Eine Art Grossstadtmärchen
27. Februar 2008, 22:31 Von Jörg DrewsIris Hanika hat einen überaus verblüffenden Liebesroman geschrieben: ernsthaft und ironisch, derb und zart. Und auch noch glücklich.
Eigentlich beginnt dieses Buch auf der Rückseite eines anderen Buches. Iris Hanika liess nämlich den Satz «Oder es kommt einmal einer» auf die hintere Umschlagseite ihres letzten Buches «Musik für Flughäfen» setzen, also schon ausserhalb des Textes dort, als ob der Satz der Absprung sei ins nächste Buch. Ob sie da schon was ahnte oder plante? – Diesem Flughafen-Büchlein selbst, einer Serie von «failed loves», können wir jetzt nicht länger nachgehen, obwohl es sehr komisch ist: Da «kommen» nämlich «viele», aber das ergibt dann eben nur eine krause Serie von One Night Stands, Enttäuschungen, Peinlichkeiten und raschem Gehen.
Aber nun gibt es etwas Wundersameres und Wichtigeres zu berichten. Es treffen sich nämlich nun zwei, wie der Titel richtig sagt. Aber das ergibt nicht nur eine Girlande von Skizzen, Fragmenten, Kurzprosa-Seufzern und den Ansatz zu einer Erzählung von 1 bis 20 Seiten, was immer mit einer Trennung, einem Sich-nicht-Vertragen endet. Vielmehr hat dieses Treffen von zwei Menschenkindern, die dann doch ganz rührende «Liebesleut'» werden, 238 Seiten zur Folge: vom Verlassen des Tresens in einer lauen Sommernacht in Berlin (ab zusammen ins Bett) bis zu jenem Moment im September, da die ein bisschen verwirrte Senta leise heulend vor ihrem Thomas steht, und der sagt: «Wir kriegen das schon hin.» Und also bleiben die wohl beisammen.
Das meldenswerte Kunststück ist dabei nun erstens, dass dieser Satz wirkt wie das wunderbarste Glücksversprechen, obwohl er doch als Satz irgendwie medioker ist. Aber der tränendurchnässte Liebeswirrwarr der orientierungslosen und bindungsscheuen bis -unfähigen, auch nicht mehr ganz jungen Senta ist so gross, dass sie, als sie ahnt, dass da der volle Ernst einer Bindung droht, noch verrenkter und verrückter wird. Dieser Thomas mit den schönen, offenbar leicht schielenden Augen – also, diese Augen? Ist das nicht albern? Aber intensiv. Also: Diese Augen! –, wenn der dieselben bzw. seinen Blick in sie senkt, dann fährt ihr der panischste und wohligste Schrecken durch die Glieder: Der könnte IHR SCHICKSAL sein (man muss das wirklich grossschreiben, um den ganzen Drive der Sache, das beinahe Metaphysische dieser Erfahrung, anzudeuten; Senta denkt das geradezu in Grossbuchstaben).
Der Liebe einen Tribut
Und man kann das ja auch verstehen, dass ihr diese Überraschung das Herz zusammenkrampft und ihr Kopf wie irre arbeiten muss, um das überhaupt mal zu denken: Sie liest die französischen Theoretiker rauf und runter, und er ist – Systemberater! Hat man so was Fremdes schon mal gehört? Was ist denn das überhaupt, «Systemberater»? Wie kann man denken, dass solche zwei Leute zusammenpassen?
Tun sie ja zunächst zwar, aber irgendwie auch nicht, sowohl gedanklich wie auch körperlich. Keine Details hier, das wird sich schon richten, so kann man sich mal missverstehen. Und das Tolle ist ja, dass sie in Andeutungen darüber reden können und dann verstehen sie sogar, was sie vorher nicht verstanden haben; man muss manchmal halt nur den Mund aufmachen.
Das Kunststück ist nun zweitens aber, dass diese Liebesgeschichte eine ganz ernsthafte und zugleich ganz ironische Sprache hat: Die Liebe wird hier nicht weggehöhnt, sondern ihr wird mit Leichtigkeit Tribut gezollt. Keinen Augenblick glauben die beiden so ganz richtig an die «grosse Liebe», nur eben: Sie sind mitten drin. Und sie – denn meist wird von der Ecke, den Augen, dem Hirn Sentas aus gedacht und erzählt – fühlt und redet (meistens mit sich selbst, obwohl es da auch die schlappmaulige lebenserfahrene Freundin gibt) so ein bisschen girliehaft, unkräftig, flatterhaft. Man glaubt immer, eine kleinmädchenhaft süsse Stimme zu hören.
So taumeln und stolpern sie aufeinander zu und ineinander, und glaubten wir noch an Wunder und hemmungslose Emphase, müssten wir sagen: «Oh welch ein Glück! Ein Grossstadtmärchen! Es gibt doch noch Wunder!» Und das begibt sich so strahlend lächelnd, dass man eine Weile jene rationalen Zweifel vergisst, die einen doch befallen müssen, wenn man in einem nüchternen Moment denkt, dass 50 Prozent der Ehen in diesem geschilderten Milieu scheitern, Punkt, aus, basta, schauen wir der Wahrheit ins Auge.
Aber das ist eben nicht alles in der Welt. Nein, da wird von einem rührenden Glück zweier Tölpel erzählt, durchaus heutiger Tölpel in durchaus heftig-heutiger Sprache – na ja, wie die Leute halt in Berlin so reden; und dann wird auch wieder ganz albern-schwebend erzählt von Momenten, in denen die beiden strahlend und zart einverstanden sind damit, in der Welt zu sein, in diesem Moment in dieser Stadt, und das Tolle ist, dass man tief bewegt mit den beiden sympathisiert und denkt: So geht es manchmal auch, ja, doch, solche Erfahrungen gelungenen Lebens kann man bisweilen schon machen.
Und endlich kann ich mich mal lesend mit einer geglückten Liebe amüsieren, und zwar nicht unter meinem Niveau. Das hat mit ihrer Prosa die Iris Hanika getan.
Iris Hanika: Treffen sich zwei. Roman. Droschl, Graz 2008. 238 S., 34.50 Fr.
Schweiz
- 22:29Schweizer Zückerchen für die Chinesen
- 18:06Kritik an Druck auf Migranten
- 16:44«Bei einem Erdbeben ist ein Hochhaus das sicherste Gebäude»
- 15:57So viele Asylgesuche wie seit zehn Jahren nicht
- 15:24«Die Berichte sind halt doch die Filetstücke der Evaluation»
- 15:17«Bundesrichter kochen auch bloss mit Wasser»





























