten. Seine bisherige 60-Prozent-Stelle bei den Sozialdiensten Dielsdorf hat er zwar aufgegeben, aber 100-Prozent-Schriftsteller will er nur vorübergehend sein. Die Arbeit mit anderen, die Sorge für andere geben seinem Leben Struktur und bewahren ihn davor, sich ausschliesslich mit sich selbst zu beschäftigen.

Florescu ist ein reflektierender Mensch, aber auch impulsiv. Beides, so scheint es, braucht der Drogenberater wie der Schriftsteller. Und dieses beides auch noch: Er nennt es «Bauchweisheit und Herzensgüte». Die sind in den letzten Jahren seinen Klienten und seinen Gestalten zugute gekommen. Auch Zaira und ihren Mitmenschen.

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