«Der Antrieb ist neugierige Unwissenheit»
29. Februar 2008, 17:49 Von Thomas BodmerFritz Senn gilt als der beste Leser, den James Joyce je gehabt hat. Was ihm wichtig ist, erzählt der 80-Jährige im Memoirenband «Zerrinnerungen».
Auslöser war ein Missverständnis: Der schüchterne Anglistikstudent Fritz Senn hatte gelesen, «Ulysses» von James Joyce sei ein obszönes Buch. Als der 23-Jährige 1951 als Austauschstudent nach England kam, kaufte er das Buch – und war enttäuscht: «Es war nicht so unanständig, wie ich mir erhofft hatte», sagt er heute. Und schwierig war es auch. «Ich hatte keinerlei Voraussetzungen, es zu lesen. Mein Englisch hatte ich auf der Sekundarschule gelernt.»
Warum er sich dennoch durchbiss, weiss er nicht mehr, dafür erinnert er sich, wann es «klick!» gemacht hat, und das hat eben doch etwas mit Erotik zu tun. Leopold Bloom, die sympathische Hauptfigur des «Ulysses», sagt sich beim Gedanken an seinen Rivalen, einen Sänger: «Tenors get women by the score». Ein «Ulysses»-Kommentar wies darauf hin, dass «score» nicht nur «zwanzig», sondern auch «Partitur» bedeuten kann. (Hans Wollschläger übersetzte den Satz mit «Tenöre kriegen die Frauen schockweise.»)
Wie Joyce da zwei Bedeutungen sinnvoll zusammenbrachte, zog Senn in den Bann. Im Memoirenband «Zerrinnerungen» spricht er gegenüber dessen Herausgeberin Christine O'Neill von «textuellem Umgang», dem «Ringen und Kosen mit einem Text, der neckt, sich züchtig zurückhält und verführt. Sprachliche Kopulation.»
Jodeln auf englisch
Statt sich zwecks sprachlicher Masturbation ins Kämmerlein zurückzuziehen, begann Senn mit anderen Joyce-Leserinnen und -Lesern zu korrespondieren. Und weil er 1928 in Basel geboren, aber in Zürich aufgewachsen war, beschäftigte er sich mit Schweizerischem und spezifisch Zürcherischem im «Ulysses» und dem letzten Werk von Joyce, «Finnegans Wake». Dort findet sich der zunächst vollkommen kryptische Satz «mean fawthery eastend appullcelery, old laddy he high hole». Nun war Joyce ein ausgesprochen musikalischer Mensch und ist «Finnegans Wake» ein Buch, das man unbedingt laut lesen sollte. Und siehe da, plötzlich beginnt der Satz zu klingen wie das Schweizerlied «Min Vatter isch en Appizäller» samt gejodeltem Refrain.
So etwas zu entdecken, bringt ein Glücksgefühl, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann: Ich begann meine Joyce-Lektüre tatsächlich bei «Finnegans Wake», was nur möglich war dank einem von Senn geleiteten Volkshochschulkurs. Während man bei der einsamen Lektüre ob der Undurchsichtigkeit des Textes bald einmal verzweifelt, funktioniert die Gruppenlektüre wie ein Gesellschaftsspiel mit Fritz Senn als Spielleiter (er hat übrigens auch ein Fussballtrainer-Diplom Klasse C). Hat man erst einmal erkannt, dass in «Yssel that the limmat?» nicht nur der englische Satz «Isn't that the limit?» steckt, sondern auch Namen von Flüssen in den Niederlanden und in Zürich, entdeckt in der Nähe der Passage ein anderes Gruppenmitglied plötzlich ein malaiisches Wort für «Fluss».
Ich kenne keinen Lehrer, der die Lust an Lektüre besser weitergeben kann als Fritz Senn. Er erklärt sich das mit seiner Biografie: Sein Vater arbeitete in einer Klischeefabrik, seine Mutter als Putzfrau. Am Ende der Primarschule war davon die Rede, dass manche ins «Gymi» gehen würden. «Ich wusste nicht, was das war», erzählt Senn heute, «meine Eltern auch nicht. Kein Lehrer sagte mir was. Es war keine Option.» So ging er eben auf die Sekundar- und von dort dann auf die Oberrealschule. Dabei hätte er von seinen Interessen her klar auf ein humanistisches Gymnasium gehört.
Er brachte sich dann selbst Latein und Griechisch bei, und zu seinen schönsten Aufsätzen gehören diejenigen, in denen er mit joycegeschärftem Blick Ovid oder Homer liest. Denn er sieht Dinge, die Altphilologen entgehen (nachzulesen in seinem ersten Buch «Nichts gegen Joyce»).
In den Seminaren des berühmten Germanisten Emil Staiger brachte Student Senn kein Wort heraus: «Da meldeten sich eigentlich nur Deutsche», erzählt er. Also wechselte er zu den Anglisten, wo es ihm aber wenig besser erging. «Ich hätte Ermutigung gebraucht. Doch die kam nicht. Deshalb kann ich mich heute in Studenten hineinversetzen, die zum ersten Mal mit Joyce konfrontiert werden und in eine Art Ehrfurchtsstarre verfallen. Denen möchte ich etwas von der Freude vermitteln, die mir die Lektüre macht.»
Er geht immer von konkreten Texten aus, betreibt das, was auf Englisch «close reading» heisst. Theorien sind nicht sein Ding. So berichtet er in «Zerrinnerungen» von der Begegnung mit einem lacanianischen Text, in dem der «Phallus» definiert wird als «ein (nicht existierender) transzendenter Signifikant, der mutmasslich dem maskulinen Subjekt monadische Selbstgenügsamkeit und Beherrschung der Symbolischen Ordnung verleiht». Senn: «Wenn eine zu erklärende Unbekannte durch drei (oder sind es fünf?) andere Unbekannte bestimmt wird, werfe ich das Handtuch.» Das Buch sei von anderen gut aufgenommen worden. Ihm bleibe nur verschwommen im Gedächtnis, «dass der Phallus eine Art Schweizer Militärmesser sein muss, mit dem man alles Mögliche anstellen kann, ich selbst aber gar nichts».
Für Anfänger und Fortgeschrittene
Senns eigene Joyce-Bibliothek wurde zum Grundstock der Zürcher James-Joyce-Stiftung, die er seit 1985 leitet. Stolz sagt er, es gebe weltweit keinen besseren Ort, um sich mit Joyce zu beschäftigen. Deshalb vergibt die Stiftung Stipendien für zwei Monate dauernde Studienaufenthalte. Besonders gefördert werden Studenten aus Osteuropa: «Wer dort Joyce macht, muss viel besser motiviert sein als jemand mit englischer Muttersprache.» Dann finden einmal im Jahr Workshops statt, an denen nicht öde «papers» vorgetragen, sondern Themen diskutiert werden. Für Normalsterbliche gibt es das ganze Jahr hindurch Lesegruppen: dienstags 17.30 bis 19 Uhr «Ulysses für Anfänger»; donnerstags 16.30 bis 18 Uhr «Ulysses für Fortgeschrittene» und 19 bis 20.30 Uhr «Finnegans Wake». Diese Gruppen sind gratis und jedermann zugänglich.
«Der Antrieb ist neugierige Unwissenheit», sagt Senn in «Zerrinnerungen», und im Gespräch: «Das Nichtverstehen ist im Leben doch die Norm. Man darf sich davon nicht entmutigen lassen. Verstehen müssen ist eh blöd. Alles Müssen ist immer schlecht. Bei uns darf man. Und was das Schönste ist: Immer wieder finden Leute, die neu dazukommen, Dinge, die mir altem Hasen bisher entgangen sind. Deswegen macht mir Joyce bis heute mehr Vergnügen als jede andere Lektüre.»
Christine O'Neill: Zerrinnerungen. Fritz Senn zu James Joyce. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007. 400 S., 54 Fr.





























