In Israel wird mit Architektur Politik gemacht

28. Februar 2008, 16:09 – Von Tobias Moorstedt

Eyal Weizman, 38, ist Professor und Architekt. Er pendelt zwischen London und Bethlehem – und keiner analysiert die Tücken der Siedlungspolitik im Westjordanland so gut wie er.

Das mehrdimensional segregierte Jerusalem (im Vordergrund eine Brücke, die es Israelis ermöglicht, von A nach B zu kommen ohne mit den Palästinensern in Kontakt zu kommen). Die weisse Linie ist der Verlauf der Trennmauer. Die Bildcollage stammt von Weizman.
WEIZMAN Das mehrdimensional segregierte Jerusalem (im Vordergrund eine Brücke, die es Israelis ermöglicht, von A nach B zu kommen ohne mit den Palästinensern in Kontakt zu kommen). Die weisse Linie ist der Verlauf der Trennmauer. Die Bildcollage stammt von Weizman.

Nach 20 Sekunden ergreifen die Flammen auch das rote Ziegeldach des Reihenhauses. Durch ein Fenster sieht man, wie Wände, Möbel und Vorhänge in einem goldgelben Energiesturm verschwinden. Eine Minute später ist das Kartonhaus abgebrannt. Der Miniatur-Wohnungsbrand ist eine politische Geste. Palästinensische Demonstranten hatten bei einer Kundgebung in Gaza City eine Kartonhaussiedlung in Brand gesteckt, die sie mit viel Liebe zum Detail und mit roten Ziegeldächern versehen hatten – man erkennt sie sofort als jüdische Siedlung. Nationalflaggen oder Stellvertreterpuppen von feindliche Führern zu verbrennen, gehört in der Region zur politischen Folklore. Bei dieser Demonstration aber wird nicht Ariel Sharon attackiert, sondern seine Schöpfung, die Siedlungen, als erlebte Manifestation des Besatzungssystems.

Ein Foto dieses pyrotechnischen Voodoo-Zaubers ist auf Seite 188 des Buches «Hollow Land» von Eyal Weizman abgedruckt. Es ist die Verbildlichung seiner These, dass «Architektur und Landschaftsplanung in Palästina zum wichtigsten Mittel der Enteignung und Besatzung geworden sind». Weizman ist ein israelischer Architekt und Aktivist. In «Hollow Land» zeigt er, dass Israel nach den Kriegen der 60er- und 70er-Jahre seine Sicherheitsbedürfnisse nicht nur durch Soldaten und Polizeiaktionen befriedigte, sondern vor allem durch die Siedlungen auf den Hügelkuppen, den Strassenbau, die Kontrolle über die Infrastruktur. «Mit einem Knopfdruck kann die Armee die Flüsse von Wasser, Strom und Menschen regeln», sagt er; «es ist ein architektonisches Regime».

Zwischen Theorie und Praxis

Bis Ende 2008 sollen sich Israel und die palästinensische Regierung auf eine Lösung verständigen. Wie schwierig dieser Prozess der Einigung und Entwirrung werden wird, versteht man vielleicht erst, wenn man Weizmans Buch gelesen hat. Eyal Weizmann, 38, der Gründungsprofessor des Instituts für «Research Architecture» der Goldsmith-Universität, sitzt in seinem Loft über dem Londoner East End. Er ist gerade von einer Vortragsreise aus New York zurück und sichtlich erschöpft. Zwei Tage später fliegt er weiter nach Bethlehem, wo er Teilhaber eines Architekturbüros ist. Dieser oszillierende Lebensstil ist so etwas wie die Methode des forschenden Architekten: das Erkennen aus der Mitarbeit heraus. Weizman arbeitete für die Palästinensische Autonomiebehörde, für eine Nichtregierungsorganisation in der Region, für das Anwaltsteam, das den Bau der Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland vor den Internationalen Gerichtshof brachte. Architekten, meint Weizman, haben schon immer viel geforscht, über Materialeigenschaften, Wetter, Bodenaufbau und die Psychologie von Beton. Weizman aber will keine neue Struktur bauen: «Mich interessiert, wie Raum als Index von politischem Wandel gelesen werden kann.»

Auch ein Haus ist eine Kampfeinheit

Die Karten, die er über den Raum zwischen Mittelmeer und der Grenze zu Jordanien gezeichnet hat, zeigen einen bunten Flickenteppich. Von oben sieht die Region aus wie eine Mischung aus Picassos blauer Phase und dem orbitalen Realismus von Google Earth. Auf seinen Recherchereisen hat Weizman jede jüdische Siedlung eingetragen, jede Strasse, jede militärische Sperrzone: Heraus kommt keine gerade Grenze, sondern «eine Linie, die im Fluss ist, wie bei einem norwegischen Fjord, an dem die Grenze zwischen Land und Wasser jeden Tag neu verhandelt wird». Weizman beschäftigt sich schon zu lange mit dem komplexen Konflikt, als dass er vorgeben oder auch nur annehmen würde, ein Kartograf könne so etwas sein wie ein unpolitischer Akteur: «Wer eine Karte zeichnet, nimmt immer Einfluss darauf, wie der Raum in Zukunft behandelt wird.»

Ariel Sharon, daran erinnert Weizman gerne, war ein Kartenmensch, ein Kartenfresser, ein Kartengenie und Kartenjünger. Für Sharon, so Weizman, waren der Verteidigungskrieg auf der Halbinsel Sinai und die Kolonisierung der Westbank Teil ein und desselben Projekts. Genau wie er den Krieg von 1973 nicht an einer Front führen wollte, sondern «in der Tiefe des Raumes», betonte er nach dem Waffenstillstand die Bedeutung der Hügelkuppen in den besetzten Gebieten und unterstützte den Siedlungsbau. Bei der Planung der neuen Gemeinden spielten nicht traditionelle Kriterien wie Klima, Ressourcen und Infrastruktur eine Rolle, sondern allein die strategische Bedeutung des Standorts: «Das Haus mit roten Schindeln ersetzte den Panzer als die kleinste Einheit des Kampfes», sagt Weizman.

Im Jahr 2006 lebten laut Weizman mehr als 260'000 jüdische Siedler im Westjordanland. Das Projekt hat seit den 70er-Jahren mehr als 10 Milliarden Dollar verschlungen. «Israel hat ein Netzwerk über das Westjordanland gelegt, das das bereits existierende Netz, das Gemeinschaftsgefühl, die Infrastruktur neutralisierte.» Architektur ist Politik, hat der amerikanische Softwareguru Mitch Kapor gesagt. Was für Software gilt, gilt auch für die Stadt: Strassen, Mauern und Verkehrsschilder bestimmen unser Verhalten im urbanen Prozess. Nach dem Abzug aus Gaza und der Evakuierung der Siedlungen, sagt Weizman, «behält die israelische Armee die Kontrolle über die Palästinenser, indem sie deren Bewegung durch den Raum überwacht» – genau wie Müllentsorgung, finanzielle Transaktionen und den Warenverkehr.

Jedes politische System hat seine ästhetisch-funktionale Repräsentation hervorgebracht. Versailles oder der Kölner Dom sind Monumente des Absolutismus. Das Pentagon, die ausufernde Behörde, das grösste Gebäude der Welt, ist die Verkörperung der demokratischen Bürokratie. Auch die imaginären Räume des Nahostkonflikts, meint Weizman, «haben mittlerweile die Form eines Gebäudes angenommen, sehen aus wie ein Flughafen». Der Flughafen ist das Symbolgebäude des hysterischen Sicherheitsstaates, der einen grenzenlosen Krieg gegen den Terror führt und sich an der Performance der Security berauscht: Eine Betonkonstruktion mit abwischbaren Oberflächen und steriler Luft wird zum Palast der Gegenwart.

Aus dem Fenster seiner zweistöckigen Loft sieht man ein Meer aus Antennen, Kaminen und Backsteinbauten. Am urbanen Horizont erhebt sich die 3-D-Ellipse des Swiss-Re-Towers. Die Klimaanlage bläst den scharfen, süsslichen Geruch der Curry- und Kebab-Buden im Erdgeschoss in den Wohnraum. Auf den bunten Schildern der Brick Lane leuchten arabische Schriftzeichen neben kleinen Designershops und Plattenläden. Manchmal scheint der Weg von London nach Ramallah gar nicht so weit, und manche Dinge kommen Weizman auch bekannt vor, nach seiner Rückkehr aus Nahost: die Polizisten in den Neonwesten mit den Maschinengewehren, die flächendeckende Beobachtung durch Überwachungskameras. «Manchmal kommt man sich vor wie in Tel Aviv.»

Das sechsdimensionale Jerusalem

Der Versuch, Israel und Palästinenser durch den Betonwall zu trennen, ist zum Scheitern verurteilt, meint Weizman. Auf seinen Karten erkennt er eine «Situation der gegenseitigen Umfassung». Die Siedlungen in der Westbank, die Palästinenser in den Sicherheitszonen sind jeweils Inseln, die physisch und legal von ihrem räumlichen Kontext entfremdet sind. Dieses komplexe Zusammen-aneinander-gegeneinander-Leben kann man durch Stacheldraht und Bulldozer nicht trennen. Das führt zu der «absurden Architektur der vertikalen Trennung», die Weizman in seinem Buch beschreibt: Israelische Tunnel führen unter palästinensischen Siedlungen hindurch, palästinensische Strassen überqueren jüdische Viertel, in manchem Gebäude ist die Souveränität sogar nach Stockwerken aufgeteilt. «Aus drei Dimensionen werden sechs», sagt Weizman. Willkommen in Jerusalem, der 6-D-City.

Die Teilung dieses Komplexes ist laut Weizman unmöglich. Lieber macht er sich Gedanken, wie man die jüdischen Siedlungen «umnutzen und rückbauen könnte». Die suburbanen Strukturen, die so abweisend erscheinen, will er zusammen mit Architektenkollegen in Gemeinde- und NGO-Zentren umbauen. Manchmal genügt eine kleine Änderung, etwa, dass in eine der Aussenmauern der Siedlungen eine Tür eingebaut wird, die den Komplex gegenüber den palästinensischen Nachbarn öffnet. Und hier findet Weizman in all den «schrecklichen Vorkommnissen» den Funken Hoffnung, die kleine Utopie: «Wir entdecken dass man die Suburbs anders nutzen kann.» Und das ist wichtig. Denn die Cowboy-Economy, in der jeder Mensch eine eigene Ranch und möglichst viele PS haben will, um dann Vorgartenkleinkriege zu führen, «die können wir uns ja nicht mehr lange leisten».

Eyal Weizman: Hollow Land. Israel's Architecture of Occupation. Verso Books, London 2007. 288 S., 51.90 Fr.

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