Die Schweiz schwimmt in den Blutbädern, die andere anrichten

11. März 2008, 16:00 – Von Martin Halter

Kehrt der politische Roman zurück, und gar in die Schweiz? Dafür spricht der aufwühlende Roman von Lukas Bärfuss über den Völkermord in Ruanda.

Engagiert: Lukas Bärfuss.
FANCONI Engagiert: Lukas Bärfuss.

Das Gerücht von der Wiederkehr des politischen Romans basiert auf einem Missverständnis. Dirk Kurbjuweit hat einen ordentlichen («Nicht die ganze Wahrheit»), Michael Kumpfmüller («Nachricht an alle») einen eher misslungenen Politiker-Roman geschrieben. Lukas Bärfuss' «Hundert Tage» ist dagegen wirklich ein politischer Roman, ein sehr bemerkenswerter sogar, obwohl die Schweiz, das von der Geschichte verschonte, neutrale «Land der Unschuldigen», bislang als schlechtes Pflaster dafür galt.

Bärfuss hat sich mit Theaterstücken über drängende gesellschaftliche Probleme einen Namen gemacht; sein Prosadebüt «Die toten Männer» (2002) war dagegen todlangweilig. Jetzt aber geht es nicht mehr um die Sinnkrisen eines lebensmüden Buchhändlers, sondern um das Versagen der Schweizer Entwicklungshilfe beim Völkermord in Ruanda, mehr noch: um die Mitschuld ebenso hochmütiger wie naiver Moralisten am grössten Genozid seit Auschwitz. Ja, die Schweiz hat immer selbstlos geholfen – und sich bei jedem Verbrechen hinter einem noch grösseren Verbrecher versteckt. «Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten. Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben.»

Ruanda galt einmal als die Schweiz Afrikas: ein Bilderbuchland mit fleissigen, friedlichen Bergbauern, einer prosperierenden Wirtschaft, wenig Korruption und einer halbwegs funktionierenden Demokratie. So lernte es Bärfuss in der Schule, und deshalb drängelten sich auch 220 Hilfsorganisationen in Kigali, darunter (und immer nah beim Präsidenten) die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). 1994 verwandelte sich das fast «langweilig zivilisierte» Paradies in eine Hölle: Hutu schlachteten binnen weniger Wochen 800'000 Tutsi ab.

Die Vergehen der Gutmenschen

Das Massaker gilt mittlerweile als gut erforscht und ist auch in Filmen wie «Hotel Ruanda» und Romanen wie Gil Courtemanches «Ein Sonntag am Pool in Kigali» oder zuletzt Andrew Millers «Optimisten» immer wieder thematisiert worden. Sozialwissenschaftler sagen, dass es keine «normale» Stammesfehde war, kein Rückfall in atavistische Gewalt und anarchisches Chaos, sondern ein moderner, systematisch geplanter Völkermord. Und wenn die Schweiz Afrikas die «perfekte Hölle» in sich trägt, kann auch die Schweiz einmal das Ruanda Europas werden.

Bärfuss kennt die Literatur und spitzt die Argumentation noch weiter und schmerzhafter zu: Was westlichen Medien damals als Beleg für die ewige Unergründlichkeit und Grausamkeit des schwarzen Kontinents erschien, war in Wahrheit ein schrecklicher Triumph Schweizer Ordnung und Rechtschaffenheit. Ruanda war unser gelehriger Schüler. Der Massenmord konnte nur deshalb so laut- und reibungslos exekutiert werden, weil Schweizer Gutmenschen, politisch korrekte Idealisten mit besten Absichten, die Infrastruktur dafür bereitstellten (die Macheten kamen aus China), die Hetz-Journalisten schulten, den Präsidenten sträflich unterschätzten und bis zuletzt nicht wahrhaben wollten, was nicht sein durfte. Diese «Symbiose von unserer Tugend mit ihrem Verbrechen» zerreisst dem (fiktiven) Deza-Angestellten David Hohl schier Herz und Verstand: «Weil ich gerecht sein wollte, wurde ich schuldig, und als ich mich schuldig machte, fühlte ich mich gerecht.»

Bärfuss malt schwarz, aber er richtet nicht. Seine Kritik an der Blauäugigkeit und Arroganz der Entwicklungshelfer ist unerbittlich, manchmal vielleicht auch ungerecht, aber nie rechthaberisch. Es gibt keine einfachen Wahrheiten, und auch er hat keine Lösungen. Man muss und kann aber genau hinschauen. Zwei Jahre lang hat Bärfuss für seinen Roman recherchiert: Augenzeugen befragt, Akten gelesen, die Schauplätze des Verbrechens besucht.

Manchmal droht der Roman unter der Last der Fakten über Geschichte, Politik, Mineralogie und Bohnenzucht Ruandas zu ersticken. Aber Bärfuss schafft es, seine Recherchen erzählerisch zu verflüssigen, seine moralischen und politischen Zweifel in lebende Figuren, eindringliche Szenen und verblüffend einleuchtende Tiermetaphern zu verwandeln. Das Grauen, das Joseph Conrad einst im nahen Kongo sah, wird nur indirekt beschrieben, aber es ist überall und so verstörend konkret wie die Schuld des Erzählers.

Im Herz der Finsternis

David bleibt im April 1994, als alle Weissen evakuiert werden, zurück in Kigali; ein völlig irrationaler Akt zwischen kindischer Mutprobe und Liebeswahn. Sehenden Auges blind, lebt er in seinem Versteck von dem, was sein Hutu-Gärtner mordend und plündernd für ihn zusammenrafft; feige schaut er weg, als marodierende Kindersoldaten die Tutsi-Haushälterin abholen. Er hätte wissen können, was sich da zusammenbraute: Agathe, seine europäisch gebildete, kultiviert ironische Geliebte, verwandelte sich in «Madame Pompadour», eine «bornierte, verschlagene, sadistische Rassistin», die das Morden rechtfertigt und wohl auch anführt. Und das Schlimmste daran ist: Die Metamorphose erregt den Menschenfreund emotional, sexuell, moralisch. Je fremder Agathe ihm wird, desto aufregender empfindet er ihre Schamlosigkeit, ihre «liederliche» Grausamkeit und seine eigene Verworfenheit.

So driftet David immer weiter weg von der fast kafkaesken «Direktion»: Weg von Marianne, der mütterlichen Koordinatorin, weg von Paul, der seinen ungezogenen Musterschülern den Völkermord persönlich übel nimmt, hin zu Missland, dem zynischen, korrupten Huren- und Sündenbock der Europäerkolonie. Schweizer Entwicklungshelfer sind «Kooperanten»: engagiert, nüchtern, belastbar. Sie sprechen Französisch, die Sprache der Vernunft, und schliessen ihre Büros um siebzehn Uhr. Worüber die Einheimischen in ihrem Bantudialekt reden, was sie nachts in ihrem «Paralleluniversum» treiben, wollen die Freunde der Ordnung und «interkulturellen Kommunikation» lieber nicht wissen. Bärfuss blickt tief ins Herz der Finsternis. Was er sieht, kann niemandem gefallen; aber es macht «Hundert Tage» zu einem grossen, aufwühlenden Roman.

Lukas Bärfuss: Hundert Tage. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 198 S., 38.40 Fr.

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